Sie legen den Skifahrern den «Teppich» aus

Ist die letzte Pistenkontrolle vorbei, schlägt die Stunde von Jürg Klopfenstein und seinem Bison X. Gemeinsam mit vier Kollegen präpariert er bis in die frühen Morgenstunden des nächsten Tages die Pisten am Lenker Betelberg.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ist die letzte Pistenkontrolle vorbei, schlägt die Stunde von Jürg Klopfenstein und seinem Bison X. Gemeinsam mit vier Kollegen präpariert er bis in die frühen Morgenstunden des nächsten Tages die Pisten am Lenker Betelberg.

Sein Arbeitstag beginnt, wenn die Nacht hereinbricht. Seine Aufgabe: die Spuren des Tages verwischen. «Die Gäste wollen am Morgen einen Teppich», sagt er. Dann startet er den Motor.

Skigebiet Lenk-Betelberg, Mittelstation Stoss. Es ist kalt, der Schnee knirscht unter den Schuhen. Einer der ersten schönen Wintertage der neuen Saison geht zu Ende. Dort, wo das Simmental in einer Rechtsbiegung Richtung Spiez verschwindet, haben die Berge einen Heiligenschein.

Sachte drückt Jürg Klopfenstein das Gaspedal seines Pistenfahrzeugs. Es ist das Modell Bison X von Prinoth – oder einfach der «Büffel», wie Klopfenstein sagt. Das gleichmässige Brummen des Motors wird höher. Der Büffel fährt los.

Zuerst Löss, dann Tschuggen

Eine Stunde zuvor: Klopfenstein fährt mit der Gondelbahn von der Lenk auf den Stoss, wo ihn seine Arbeitskollegen bereits erwarten. Wie jede Nacht werden auch heute fünf Mann und fünf Fahrzeuge unterwegs sein im Skigebiet Betelberg. Auf der anderen Seite, im Gebiet Metsch, sind es nochmals so viele.

Bevor es losgeht, verteilt Fahrerchef Michael Zahler die Arbeit. Man steht im Halbkreis vor der Garage. Die Fahrer tragen festes Schuhwerk und dünne Jacken. Minus fünf Grad – das ist für die Männer mit dem urchigen Dialekt kein Grund, sich warm anzuziehen.«Du machst zuerst die Löss, dann den Tschuggen», sagt Zahler zu Klopfenstein. «Um halb acht gibt es Znacht.» Dann bleiben noch ein paar Minuten zum Nichtstun – die Büffel sind bereit, eigentlich könnte es losgehen. Aber es darf noch nicht, denn die Männer des Pistenrettungsdienstes sind noch nicht da. Sie machen, nachdem die letzte Gondel die Bergstation erreicht hat, die letzte Pistenkontrolle. Erst danach wird die Piste für die Pistenfahrzeuge freigegeben.

Dann kommen sie. Zwei Mann, orange Jacke, keine Stöcke. Sie sagen: «Alles o. k., gute Fahrt.» Und fahren weiter.

«Es geht noch viel steiler»

Die Löss ist eine blaue Piste. Und doch kommt bald ein kurzes Steilstück, bei dem man sich fragt: Da runter? Man behält die Frage für sich, denn man ahnt, dass Klopfenstein sie nicht verstehen würde. Er steuert das Pistenfahrzeug über die Kante – langsam senkt der Büffel seine Nase. Bald muss man die Füsse gegen den Boden stemmen, um nicht aus dem Sitz zu rutschen. «Es geht noch viel steiler», sagt Klopfenstein.

In der Kabine ist es gemütlich. Klopfenstein hat seine Jacke ausgezogen und die Ärmel des Pullovers hochgekrempelt. Im Radio moderiert Ex-Musicstar Katharina Michel eine Sendung, in der ihr die Zuhörer erzählen können, was sie an Weihnachten zu Abend essen.

Draussen ist es bitterkalt. Die schwarze Schaufel des Pistenfahrzeugs ist mit einer Schneeschicht überzogen, die aussieht wie weisser Spritzbeton mit Glimmer. Vor dem Fenster präsentiert sich im Licht der Scheinwerfer eine unwirkliche Szenerie. Die Spuren der Skifahrer, die erst vor einer Stunde ihre letzten Schwünge gezogen haben, sehen aus, als wären sie schon ewig da. Im künstlichen Licht sehen sie aus wie schwarze Striche. Am Rand des Lichtkegels stehen schwarze Tannen. Dahinter kommt nichts.

