Bern

Rütteln am Gitter ist unmöglich

Von Dölf Barben. Aktualisiert am 27.04.2012

Das neue Regionalgefängnis in Burgdorf ist wohl das modernste der Schweiz – nicht in erster Linie wegen technischer Neuerungen, sondern wegen besonderer Ideen.

1/8 Sicherheitsglas, Gitter, Stacheldraht: Im neuen Regionalgefängnis Burgdorf wird nichts dem Zufall überlassen.
Bild: Adrian Moser

   

Selbst wenn die Freunde mit einem Helikopter und einem langen Seil kommen, ist eine Flucht praktisch unmöglich. Der Spazierhof ist abgedeckt mit Drähten. Bei einer Berührung geht der Alarm los. Die Sicherheitsvorkehrungen sind im neuen Regionalgefängnis auch überall sonst auf dem neusten Stand: Videoüberwachung auf Schritt und Tritt, schwere Türen mit speziellen Schlössern und Schiebern, karg möblierte Zellen, vergitterte Fenster, die in der Lage sind, Stösse zu registrieren und das Sicherheitssystem zu aktiveren, Gepäck-Röntgenapparate und Metalldetektoren wie auf einem Flughafen.

Aber nicht alle Sicherheitsvorkehrungen sind augenfällig: Im Spazierhof etwa bestehen die Wände aus Material, das sich wie extrem grobkörniges Schmirgelpapier anfühlt – so ist es unmöglich, dort eine Botschaft hinzukritzeln.

Über 24 Inhaftierungsarten

«Es gibt nichts, was es nicht gibt – das habe ich lernen müssen», sagt Marcel Klee, der Leiter des Gefängnisses, der an diesem Donnerstag zahlreiche Gäste aus Politik und Verwaltung durch das noch unbelebte Gebäude führt. Er erzählt das Beispiel aus einem anderen Gefängnis: Dort hatte sich ein Insasse durch das 19 mal 28 Zentimeter grosse Fensterchen gezwängt, durch das sonst das Essen gereicht wird – und im Gang draussen, wo er nicht weiterkam, rauchte er eine Zigarette.

In den nächsten Wochen sollen die 110 Haftplätze nach und nach besetzt werden. Im Gegenzug wird das alte Gefängnis im Schloss Burgdorf mit 19 Plätzen geschlossen. Und im Bezirksgefängnis Fraubrunnen mit seinen 10 Plätzen wird der Betrieb «bis auf weiteres» eingestellt, wie Polizeidirektor Hans-Jürg Käser zu den Gästen sagt. Das Platzangebot in den bernischen Gefängnissen werde nun «schlagartig» erhöht, die teils «prekäre Belegungssituation spürbar entschärft».

Im neuen Gefängnis ist es möglich, Personen auf über zwei Dutzend verschiedene Arten zu inhaftieren – die Rede ist zum Beispiel von Untersuchungs- und Sicherheitshaft, von kurzen Freiheitsstrafen oder Ausschaffungshaft. Männer, Frauen und Jugendliche werden dabei voneinander getrennt. Ausserdem können verschiedene «Haftregime» Anwendung finden: von hoher Sicherheit bis zum Vollzug im offenen Gruppensystem. Und ebenfalls speziell: In der grossen Küche soll dereinst nicht nur für den Eigengebrauch gekocht werden. Geplant ist, auch andere Gefängnisse zu beliefern. In der Küche werden jeweils zehn Insassen mitarbeiten dürfen – aber nur solche, «die gut laufen», wie es Marcel Klee ausdrückt.

Kurze Wege, hohe Sicherheit

Doch was ist es denn genau, was das neue Regionalgefängnis Burgdorf zu einem der modernsten, wenn nicht zum modernsten Gefängnis der Schweiz macht? Es seien weniger die technischen Neuerungen, sagt Marcel Klee – vielmehr gehe es um Abläufe und um Organisation. Hier habe man zuerst die «Kernprozesse» genau definiert und «Visionen» entwickelt – und erst danach gebaut. Um herauszufinden, wie gewisse Probleme andernorts gelöst werden, «sind wir in ganz Europa herumgereist», sagt Klee.

Was er meint, veranschaulicht der Gefängnisleiter am Beispiel der Sicherheitszellen, die sich in Burgdorf in unmittelbarer Nähe der medizinischen Abteilung befinden. In diesen Zellen gibt es nichts – ausser ein in den Boden eingelassenes WC und drei Blöcke, die an eine Liege, einen Stuhl und an einen Tisch erinnern. Durch ein Gitter, das die ganze Breite einnimmt, wird ein Vorraum abgetrennt. Von dort aus kann die eingesperrte Person überwacht werden. Ergibt sich ein medizinisches Problem, kann sie auf kürzestem Weg verlegt werden. In vielen anderen Gefängnissen befänden sich die Sicherheitszellen im Keller und die Behandlungszellen an einem ganz andern Ort, sagt Klee.

«Cool down pink»

Am Beispiel der Sicherheitszellen, in denen Häftlinge nichts beschädigen können – auch sich selbst nicht –, lässt sich noch anderes zeigen: Eine der Zellen ist rosarot gestrichen. Dies wiederum hat mit psychologischen Erkenntnissen zu tun. Offenbar wirkt die sogenannte Kaugummifarbe pulssenkend – selbst bei äusserst aggressiven Burschen. Darum wird die Farbe auch «cool down pink» genannt. Und noch etwas: Das Gitter, das einen an alte Kerker denken lässt, wird zellenseitig von einer Plexiglasscheibe ergänzt. Dadurch wird es dem Insassen sogar verunmöglicht, sich wie ein «klassischer» Gefangener zu verhalten – und am Gitter zu rütteln. Auch das hat seine guten Gründe, wie Klee sagt. Andernorts, wo die Gefangenen an den Gittern rütteln können, «hört man das bis in den fünften Stock hinauf».

Morgen Samstag werden im neuen Verwaltungszentrum in Burgdorf von 9 bis 16 Uhr die Türen für die Öffentlichkeit geöffnet. Wer will, kann seine eigenen Steuerdaten anschauen, sich Fahrzeuge des Werkhofs erklären lassen oder sich auf einen Richterstuhl setzen. Informationen: www.be.ch/vz-neumatt (Der Bund)

Erstellt: 27.04.2012, 14:58 Uhr

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