Bern
Was wäre, wenn die Jungfraubahn nicht wäre
Von Walter Däpp. Aktualisiert am 01.08.2012
Kein Aprilscherz mehr
Es begann mit einem Scherz der «Neuen Zürcher Zeitung» – zum 1. April 1886. Da berichtete ein gewisser Ingenieur S. Ch. Windler («Schwindler»), die Londoner «Mountain-Way-Company» plane «die Anlegung eines für Fussgänger, Pferde und Maulthiere gangbaren, absolut gefahrlosen Weges auf die Jungfrau und die Errichtung einer Schlittenbahn auf dem Grossen Aletschgletscher».
Dieser Scherz dürfte etliche Bahnpioniere animiert haben. Als der Bundesrat später Konzessionsgesuche behandelte, konstatierte der «Bund» am 20. Oktober 1886 jedenfalls: «Die Erstellung einer Eisenbahn auf die Jungfrau ist kein Scherz mehr.» Zwar hatte Nationalrat Friedrich Seiler schon früher Pläne vorgelegt. Doch konkrete Projekteingaben erfolgten erst 1889. Der damals im Pariser Büro des Eiffelturm-Erbauers Gustave Eiffel tätige Moritz Köchli sah in seinem Konzessionsgesuch 1889 den Bau einer Standseil- oder Zahnradbahn vor, die von Stechelberg in fünf Tunnels zum Jungfrau-Gipfel führen sollte.Es folgten weitere Projekte (siehe «Bund» vom 6. Februar 2012), bis der Zürcher Industrielle Adolf Guyer-Zeller 1893, im Jahr der Eröffnung der Wengernalpbahn, seine Idee vorlegte. Diese wurde dann – abgesehen vom letzten Teilstück, einem Lift im Berginnern vom Joch auf den Jungfraugipfel – realisiert. Am 21. Dezember 1894 erteilte das Parlament die Baubewilligung, am 27. Juli 1896 war auf der Kleinen Scheidegg Baubeginn. 16 Jahre später, am 1. August 1912, wurde die Jungfraubahn eröffnet.
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«Jungfraujoch – Top of Europe. Alles aussteigen.» Eine Tour im Berginnern durch den vor wenigen Monaten eröffneten Erlebnisstollen «Alpine Sensation», ein Erinnerungsbild mit Siegerlächeln und Schweizer Fahne auf dem schneebedeckten Plateau, ein Abstecher in den Eispalast, eine rasante Liftfahrt zur Sphinx-Aussichtsterrasse, ein sommerliches Wintersport-Erlebnis auf dem Aletschgletscher, das Durchstöbern der Souvenir-Shops, ein Imbiss in einem Gipfelrestaurant, das Prägen einer Erinnerungsmünze, das Abstempeln des begehrten Jungfraubahn-Schweizer-Passes, das SMSlen mit dem Smartphone oder auch immer noch das Verschicken farbiger Ansichtskarten an Angehörige, Freundinnen und Freunde zu Hause: Das gehört zur Reise mit der Jungfraubahn aufs Jungfraujoch.
Das Erlebnis «Jungfraujoch – Top of Europe» beginnt aber schon 2500 Höhenmeter tiefer, unten im Tal, wenn die – seit hundert Jahren mögliche – Fahrt beginnt. Yoshiko Takematsu, die junge Japanerin im Abteil nebenan, kommt jedenfalls nicht aus dem Staunen und aus dem Knipsen heraus. Ihr Smartphone soll festhalten, was sie nun mit eigenen Augen sehen und erleben kann. Sie hat Glück. Das Wetter ist gut. Der Blick ins tief eingeschnittene und von Felswänden eingekesselte Lauterbrunnental ist spektakulär. Der Staubbach stiebt senkrecht in die Tiefe. Die Weiden auf der Wengernalp sind satt grün. Kühe weiden.
