Trotz Niederlage: AKW-Gegner geben sich optimistisch

Die «Mühleberg vom Netz»-Initianten sehen keinen Grund, zu trauern – und planen bereits neue Projekte.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kurz nach 17 Uhr im Ratskeller in der Berner Altstadt. Eben erfahren Franziska Herren und Walter Kummer, dass das Stimmvolk die Initiative «Mühleberg vom Netz» deutlich abgelehnt hat. Herren lächelt und gibt ihrem Kollegen einen Handschlag. «Jetzt bestellen wir ein Cüpli», sagt sie.

Vor drei Jahren haben die beiden begonnen, Unterschriften zu sammeln, im Dezember des vergangenen Jahres erfuhren sie dann, dass im Mai über die sofortige Abschaltung des AKW Mühleberg abgestimmt werden soll. Am Abstimmungssonntag endet nun der lange Weg – in einer Niederlage. Trauer, Frustration oder Wut sucht man in ihren Gesichtern aber vergebens. «Ich bin eine Optimistin», sagt Herren. «Wir konnten einer Vision einen Boden geben. Dass dies so viele Menschen mit uns teilen, werte ich als grossen persönlichen Erfolg.» Kummer ringt eine Weile um Worte, für ihn sei das alles noch nicht ganz zu fassen. «Dass wir mit unserem Anliegen so weit kommen, davon hätten wir vor drei Jahren nicht einmal geträumt.»

Erste Erfahrungen in der Politik

Die Initianten blicken auf drei intensive Jahre zurück. «Keiner von uns hatte zu Beginn Erfahrung mit Politik», sagt Herren. 2011 traten die beiden erstmals öffentlich auf. «Gesunde Erde. Gesunde Menschen» stand auf ihren Hüten, mit Plakaten machten sie die Passanten auf die geplante Initiative aufmerksam. «Wir gingen die Sache locker, fast naiv an. Dafür wurden wir oft belächelt, teilweise sogar angeschnauzt.» Aber das habe ihnen auch viel Sympathie eingebracht. «Als sich die Gegner bewusst wurden, wie leicht wir die 15'000 Unterschriften gesammelt hatten, nahm man uns plötzlich ernst», so Herren.

Zu Beginn sei es eine «Herzensangelegenheit» gewesen, kurze Zeit später eine Hauptbeschäftigung: Herren, seit 19 Jahren selbstständig in der Fitnessbranche tätig, arbeitete nur noch Teilzeit, Kummer finanzierte die Kampagne aus eigener Tasche und unterstützte seine Kollegin. «Wir wurden von verschiedenen Seiten gesponsert. Die Werbekampagne hat ein Büro in Lyss für uns übernommen, ohne dafür Geld zu verlangen», so Herren. Kummer hofft weiterhin auf Unterstützung durch Spendengelder. «Bisher sind 16'000 Franken zurückgeflossen, ich habe 50'000 Franken investiert.»

Nach dem anfänglichen Höhenflug habe sich bald Ernüchterung breitgemacht: «Der Grosse Rat lehnte die Initiative hochkantig ab – dabei gibt es nach wie vor keinen Notfallplan, sollte es zu einem GAU kommen.» Ausserdem spüre sie, wie stark die Atomlobby sei. «Die sind mit einem enormen Budget aufgefahren. Über Jahre haben sie es geschafft, die Bürger davon zu überzeugen, dass unsere Schweiz ohne AKW nicht funktionieren würde.» Auch Kummer äussert seine Bedenken. «Die Regierung bleibt uns nach wie vor Antworten schuldig. Die stützen sich einfach auf die Zahlen der BKW, eigene Abklärungen wurden nicht durchgeführt.» Die Politik hinke der Wirtschaft hinterher und zeige sich weder flexibel noch weitsichtig.

Das Trinkwasser verbessern

Das Hauptziel, das AKW Mühleberg sofort abzuschalten, haben sie nicht erreicht. Den Volksentscheid wollen die Initianten trotzdem nicht als Niederlage werten. «Wir haben Tabus gebrochen, es kamen Zahlen und Fakten zutage, über die man vor drei Jahren noch gar nicht sprechen wollte», so Herren. Ihr Anliegen sei es von Anfang an gewesen, die Mitmenschen über Risiken zu informieren und für Themen wie Energieverbrauch, Verschmutzung und Sicherheit zu sensibilisieren. «Ich betrachte die Kampagne unter diesem Aspekt, so gesehen war es ein Erfolg.»

Bis vor drei Jahren hätten sich beide kaum zugetraut, das politische Parkett zu betreten. «Schon nur der Gedanke daran, mich derart zu exponieren, bereitete mir Albträume», sagt Herren. Beide seien nun aber bis zum Ende hinter dem Anliegen gestanden – auch, als die BKW bekannt gab, das AKW 2019 definitiv vom Netz zu nehmen. «Wir haben nie daran gedacht, die Initiative zurückzuziehen.»

Herren hat bereits neue Pläne geschmiedet. «Ich werde ein weiteres Projekt aufziehen, dabei geht es um Mikroverunreinigungen im Trinkwasser.» Das längerfristige Ziel sei die Umschaltung auf ökologische Landwirtschaft. «Hier will ich auf politischer Ebene einen Stein ins Rollen bringen.» Ob daraus wieder eine Initiative entstehe, sei noch ungewiss. Kummer erachtet eine weitere Zusammenarbeit als sehr wahrscheinlich. «Jetzt machen wir aber zuerst die Buchhaltung und räumen auf.» (Der Bund)

Erstellt: 19.05.2014, 08:48 Uhr

Artikel zum Thema

Klage der BKW verzögert Radioaktivitäts-Messungen in der Aare

Eine Klage der BKW und anderer AKW-Betreiber verzögert ein Messsystem, das der Bundesrat als wichtig für Notfälle erachtet – vor allem zum Schutz des Trinkwassers. Mehr...

Leitartikel: Wichtiger Zeitgewinn für ökologische Energie

Nein zu «Mühleberg vom Netz» Das AKW bereits vor 2019 abzuschalten, kostet den Kanton Millionen und behindert die Neuausrichtung der BKW auf neue Energien. Mehr...

Leitartikel: Unnötige Nachspielzeit für ein altes AKW

Ja zu «Mühleberg vom Netz» Das Atomkraftwerk hat seine Lebensdauer überschritten. Der weitere Betrieb ist für die Bevölkerung ein Risiko ohne echten Nutzen Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

Sweet Home Bereit für eine «Staycation»?

Nachspielzeit Frauenfussball zieht nicht. So einfach ist das.

Die Welt in Bildern

Süsse Handarbeit: In der Schokoladenfabrik 'La muchacha de los chocolates' platziert ein Arbeiter eine Kirsche in eine mit Schokolade ausgekleidete Form. (21. Juli 2017)
(Bild: Andres Stapff) Mehr...