Atomenergie

Überstürztes oder überfälliges Aus?

Für die Befürworter der Initiative «Mühleberg vom Netz» ist die sofortige Abschaltung des AKW ein «grosser Sicherheitsgewinn». Für die Gegner bewirkt sie eine «überstürzte und ungeordnete» Stilllegung.

In Deutschland sind schon zwei Dutzend AKW stillgelegt: Abriss in Lubmin 2009. Das AKW der DDR wurde nach der Wiedervereinigung ausgeschaltet.

In Deutschland sind schon zwei Dutzend AKW stillgelegt: Abriss in Lubmin 2009. Das AKW der DDR wurde nach der Wiedervereinigung ausgeschaltet. Bild: Frank Hormann, AP

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Dass bei einer sofortigen AKW-Abschaltung das Risiko für die Bevölkerung drastisch sinke, ist das Hauptargument der Befürworter der Volksinitiative «Mühleberg vom Netz». Zwar sinkt es mit der Abschaltung keineswegs auf null. «Bereits mit dem Ende der Kernspaltung reduziert sich das Risiko aber massiv», sagt Jürg Joss vom Komitee «Mühleberg stilllegen».

Allerdings bleiben die Brennstäbe nach der Abschaltung vorerst im AKW – das Risiko, dass sie schmelzen, wird zwar kleiner, existiert aber weiterhin. Wegen der Brennstäbe muss die Anlage im sogenannten Nachbetrieb überwacht werden. Diese Phase dauert fünf Jahre. Falls das Volk am 18. Mai für die Initiative zur sofortigen AKW-Abschaltung stimmen sollte, dauert der Nachbetrieb also bis 2019. Betreibt die BKW ihr AKW wie geplant bis 2019, dann dauert der Nachbetrieb bis 2024. «Die Abschaltung des AKW Mühleberg im Jahr 2014 halbiert das atomare Risiko von zehn auf fünf Jahre», werben die Initianten.

Das sehen die Initiativgegner anders. «Ein Kernkraftwerk lässt sich beim besten Willen nicht einfach husch, husch stilllegen», sagt SVP-Grossrätin Anne-Caroline Graber. Mühleberg sei das erste kommerzielle AKW, das in der Schweiz vom Netz gehe. Anders als in Deutschland fehle hier die Erfahrung mit Stilllegungen – man müsse diese sorgfältig vorbereiten. «Auch ein Kleinkind ist vorsichtig und nimmt sich reichlich Zeit, wenn es zum ersten Mal eine Sprossenwand hochklettert», sagt sie in einem blumigen Vergleich. Die Initiative führe zu einer «überstürzten» und «ungeordneten» Stilllegung.

Streit um «Plan B» für die BKW

Dies ist auch die Ansicht der Betreiberin BKW. Als der BKW-Verwaltungsrat im Oktober 2013 über die Zukunft von Mühleberg beriet, war «eine sofortige Abschaltung keine Option», sagt BKW-Kommunikationschef Martin Schweikert. «Es wäre volkswirtschaftlich schädlich, ein Werk vom Netz zu nehmen, das alle Sicherheitsauflagen der Behörden erfüllt.» Die BKW prüfte einen Betrieb bis 2017, 2019 oder 2026 und entschied sich dann für das Abschaltdatum 2019.

«Es ist befremdlich, dass die BKW offenbar nicht einmal über eine Planung für eine sofortige Abschaltung verfügt», findet Initiativbefürworter Joss, «dies obwohl ein Betreiber in der Lage sein muss, ein AKW jederzeit vom Netz zu nehmen.» Die BKW habe in den letzten Jahren zudem mehrmals mit einem plötzlichen Betriebsende rechnen müssen. So etwa 2011, als sie das AKW selber abschaltete, weil eine Studie zeigte, dass die Notkühlung verstopfen könnte.

Brennstäbe müssen aus AKW raus

Bezüglich der Sicherheit ist zentral, dass fünf Jahre nach der Abschaltung die Brennstäbe ins Zwischenlager in Würenlingen (AG) abtransportiert werden können. Schweikert befürchtet praktische Probleme, falls Mühleberg sofort abgeschaltet würde. «Eine optimale Planung wäre nicht mehr möglich, und wir müssten mit grossen Verzögerungen rechnen.» Es wäre zum Beispiel «sehr viel schwieriger und wohl auch teurer», die nötigen Transport- und Lagerbehälter zu organisieren.

In Deutschland hat man mögliche Probleme untersucht, als man nach Fukushima acht AKW sofort abschaltete. So etwa, ob bloss halb abgebrannte Brennstäbe ein Sicherheitsproblem sind. Die deutsche Entsorgungskommission (ESK) kam zum Schluss: Teilweise abgebrannte Brennstäbe sind nicht problematischer als ganz abgebrannte. Die BKW habe nach der Abschaltung fünf Jahre Zeit, um den Abtransport der Brennstäbe zu organisieren, betont Joss. Dies sei ausreichend. «Nach einem AKW-Unfall müsste die BKW in der Lage sein, sogar durchgeschmolzene Brennstäbe rasch zu entsorgen.» Zudem könne man Brennstäbe in einem AKW nicht einfach aufbrauchen. Für den Weiterbetrieb bis 2019 seien neue Brennstäbe nötig. «Dies würde das Transport- und das Müllproblem zusätzlich verschärfen.»

Sind die Brennstäbe einmal aus Mühleberg entfernt, entfällt das Katastrophenrisiko für die Bevölkerung. Viele Teile der Anlage bleiben aber verstrahlt. Der Rückbau dauert ein oder mehrere Jahrzehnte und ist komplex. Es gibt dafür grundsätzlich zwei verschiedene Methoden. Die BKW habe auch nach einer sofortigen Abschaltung in den fünf Jahren des Nachbetriebs «genügend Zeit, um den Rückbau zu planen», findet Initiativbefürworter Joss. BKW-Kommunikationschef Schweikert sieht dies anders: «Der Rückbau ist eine grosse Herausforderung, wir brauchen Zeit, um ihn seriös zu planen.» (Der Bund)

Erstellt: 17.04.2014, 07:15 Uhr

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