Wuchtige Wolkenberge und knipsende Touristen
Die Bahn tuckert mit gleichmässigem Rattern der Zahnräder steil bergauf. Alpenrosen blühen. Ein Transporthelikopter sorgt für Action. Und über der märchenhaft verschneiten und vergletscherten Jungfrau türmen sich am blauen Himmel wuchtige Wolkenberge auf. Dass für den Nachmittag Gewitter zu erwarten sind, die auf dem Jungfraujoch auch mitten im Sommer Schnee bringen können, ahnt Yoshiko nicht. Im Tunnel nach der Station Eigergletscher zupft sie aber einen leichten Pullover aus dem Rucksäcklein. Und vor dem Zwischenhalt in der Station Eigerwand («fünf Minuten Aufenthalt») zieht sie ihn an, steigt aus, wie die meisten andern Passagiere. Und ist auch hier begeistert: Der Tiefblick in die senkrecht abfallende Eigernordwand ist furchterregend.
Yoshiko knipst und knipst und knipst – so wie dann auch beim Ausblick in die Gletscherwelt bei der Station Eismeer. Und oben, nach der Ankunft in der höchstgelegenen Bahnstation Europas, verschwindet sie in der Masse der Touristen, die aus den drei eben angekommenen Zügen ausgestiegen sind. Sie kommen tagtäglich, diese Touristen, jahrein, jahraus. Im Halbstundentakt. 2011 waren es 765'000 Passagiere. Mehr als die Hälfte von ihnen kommen aus Asien – aus Japan, Südkorea, Indien und China. Jeder Achte kommt aus der Schweiz.
Ein Betrieb mit 796 Angestellten
Die Jungfraubahn ist das zentrale Glied der Bahngruppe, zu der auch die Berner Oberland-Bahn (BOB), die Wengernalpbahn (WAB), die Bergbahn Lauterbrunnen-Mürren (BLM), die Schynige-Platte-Bahn, die Harderbahn und die Firstbahn gehören. 2011 erwirtschaftete das Unternehmen bei einem Jahresumsatz von 148 Millionen Franken 25 Millionen Franken Gewinn. Mit 796 Arbeitnehmern ist es der grösste Arbeitgeber der Region. Allein in der Gemeinde Lauterbrunnen (mit Wengen und Mürren) wohnen 115 Bahnmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, die dort eine Lohnsumme von 8,4 Millionen Franken versteuern. In Grindelwald sind es sogar 201 – mit einer Lohnsumme von 14,7 Millionen Franken.
Für den Grindelwalder Gemeindepräsidenten Emanuel Schläppi ist deshalb klar: «Wenn die Jungfraubahn nicht wäre, hätte die Schweiz nicht nur ein äusserst herausragendes touristisches Angebot weniger. Unsere Region hätte auch ihren wichtigsten Arbeitgeber nicht. Dann müsste man die Bahn bauen.» Die Jungfraubahn sei «die bedeutendste Bergbahn Europas», die sehr vielen Menschen den ganzjährigen Zugang in die hochalpine Berg- und Gletscherwelt ermögliche. Dank ihr erlebe man «das Unesco-Welterbe Jungfrau-Aletsch hautnah». Die Jungfraubahn sei ein «bedeutendes Standbein im Schweizer Tourismus».
Für viele «eine Reise fürs Leben»
Dem pflichtet Daniela Bär, die Kommunikationsleiterin von Schweiz Tourismus, bei. Für viele Schweiztouristen, sagt sie, sei die Reise aufs Jungfraujoch «eine Reise fürs Leben»: «Im weltweit fast einmalig dichten Verkehrsnetz der Schweiz schliessen die Jungfraubahnen eine wichtige Lücke – jene zwischen Interlaken als Sprungbrett zum alpinen Erlebnis und dem Jungfraujoch als Top-Spot für unsere Gäste aus aller Welt.» Für Schweiz Tourismus sei das Jungfraujoch deshalb ein wichtiger Werbe-Trumpf: «Der Brand ‹Jungfraujoch – Top of Europe› ist weltweit etabliert.» Touristische Dienstleister im ganzen Land profitierten von der Attraktivität der Jungfrauregion, denn die Jungfraujoch-Gäste bereisen oft auch weitere Orte.» Das Ferienland Schweiz ohne Jungfraubahn wäre «nur schwer vorstellbar», sagt Daniela Bär: «Die Schweiz wäre für die grossen Touristenströme um eine der eindrücklichsten Attraktionen ärmer. Der Besuch des Jungfraujochs wäre wagemutigen Alpinisten vorbehalten.»
