«Wenn ich ins Tal gehe, friere ich manchmal mehr»
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Europäische Forschungsstation
Die Hochalpine Forschungsstation Jungfraujoch wird von der Internationalen Stiftung Hochalpine Forschungsstationen Jungfraujoch und Gornergrat mit Sitz in Bern betrieben und finanziert. Diese wurde 1930 gegründet. Ein Jahr darauf war der Bau der Forschungsstation Jungfraujoch abgeschlossen. Die heutigen Mitglieder sind die Schweizerische Akademie der Naturwissenschaften, Jungfraubahnen AG, Gornergrat Bahn AG, Burgergemeinde Zermatt, Universität Bern, Fonds de la Recherche Scientifique (Brüssel), Max-Planck-Gesellschaft (München), The Royal Society (London) und die Österreichische Akademie der Wissenschaften (Wien).
Die meteorologischen Messstationen befinden sich im 1937 eingeweihten und mehrmals ausgebauten Sphinx-Observatorium auf 3571 Meter über Meer, die mit einem Lift erreichbar ist. Aufgrund der Höhe der Station sind die dort gesammelten Daten über Teilchen in der Luft, sogenannte Aerosole, insbesondere für Umweltwissenschaftler und Atmosphärenphysiker interessant. Heute verzeichnet die Hochalpine Forschungsstation rund 900 Arbeitstage von Forschenden pro Jahr.
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Blauer Himmel, einige hohe Wolken - schön. So tönt der Wetterbericht am Samstag vom Jungfraujoch. Urs Otz hat dort morgens um halb sieben Uhr die Temperatur abgelesen. Minus 22 Grad. Jetzt, um die Mittagszeit, sind es minus 20. Es sind seit einer Weile die ersten routinemässigen Messungen gewesen. Erst Ende vergangener Woche ist das Ehepaar Urs und Maria Otz wieder an seinem Arbeitsort auf 3450 Meter über Meer angekommen: der Hochalpinen Forschungsstation Jungfraujoch.
Die Forschungsstation ist 365 Tage im Jahr bewohnt. Zwei Ehepaare betreuen sie abwechselnd. Sie sind dort gleichermassen Gastgeber, Hauswarte und Assistenten für Forschende aus dem In- und Ausland (siehe Kasten). Alle drei Stunden beobachten Otzes auf der Sphinx die Wettersituation und melden sie an Meteo Schweiz in Zürich. Von der Kältewelle spüren sie hier wenig. «Schon im Dezember hatten wir so tiefe Temperaturen - damals redete noch niemand davon», sagt Urs Otz am Telefon. Überhaupt empfinde man die Kälte in dieser Höhe weniger, weil die Luft trocken sei. «Wenn ich ins Tal gehe, friere ich manchmal mehr.»
Maria und Urs Otz haben ihre beiden 65-Prozent-Stellen als Betriebswarte erst im vergangenen Herbst angetreten. 65 Prozent heisst: 13 Tage Arbeit am Stück - dann, wenn das Betriebsleiter-Ehepaar Martin und Joan Fischer sie ablöst, den Rest des Monats frei. Die Aufgaben auf der Station sind divers und anspruchsvoll. Das gefällt Otzes an ihrem Job. «Wir unterhalten die Gebäude, betreuen wissenschaftliche Versuche, stehen in Kontakt mit Forschenden und leiten daneben rund 50 Führungen im Jahr», sagt der 57-jährige Urs Otz. «Zum einen putze ich hier oben täglich Toiletten, zum anderen muss ich bei Führungen auch komplexe Dinge in Englisch erklären können», ergänzt die Ehefrau. Die Forschungsstation sei eben ein Ort der Gegensätze und Extreme. In der Nacht seien mitsamt einem Bahnangestellten drei Personen auf dem Joch, am Tag seien es oftmals Tausende. «Mal sehen wir rund herum nur grau und weiss, dann wiederum das schönste Alpenpanorama, das man sich vorstellen kann.»
Wer meint, Otzes seien Wissenschaftler, liegt falsch. Ebenso, wer glaubt, an einem solchen Ort müssten entweder Alpinisten oder dann exzentrische Aussteiger arbeiten. Die 55-jährige Maria Otz ist Primarlehrerin und diplomierte Arbeitsagogin, arbeitete bis im vergangenen Jahr mit psychisch beeinträchtigten Menschen und war Familienfrau. Urs Otz arbeitete lange Jahre als Mechaniker in den BLS-Werkstätten in Bönigen. «Das ist jetzt etwas ganz anderes», sagt er. Heute dokumentiert er unter anderem Messwerte des radioaktiven Isotops Krypton 85 und erklärt, dass das Bundesamt für Strahlenschutz in Freiburg im Breisgau mit diesen Daten Rückschlüsse auf Emissionen der Wiederaufbereitungsanlagen in Europa ziehen kann. Die verschiedenen Aspekte ihrer Tätigkeiten in der Forschungsstation scheinen gut zu Otzes zu passen. «Er ist vor allem im handwerklichen Bereich stark, ich eher in menschlichen Dingen», sagt Maria. «Zusammen decken wir alles ab.» Sie sind seit gut dreissig Jahren verheiratet.
Das Ehepaar berichtet von seiner Arbeit mit Lockerheit und bisweilen mit einer professionellen Selbstverständlichkeit. Natürlich hätten sie viel diskutiert, bevor sie sich für die Stelle beworben haben. Jetzt, da ihre beiden Kinder auf eigenen Beinen stehen und sie auch sonst keine Verpflichtungen mehr haben, sei ein solcher letzter Stellenwechsel möglich geworden. Sie möchten auf der Station arbeiten, bis sie pensioniert werden. Und wie findet man solch einen Posten? «Meine Frau hat den ‹Stellenanzeiger gelesen›», sagt Urs und lacht.
Das Zusammenleben in der Abgeschiedenheit des Jungfraujochs laufe reibungslos. Ihre Arbeitsbereiche hätten sie sich aufgeteilt, sagt Maria, «weil es doch sehr viel zu lernen gibt». Urs Otz verbringt den Tag meist bei den Messstationen auf der Sphinx und im Erdgeschoss der Forschungsstation. Maria Otz betreut vor allem die übrigen Bereiche. Man hocke darum auch nicht immer «ufenand obe». Auf der geräumigen Forschungsstation teilen sich die Ehepaare eine Küche und ein Wohnzimmer und haben jeweils ihre eigenen Schlafzimmer mit Dusche und Toilette. «So hat man genügend Freiraum, selbst für den Fall, dass wir einmal Krach hätten», sagt Maria Otz.
(Der Bund)
Erstellt: 06.02.2012, 09:57 Uhr
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