Teuer für die Staatskasse oder Segen für die Stromkunden?

Eine sofortige AKW-Abschaltung verursache ihr Einbussen, sagt die BKW. An der Börse könne die BKW billigeren Strom kaufen, entgegnet Ökonom Rudolf Rechsteiner.

Ein Frage deren Antwort bisher offen bleibt: Was kostet die Abschaltung des AKW Mühleberg?

Ein Frage deren Antwort bisher offen bleibt: Was kostet die Abschaltung des AKW Mühleberg? Bild: Valérie Chételat

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Falls das bernische Volk der Initiative «Mühleberg vom Netz» zustimmt, dann müsse der Kanton für einen allfälligen finanziellen Schaden der BKW aufkommen. Dies besagt das Gutachten, das Rechtsprofessor Andreas Auer für den Regierungsrat verfasst hat. Doch erleiden die BKW-Aktionäre überhaupt einen finanziellen Schaden? Rentiert es, wenn die BKW ihr AKW weiterlaufen lässt?

Bemerkenswert zurückhaltend äusserte sich BKW-Verwaltungsratspräsident Urs Gasche unmittelbar nach dem Entscheid der BKW, Mühleberg noch bis 2019 weiterzubetreiben: «Vermutlich rechnet sich das. Wir wissen das nicht ganz genau, weil wir heute einen sehr tiefen Strompreis haben, wir gehen davon aus, dass er nicht noch weiter sinkt. Es ist nicht ein Bombengeschäft», sagte Gasche im Interview mit Radio SRF.

Klar unrentabel ist der Weiterbetrieb des Atomkraftwerks für den Basler Ökonomen und ehemaligen SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner. Er stellt die Produktionskosten von Strom aus Mühleberg, die laut BKW 7 Rappen pro Kilowattstunde (kWh) betragen, den Strompreisen an der Börse gegenüber. Diese sind schon 2012 auf 6 Rappen gefallen, 2013 auf 5,6 Rappen. «Strom aus Mühleberg ist schon seit zwei Jahren ein Verlustgeschäft», sagt Rechsteiner.

Der Strommarkt sei in der Schweiz nur teilweise liberalisiert, entgegnet der Initiativgegner und EDU-Grossrat Alfred Schneiter. «Ein paar wenige Grossverbraucher können ihren Lieferanten frei wählen. Alle andern beziehen den Strom über ihren Versorger.» Und diesen Kunden werden nicht Marktpreise, sondern die höheren Produktionskosten verrechnet. In der Tat kassiert die BKW von Haushalten und Gewerbe rund 11 Rappen pro kWh Strom (plus Verteilung).

«Abschalten spart 650 Millionen»

Für Rechsteiner ist dies kein Argument: «Es macht ja keinen Sinn, Geld für Mühleberg zum Fenster hinauszuschmeissen, nur weil man die Kosten den Kleinkunden überwälzen kann.» Zudem gelte die rechtliche Vorschrift, dass die Stromversorger nur die «Gestehungskosten einer effizienten Produktion» auf Kunden im Monopol überwälzen dürfen.

Effizient wäre für Rechsteiner, Mühleberg jetzt abzuschalten und die entsprechende Strommenge mit einem langfristigen Stromvertrag an der europäischen Strombörse EEX einzukaufen. Stromverträge bis 2020 werden dort für umgerechnet 4,2 Rappen pro kWh gehandelt – gegen einen kleinen Aufpreis auch Ökostrom. Auf die Stromproduktion von Mühleberg umgerechnet liessen sich so jährlich 87 Millionen Franken oder in fünf Jahren 435 Millionen sparen. Zudem spare die BKW Kosten für Unterhalt und Nachrüstung des AKW von 215 Millionen – total also rund 650 Millionen.

«Beitrag zur Deckung der Kosten»

Die BKW argumentiert in erster Linie mit ihren Kosten. Der Stromverkauf aus Mühleberg «leistet einen wichtigen Kostendeckungsbeitrag», heisst es auf Anfrage. Im Klartext: Der Verkauf deckt nicht alle Kosten, rentiert also eigentlich nicht. Aber er decke, so die BKW, einen Teil der fixen Kosten, die in Mühleberg auch noch anfallen, wenn das AKW abgeschaltet ist. In der Tat muss ein abgeschaltetes AKW fünf Jahre lang weiter durch Personal überwacht werden. Die BKW verliere bei einer Abschaltung einen Umsatz von jährlich 120 Millionen Franken mit Strom aus Mühleberg («Bund», 27. März). Nur: Diese «Nachbetriebsphase» ohne Stromproduktion ist nach der Abschaltung nicht zu vermeiden – unabhängig davon, ob das AKW sofort oder erst 2019 abgestellt wird.

Die BKW argumentiert, sie erhalte frühestens 2019 eine Bewilligung für Stilllegung und Rückbau des AKW – und wolle deshalb so lange Strom produzieren. «Ein Betreiber kann ein AKW immer stilllegen, dafür braucht er keine Bewilligung», sagt dagegen Rechsteiner. «Bis zum Rückbau vergehen dann ohnehin fünf Jahre. Es wäre seltsam, wenn die BKW in dieser Zeit keine Bewilligung dafür erhielte.»

Wie viel ist Mühleberg noch wert?

In den Büchern der BKW ist das AKW noch 300 Millionen Franken wert. Angesichts der schlechten Ertragslage hätte die BKW das AKW stärker abschreiben müssen, meint Rechsteiner. Der von der BKW genannte Umsatz mit Mühleberg-Strom zeige, dass sie diesen weit unter den Produktionskosten verkaufe, für weniger als 4 Rappen pro kWh. Die BKW habe andere Kraftwerke reihenweise massiv abgeschrieben. «Bei Mühleberg macht sie es wegen der Entschädigungsfrage nicht. Das ist unredlich.»

Lange bereitete der BKW Sorgen, dass sie bei der Abschaltung sofort das fehlende Geld in die Fonds für Stilllegung und Abfallentsorgung hätte einzahlen müssen. Das hat sich erledigt: Das Schweizer Parlament hat seither erlaubt, die Einzahlungen auch nach der Abschaltung vorzunehmen. (Der Bund)

Erstellt: 06.04.2014, 12:38 Uhr

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