Bern
Schicht um Schicht bis zum Asphalt
Von Adrian M. Moser. Aktualisiert am 01.05.2012
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Der neue Tag kriecht erst zaghaft über den Sustenpass ins Gadmental, als sich die Männer des Strasseninspektorats Oberland-Ost an die Arbeit machen. Die Besprechung um 6 Uhr dauert nur kurz, dann heulen die Motoren auf. Ein Pistenfahrzeug und zwei Schneefräsen sind heute im Einsatz – auf dass man der Passhöhe etwas näher komme.
Als Einziger zurück bleibt Daniel Zürcher. Er setzt sich die Wollmütze auf und stapft einige Meter die von einer dicken Schneeschicht bedeckte Strasse hoch. Er sucht den Windschatten hinter einem Felsen, denn der Föhn bläst unfreundlich von Wassen herüber. Zürchers Aufgabe an diesem Morgen: Lawinenwache.
Wenn die Wärme gefährlich wird
Sollte er hören oder sehen, dass der Schnee am Hang über seinen Kollegen ins Rutschen gerät, muss er per Funk Alarm schlagen. Dass die Vorsicht begründet ist, zeigt der Blick auf das Strassenstück, das heute geräumt werden soll: Mehrere Lawinen sind auf das Trassee niedergegangen, seit die Gruppe am Vortag abgezogen ist. «Es ist gefährlich heute», sagt Zürcher. «Eigentlich ist es schon jetzt viel zu warm.»
Trotz der hohen Temperaturen: Die Schneemenge in den Berner Alpen ist in diesem Jahr deutlich grösser als im vergangenen Jahr. Während die Pässe über den Susten und die Grimsel 2011 früh geöffnet werden konnten – die Grimsel am 7. Mai gar so früh wie noch nie –, wird es heuer wohl beinahe Sommer, bis es so weit ist. «Ich hoffe, dass wir die Grimsel am 10. Juni eröffnen können», sagt der zuständige Strasseninspektor Edi Schläppi. «Beim Susten dürfte es sogar noch einige Tage später werden.»
Auf der Suche nach der Strasse
Rund zwei Kilometer weiter oben, auf der Höhe des Hotels Steingletscher, haben Markus Blatter, der das Pistenfahrzeug steuert, und Gruppenführer Christian Maurer derweil mit ihrer Arbeit begonnen. Hier verliert sich die Strasse definitiv – der Eingang zum nächsten Tunnel ist unter dem vielen Schnee kaum auszumachen. Ausgerüstet mit Schneeschuhen, Sondierstange, Spraydose und Lawinensuchgerät geht Maurer voran. Mit der Stange erfühlt er den Verlauf der Strasse, der unter dem Schnee im besten Fall zu erahnen ist. Neben jeder Marke, die er in den Schnee sprayt, notiert er die Schneehöhe. 260 Zentimeter. 350 Zentimeter. 410 Zentimeter.
Hinter ihm lässt Markus Blatter seinen Pistenbully arbeiten. Aus den Lautsprechern in der Führerkabine klingt Jodelgesang. Unterdessen ist die Sonne aufgegangen – es ist bereits so warm, dass Blatter nur noch sein blau-weiss kariertes Hemd trägt. Maurer hat Blatter zur Orientierung eine Stange in den Schnee gesteckt. Sie markiert den rechten Rand der Fahrbahn – an ihrer Stelle ist die Schneedecke drei Meter dick. In unzähligen Vor- und Rückwärtsfahrten schiebt Blatter den Schnee von der Strasse. Danach planiert er ein Trassee. Den Rest werden die Fräsen erledigen.
«Das hier sind meine Ferien», sagt Blatter, während er das Pistenfahrzeug steuert. Damit will er nicht sagen, dass er im Moment tatsächlich Urlaub hätte, sondern, dass er die Arbeit am Pass als willkommene Abwechslung betrachtet. Sie sei anspruchsvoller als jene auf der Piste, sagt er, der den Winter über die Hasliberger Skipisten präpariert.
Zum Znüni ein Tessinerbrot
Um 8 Uhr lassen die Männer ihre Maschinen stehen und treffen sich zum Znüni. Cervelat, Tessinerbrot, Mayonnaise, Mokkajoghurt stichfest. Gruppenführer Maurer zieht Alfred Jaggi, den Schneefräsenführer, auf, weil dieser die Strasse nicht bis ganz an den Rand geräumt habe. «Ich habe gemeint, ich sei schon am Randstein», sagt Jaggi. «Du musst nicht meinen, du musst meinen Strichen folgen», gibt Mauerer zurück. Gelächter, freundschaftliches Schulterklopfen, eine Zigarette zum Dessert.
Die Schneefräsen haben sich in den ersten Stunden rund 500 Meter, bis in einen Tunnel, vorgearbeitet. Auch in den Röhren liegt der Schnee meterhoch. Bedächtig ruckelnd fräst sich die Maschine durch die weisse Masse. Schicht um Schicht, bis der Asphalt zum Vorschein kommt. Im Tunnel richtet Jaggi – auch aus seinen Boxen singt ein Jodlerchörli – den Auswurf der Fräse nach vorne, sodass sie immer wieder den gleichen Schnee aufnimmt, bis das Portal erreicht ist. Dann schleudert er ihn den Hang hinunter. Dort, wo der Strahl den Boden erreicht, sieht es aus, als würde jemand Zucker ausleeren.
Zu gefährlich zum Arbeiten
Die Gruppe wird sich im Verlauf dieser Woche weiter vorarbeiten, wohl bis in den Bereich des Himmelrank, auf 1946 Metern über Meer. Dann ist vorerst warten angesagt – damit es auch in diesem Jahr zu keinen Unfällen kommt. In den Hängen über dem letzten Abschnitt vor der Passhöhe liege noch zu viel Schnee, sagt Strasseninspektor Schläppi. Bevor dieser heruntergerutscht sei, sei es zu gefährlich, darunter zu arbeiten.
Bereits am frühen Nachmittag fährt die Gruppe wieder talwärts. Rund einen Kilometer der insgesamt 19 Kilometer langen Strasse von Gadmen auf den Sustenpass haben Schläppis Männer heute geräumt. Er ist zufrieden. «Das war ein guter Tag», sagt er. (Der Bund)
Erstellt: 01.05.2012, 15:26 Uhr
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