Auch Daniel Leemann, Besitzer des Wengener Park Hotels Beausite und Verwaltungsratspräsident der Jungfrau Region Marketing AG, kann sich das Berner Oberland ohne Jungfraubahn nicht vorstellen: «Wenn die Bahnpioniere vor hundert Jahren nicht gewesen wären, wäre vieles anders. Für uns in Wengen ist die Bahn der Hauptzubringer, die Lebensader. Für unsere Hotelgäste ist sie wichtig für die Fahrt auf die Kleine Scheidegg. Und marketingmässig ist sie für uns weltweit die Nummer eins. Da bin auch ich überzeugt: Wenn die Bahn nicht wäre, müsste man sie bauen.»
«Hotelpreise eingebrochen»
Vorbehalte hat allerdings der Grindelwalder Belvedere-Hotelier Urs B. Hauser. Auch er anerkennt zwar die Bedeutung der Jungfraubahn für den Schweizer Tourismus. «Doch viel zu viele Jochbesucher», sagt er, «übernachten in Luzern, Freiburg, Bern, Adelboden oder Lenk und so weiter.» Früher hätten viele Grindelwalder Hotels im Sommer fast ausschliesslich von den japanischen Reisegruppen gelebt, die «einen sehr guten Preis» bezahlt hätten. Heute, mit den Gruppen aus verschiedenen asiatischen Ländern, auf die sich das Marketing der Jungfraubahn ausrichte, seien die Hotelpreise «total eingebrochen». Der Umsatz pro Logiernacht sei auf weniger als die Hälfte dessen zusammengeschrumpft, was er einmal gewesen sei. Die Kosten, vor allem die Lohnkosten, seien aber massiv gestiegen, sie seien zwei- bis dreimal höher als im benachbarten Ausland: «Kein Wunder also, haben immer mehr Hotels Schwierigkeiten.»
Uhren- und Bijouteriefirmen wie Bucherer und Kirchhofer erzielten dank asiatischen Jungfraujoch-Gästen «absolute Spitzenumsätze», sagt Hauser: «Würden die asiatischen Gruppenreisenden aber auch anständige Hotelpreise bezahlen, statt nur Tausende von Franken in den Uhrengeschäften auszugeben – dann wäre das Ganze auch für die Hotellerie ein Segen.» Es mangle «an anderen Gästen» – an jener guten Privatkundschaft, die etwa durch den Verlust des einstigen Grindelwalder Hotels Baer verloren gegangen sei. Hauser fürchtet, «die klassische Schweizer Ferien-Hotellerie» werde verschwinden – «überall, nicht nur in der Jungfrau-Region».
33 Tage Europa, 4 Tage Schweiz
Darüber macht sich der Inder Darsham Shroff, der mit seiner Familie sieben Tage in Interlaken Ferien macht und eben vom Jungfraujoch zurückgekehrt ist, keine Gedanken. «Es war wundervoll dort oben», sagt er, «ein Höhepunkt auf unserer Europareise.»
Auch den beiden südkoreanischen Studentinnen Park Jeong-seon und Lee So-hee bleibt zum Verweilen in Grindelwald nicht viel Zeit. Auf ihrer 33-tägigen Europareise sind 3 Übernachtungen in der Schweiz eingeplant: in Zürich, in Interlaken und in Montreux. Nach einem Nickerchen auf der Rückfahrt zücken sie stolz ihren Jungfraubahn-Schweizer-Pass, den sie oben auf dem Joch abgestempelt haben. Und zeigen auf ihren Smartphones Erinnerungsfotos. Nicht vor allem Berge und Gletscher haben sie festgehalten, sondern sich selber. Natürlich auch mit Siegerlächeln und Schweizer Fahne. (Der Bund)
Erstellt: 01.08.2012, 06:04 Uhr
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