Der Bison X wiegt neun Tonnen, hat 8,8 Liter Hubraum, leistet 355 PS und verbraucht pro Stunde 25 Liter Diesel. Ihn zu steuern, ist Feinarbeit. In der Linken hat Klopfenstein zwei Hebel. Zieht er den einen von ihnen nach hinten, macht der Büffel eine Kurve. In der Rechten hat er einen Joystick mit vielen kleinen Knöpfen. Damit steuert er die Schaufel, mit der er Schnee vor sich herschieben kann, und die Fräse, die die Piste hinter den Raupen auflockert und den «Teppich» legt. Klopfenstein muss entscheiden, ob die Fräse angehoben, angepresst oder einfach hinterhergezogen wird, wie schnell sie dreht, ob sie genau hinter dem Fahrzeug ist oder etwas versetzt, ob sie dem Büffel folgt wie ein Anhänger oder genau seiner Spur. Er muss im Gespür haben, wo wie viel Schnee liegt, wo er Schnee abtragen und wo er ihn wieder liegen lassen muss.

«Fahren ist nicht schwer», sagt Klopfenstein. Aber «das ganze Drum und ran» habe es in sich. «Vor allem in der Hauptsaison, wenn die vielen Skifahrer den Schnee talwärts und an den Pistenrand schieben, muss man abends mit dem Schnee ‹wärche›.» Klopfenstein fährt die Löss auf und ab, bis alle Spuren verwischt sind – oder eben der Teppich ausgerollt. Die Bewegungen seiner Hände und Finger sind kaum wahrzunehmen. Aber offenbar gibt es sie, denn das Fahrzeug folgt genau der Linie, die den präparierten und den unpräparierten Teil der Piste trennt.

Die Exotenfahrt

Um ein Pistenfahrzeug steuern zu dürfen, reicht der normale Führerausweis. Also los! Etwas unsanft setzt sich der Büffel diesmal in Bewegung. «Mehr nach rechts», sagt Klopfenstein. Der rechte Hebel nach hinten, der Büffel folgt, fährt aber nicht an, sondern bald weit neben der Linie. «Das war zu viel.» Also wieder nach links – wieder zu viel, aber schon besser. Nach einigem Hin und Her tut der Büffel, was er soll: Er folgt der Linie und legt einen Teppich. Dann sagt Klopfenstein: «Anhalten.» Mit einem Ruck bleibt der Büffel stehen. «So, und jetzt schaust du mal nach hinten.» Hoppla. Die Spur, die schon da war, folgt gleichmässig dem Pistenrand, entweder gerade oder in einer sauberen Kurve. Jene daneben verläuft im Zickzack, mal auf und mal weit neben der anderen – nur meist nicht da, wo sie sollte.

Wenig später, beim Nachtessen im Restaurant Betelberg, lassen die Sprüche nicht auf sich warten. Die anderen wissen nicht, dass Klopfenstein nicht selbst gefahren ist. «Dr Jürg het eppen langsam Hunger», sagt einer. «Mir hei no en Exotefahrt gmacht», erklärt Klopfenstein. Der andere grinst und konstatiert: «Dr Brunne vorem Huus steit emel no.» Gelächter. Der Salat schmeckt, die Bolognese auch. Dessert, Kaffee, dann gehts wieder an die Arbeit.

Nach der Löss kommt der Tschuggen. Nach dem Tschuggen die Kinderpiste im Dorf. Danach Mauren, obere und untere Wallegg, Hasler. Um 2 Uhr sind die fünf Männer zurück auf dem Stoss. Zufriedene Gesichter allenthalben. «Wer Pistenfahrer sein will, muss ein bisschen spinnen», sagt Klopfenstein. «Man muss Freude haben am Schnee, gerne fahren und gerne in der Nacht ‹wärche›.» Das tun sie alle, das sieht man. Und sie sind alle ein bisschen stolz. Denn im Skigebiet ist «das Fahren» – da ist man sich einig – die Königsdisziplin. (Der Bund)

(Erstellt: 27.12.2012, 07:08 Uhr)

Marktplatz

Immobilien

Die Welt in Bildern

Schirmrevolution: Das Symbol der pro-demokratischen Proteste in Hongkong (24. Oktober 2014).
(Bild: Damir Sagolj) Mehr...