Strom aus Mühleberg kostet mehr, als er an der Strombörse einbringt

Seit Frühling 2012 liegen die Produktionskosten von Mühleberg über den Börsenpreisen für Strom. Das AKW rentiere nicht, folgert ein Gutachten von Greenpeace. Die Betreiberin BKW bestreitet dies.

Teuerer als die Marktpreise: Strom aus dem AKW Mühleberg.

Teuerer als die Marktpreise: Strom aus dem AKW Mühleberg. Bild: Valérie Chételat

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Es sind in erster Linie finanzielle Motive, mit denen die BKW den Weiterbetrieb des Atomkraftwerks Mühleberg bis 2022 begründet: Dieser soll laut BKW jährlich «bis zu 50 Millionen pro Jahr» zum operativen Ergebnis des Konzerns beitragen und die nötigen finanziellen Mittel erwirtschaften, die für den Rückbau des AKW, die Entsorgung des Atommülls und auch «für den Ausbau der erneuerbaren Energien» nötig sind.

Die Grundannahme, dass Mühleberg rentiert, stellt nun ein Gutachten infrage, das der Basler Energieexperte und ehemalige SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner im Auftrag von Greenpeace verfasst hat. Rechsteiner vergleicht in dem Gutachten, das dem «Bund» vorliegt, die Produktionskosten von Mühleberg mit den Grosshandelspreisen für Strom. Gemäss diesem Vergleich produziert das AKW seit dem zweiten Quartal 2012 nicht mehr kostendeckend.

Erstmals teurer als Marktpreis

Die BKW bezifferte die Gestehungskosten des Atomstroms aus Mühleberg Anfang 2011 mit «circa 7 Rappen pro Kilowattstunde (kWh)». Aktuell lägen sie «weiterhin etwas über» diesem Wert, teilt die BKW auf Anfrage mit. Im ersten Quartal 2012 lag der Grosshandelspreis an der schweizerischen Strombörse Swissix mit 7,7 Rappen/kWh noch darüber, wie die Statistik des Bundesamtes für Energie zeigt. Im zweiten und dritten Quartal lag er mit 5,0 respektive 5,4 Rappen/kWh aber massiv tiefer als die Produktionskosten von Mühleberg. Im bisherigen Jahresdurchschnitt betrug der Grosshandelspreis 5,9 Rappen.

Die Rappenspalterei kann sich im Grossen massiv auswirken: Hätte die BKW den ganzen Mühleberg-Strom an der Börse verkauft, dann würde der Verlust 16 Prozent oder – umgerechnet auf die Stromproduktion – rund 22 Millionen Franken betragen. Das laufende, kältere Quartal dürfte das Resultat ein wenig verbessern. Sehr wahrscheinlich ist aber: 2012 dürfte das erste Jahr sein, in dem Strom aus Mühleberg mehr kostet, als an der Börse dafür bezahlt würde.BKW äussert sich auf Anfrage nicht direkt zu Rechsteiners Berechnungen, betont aber: «Die Wirtschaftlichkeit des Kernkraftwerks Mühleberg ist auch unter den gegenwärtigen Marktbedingungen gegeben.»

Ginge es nach der Stromversorgungsverordnung, dann müsste sie mit Verlusten rechnen. Denn gemäss Artikel 4 der Verordnung ist der Marktpreis nicht nur an der Börse, sondern auch für Haushalts- und Gewerbekunden massgebend, die dem Strommonopol unterliegen: «Überschreiten die Gestehungskosten die Marktpreise, orientiert sich der Tarifanteil (für die Energie, Red.) an den Marktpreisen.»

Bundesrat hilft Stromkonzernen

Allerdings wendet die Elektrizitätskommission Elcom diese Bestimmung seit kurzem nicht mehr an – weil sie zu Verlusten bei den Versorgern führe. Der Bundesrat will den Passus ganz streichen, wie sein Entwurf zu einer Verordnungsrevision vom 2. Oktober zeigt. Massgebend für die Strompreise der Monopolkunden sollen nicht mehr Marktpreise, sondern die Gestehungskosten sein – im Fall von Mühleberg also momentan die rund 7 Rappen/kWh.

Die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) kritisierte dies in der Vernehmlassung scharf: Die Stromkonzerne könnten sich so aufwendige Sanierungen von Atomkraftwerken von ihren Kunden bezahlen lassen. Aber auch falls der Bundesrat die Verordnung demnächst tatsächlich zugunsten der Stromversorger ändern sollte – die Gunst wird nicht ewig währen. In den kommenden Jahren wird die Schweiz den Strommarkt für alle Kunden liberalisieren müssen, falls sie ein Stromabkommen mit der EU will. Für die BKW birgt dies das Risiko, dass Kunden wegen hoher Preise abwandern.

Nachrüstungen verteuern Strom

Fest steht auch für die BKW, dass die anstehenden Nachrüstungen der Sicherheit in Mühleberg «zu einer Zunahme der Gestehungskosten» führen werden. Noch ist unklar, welche Nachrüstungen die Atomaufsicht Ensi oder eventuell auch das Bundesgericht anordnen werden. Greenpeace rechnet bereits aufgrund der bisherigen Angaben der BKW mit einer Verteuerung des Mühleberg-Stroms um 1,5 bis 2,0 Rappen.

Die BKW kommentiert diese Schätzung auf Anfrage nicht. Generell erklärt sie: «Der Entscheid bezüglich des Weiterbetriebs des Kernkraftwerks Mühleberg basiert nicht nur auf der Entwicklung der Gestehungskosten.» Entscheidend seien auch die Kosten einer raschen Abschaltung. So seien 400 Millionen Franken Restwert des Werks noch nicht abgeschrieben, und die Rückstellungen für Rückbau und Atommüllentsorgung müssten um 200 Millionen erhöht werden. Andererseits hat die BKW noch nicht einbezogen, dass sie auch die Nachrüstungen abschreiben müsste, die für einen weiteren Betrieb nötig sind.

Mühleberg abschalten komme billiger

Die BKW fahre billiger, wenn sie Mühleberg abschalte und den Strom an der europäischen Börse einkaufe, entgegnet Rechsteiner. Dort werden Bezugsrechte für Strom bis ins Jahr 2018 angeboten – für umgerechnet 6,1 Rappen/kWh. Das Währungsrisiko lasse sich versichern, meint er.

Aufgrund einer Änderung des deutschen Subventionsregimes sei seit kurzem an der Börse auch Windstrom gegen einen kleinen Aufpreis erhältlich. Die BKW kommentiert dies nur generell: «Sie können davon ausgehen, dass die BKW die sich bietenden Möglichkeiten auf den nationalen und internationalen Märkten nutzt.» (Der Bund)

Erstellt: 21.11.2012, 10:23 Uhr

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