SP vollzieht nach Showman Näf einen Stilwechsel

Die Stadtberner Grossrätin Ursula Marti soll neue Präsidentin der SP Kanton Bern werden. Sie steht für eine neue Kultur an der Spitze der Partei. Auf Kantonsebene ist sie aber noch ein unbeschriebenes Blatt.

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Dem Präsidium der SP Kanton Bern steht ein abrupter Stilwechsel bevor: Nach dem Rücktritt von Roland Näf, der in den letzten sechs Jahren jeweils mit spitzer Zunge für die Anliegen seiner Partei eingestanden ist und damit im bürgerlichen Lager immer wieder für rote Köpfe gesorgt hat, soll nun die Stadtberner Grossrätin Ursula Marti seine Nachfolge antreten und die SP ins Wahljahr 2015 führen. Dies schlägt die Parteileitung vor, wie am Mittwoch bekannt wurde.

Am Parteitag vom 5. November soll die 48-Jährige von der Basis bestätigt werden. Im Vergleich zu Näf ist Marti eine graue Maus. Das Rampenlicht hat sie bislang nicht gesucht. Sie hatte sich vor allem der Sachpolitik verschrieben. Dennoch passt sie ins Anforderungsprofil der SP. «Wir suchten kein Näf-Double», sagt Michael Aebersold, Präsident der parteiinternen Findungskommission und Chef der SP-Grossratsfraktion.

Für Aebersold ist Marti sogar «eine Wunschkandidatin». Sie habe langjährige politische Erfahrung, die nötigen zeitlichen Kapazitäten und stosse parteiintern auf die nötige Akzeptanz. Von Anfang an habe sie zum engsten Kreis der Kandidatinnen gehört. Diesem gehörten rund ein halbes Dutzend Frauen an. Dass es eine Frau sein soll, war praktisch von Anfang an klar gewesen, zumal bei der SP Kanton Bern turnusgemäss nach einem Mann eine Frau das Präsidium übernimmt. Im Vordergrund stand auch jemand, der in der Kantonspolitik tätig ist und nicht auf nationaler oder kommunaler Ebene. Aebersold ist sich bewusst, dass Marti nicht die gleiche Wirkung entfalten wird wie ihr Vorgänger. «Sie wird die Partei mit ihrem Stil prägen und wenn nötig auch Klartext sprechen.»

Ursula Marti weiss darum, dass sie – im Falle der Wahl – künftig mehr im Scheinwerferlicht stehen wird. Sie will aber weiterhin sich selbst bleiben. «Ich werde einen anderen Stil als Roland Näf pflegen.» Sie seien sich zwar politisch nahe, aber unterschiedliche Persönlichkeiten. «Ich bin zurückhaltender und überzeuge vor allem mit Argumenten.» Bis jetzt habe sie damit Erfolg gehabt. «Es wird aber sicher Situationen geben, in denen ich mich pointiert äussern werde.» Das Amt reize sie, weil es «eine spannende Herausforderung am Puls des politischen Geschehens» sei.

Topresultat bei den Wahlen

Näfs Konfrontationskurs führte aber auch dazu, dass er im bürgerlichen ­Lager zunehmend als rotes Tuch wahrgenommen wurde. FDP-Fraktionschef Adrian Haas geht auf jeden Fall davon aus, dass Marti «umgänglicher als ihr Vorgänger» sein wird. «Ich kann mir vorstellen, dass man mit ihr sachlicher diskutieren kann», sagt SVP-Fraktionschef Peter Brand. Ob der Stilwechsel bei den Sozialdemokraten für die Bürgerlichen eher ein Fluch oder ein Segen sein wird, können sie derzeit noch nicht abschätzen.

Dies hängt auch damit zusammen, dass sie die designierte SP-Präsidentin noch kaum kennen. Sie ist noch kein Schwergewicht in der Berner Kantonspolitik. Sie sitzt zwar seit März 2013 im Grossen Rat. Aufgefallen ist sie dort aber noch nicht. Im bürgerlichen Lager kennt man ihren Namen, man weiss auch, dass sie der SP-Fraktion angehört. Auf sie angesprochen, sind die meisten dann aber bald einmal mit ihrem Latein am Ende.

Dabei erzielte Ursula Marti bei den Grossratswahlen im letzten Frühjahr das beste Resultat von allen Kandierenden. Sie holte im Wahlkreis Stadt Bern 10 637 Stimmen. Vor ihrem Wechsel ins Kantonsparlament war sie acht Jahre lang Berner Stadträtin gewesen. 2012 amtete sie als Stadtratspräsidentin. Im Vorfeld der letzten städtischen Wahlen war sie als Kandidatin für die Nachfolge von Gemeinde­rätin Edith Olibet gehandelt worden, am Ende entschied sich die Partei jedoch, Ursula Wyss ins Rennen zu schicken.

In Bern wohnt Marti, die zwei erwachsene Kinder hat, seit über 20 Jahren. Aufgewachsen ist sie in Aarberg im Seeland. Eine Zeit lang hat sie auch in Burgdorf gelebt. Marti ist diplomierte PR-Beraterin und seit 1999 Inhaberin ­eines Büros für Kommunikationsberatung und Verbandsmanagement. Seit April ist sie zudem Stiftungsratspräsidentin der Kornhausbibliotheken.

Kitas und Tagesschulen

In die Politik stieg sie erst im Alter von 30 Jahren ein. Eine radikale Juso-Phase hat sie nie durchgemacht. Ihre politischen Schwerpunkte lagen bisher vor ­allem bei Bildungs- und Gleichstellungsfragen. Sie hat etwa an vorderster Front für die kantonale Einführung von Tagesschulen gekämpft, und sie gehörte zu den Initiantinnen der abgelehnten Kita- Initiative, die auf städtischer Ebene einen Rechtsanspruch für Eltern auf einen Kita-Platz verankern wollte.

Vom Gegner geschätzt

«Marti ist eine typische Vertreterin der Stadt-SP», sagt Philippe Müller, Präsident der städtischen FDP und Grossrat. Sie sei im Umgang zwar moderat, nicht aber in der Sache. «Sie vertritt klar linke Positionen.» Michael Köpfli, Präsident der GLP-Stadtratsfraktion, sagt jedoch, dass die Zusammenarbeit mit Marti im Stadtparlament über die Parteigrenzen hinweg «sehr angenehm» gewesen sei. «Auch wenn wir nicht immer gleicher Meinung waren, habe ich sie geschätzt», so Roland Jakob, Chef der SVP-Stadtratsfraktion. «Ich sehe Allianzmöglichkeiten», sagt denn auch der Stadtberner SP-Grossrat Andreas Hofmann. Er glaubt, dass unter Marti die Chancen grösser sein werden, dass etwa SP und BDP vermehrt gemeinsame Positionen vertreten.

Derweil sagt Marti, dass sie am bisherigen SP-Kurs festhalten wolle. «Wichtig ist mir, dass wir auch in Zeiten des Sparens Sorge zum Service public tragen.» Denn dieser betreffe das tägliche Leben der Leute. Zudem will sie sich für eine Stärkung der regionalen Zentren einsetzen. Sie sei aber nicht auf die Stadt Bern fixiert. «Wir müssen daran arbeiten, dass sich Stadt, Land und Agglomeration als Einheit verstehen.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.08.2014, 08:40 Uhr

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