Rebellion ist noch kein Geständnis

Hat der «Heiler» mit seinem renitenten Verhalten sich selber überführt? Für Strafrechtsprofessor Karl-Ludwig Kunz handelt es sich nicht unbedingt um ein Schuldeingeständnis.

Bei schweren Delikten seien Indizienprozesse «nicht unüblich», sagt der Kriminologe Karl-Ludwig Kunz.

Bei schweren Delikten seien Indizienprozesse «nicht unüblich», sagt der Kriminologe Karl-Ludwig Kunz. Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der sogenannte Heiler hat sich dem Prozess entzogen, in seiner Wohnung verschanzt und mit Waffengewalt gedroht. Ist das faktisch ein Schuldeingeständnis?
Nein, aus rechtlicher Sicht ist das kein Geständnis. Es ist eine ambivalente Tatsache, die man zu seinen Gunsten oder zu seinen Ungunsten auslegen kann. Das Gericht dürfte das im Prozess nicht belastend werten.

Handelt es sich um ein Indiz für seine Schuld?
Das ist nicht eindeutig. Man kann sich dem Verfahren auch entziehen wollen, wenn man unschuldig ist und Angst hat, nicht fair behandelt zu werden. Wenn jemand rebelliert, ist das nicht unbedingt ein Schuldeingeständnis.

Am Montag soll der Prozess mit Plädoyers von Opferanwälten und dem Plädoyer der Verteidigung fortgesetzt werden. Wie kann die jüngste Entwicklung hier noch einfliessen?
Grundsätzlich haben Angeklagte das letzte Wort, nach dem Plädoyer des Verteidigers können sie sich äussern.

Könnte das Gericht den «Heiler» noch einmal befragen?
Die Befragung ist ein Teil der Beweisaufnahme. Diese ist abgeschlossen. Das Gericht könnte beschliessen, wieder in die Beweisaufnahme einzutreten. Das ist aber ein förmlicher Akt und würde den Prozess verzögern.

Es handelt sich um einen Indizienprozess. Wie häufig oder wie selten sind solche Prozesse?
Indizienprozesse sind durchaus nicht unüblich bei schweren Delikten. Solche Delikte werden durch die möglichen Täter oft bestritten.

Was ist der Grund dafür, dass Täter in solchen Fällen oft nicht geständig sind?
Die Höhe der Strafe. Es geht um viel, zudem sind bei solchen Prozessen auch Verteidiger involviert. Das Geständnis ist ein Zeichen von Reue und Demut. Einen Ladendiebstahl ist man eher bereit zuzugeben als beispielsweise einen Mord.

«Durch zweier Zeugen Mund wird alleweil die Wahrheit kund» – so lautet ein altes Sprichwort. Im vorliegenden Fall gibt es 16 Opfer, die vor Gericht ausgesagt haben. Hat diese hohe Zahl von Belastungszeugen auch ein besonders hohes Gewicht?
Nein, das kumuliert sich nicht einfach so. Das Gericht entscheidet nach dem Prinzip der freien Beweiswürdigung.

Was versteht man darunter?
Im Mittelalter war für eine Verurteilung ein Geständnis notwendig, das führt aber zur Folter, weil ansonsten kaum jemand freiwillig gestehen würde. Bei der freien Beweiswürdigung entscheidet das Gericht aufgrund der persönlichen Überzeugung, die es durch die Hauptverhandlung und die Akten gewonnen hat. Diese Überzeugung muss natürlich auf vernünftigen Gründen beruhen.

Das heisst, es ist auch wichtig, welchen Eindruck das Gericht von den Zeugen oder dem möglichen Täter beim Prozess erhält?
Darum gibt es bei schweren Delikten eine ausführliche Hauptverhandlung. Nur aufgrund der Akten ist es schwierig, einen persönlichen Gesamteindruck zu gewinnen, der schlüssig, überzeugend und konsistent sein muss. Auch audiovisuelle Aufnahmen von Einvernahmen sind nicht dasselbe wie eine Verhandlung. Wichtig sind dabei auch nonverbale Äusserungen, welche die Beteiligten aussenden.

Die Rechtsprechung ist demnach keine exakte Wissenschaft, wenn der Eindruck so viel Gewicht erhält?
Ja, sogar über den Wahrheitsbegriff kann man streiten. Die materielle Wahrheit ist das Ziel, es ist aber nicht immer zu erreichen. Deshalb gibt es den Begriff der prozessualen Wahrheit, die im Rahmen des Prozesses erbringbar ist. Die Beweisaufnahme erfolgt zum Beispiel nach dem Verhältnismässigkeitsprinzip und kann nicht ewig dauern. Irgendwann muss auch ein Urteil erfolgen.

Ein anderer Grundsatz lautet, in dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten. Wie gross muss der Zweifel sein, damit sich die Waagschale zugunsten des Angeklagten neigt?
Dieser Grundsatz kommt zur Anwendung, wenn die Sache auf der Kippe steht, wenn also vernünftige Zweifel an der Schuld des Angeklagten bestehen bleiben.

Wann ist dieser Punkt erreicht?
Es gibt zwei wichtige Richtlinien für diese Entscheidung. Erstens: Ist der Vorwurf, der geprüft wird, die bestmögliche Erklärung für das Geschehene? Zweitens: Ist die Erklärung gut genug? Reicht sie aus, um vernünftige Gründe, die dagegen sprechen könnten, auszuschliessen, «beyond reasonable doubt», wie es im Englischen heisst.

Kann man sagen, wie viele Prozent der Zweifel für einen Schuldspruch höchstens betragen darf?
Das Gericht kann sich nur auf Wahrheitswahrscheinlichkeiten stützen. In den USA sind solche Prozentwerte unterschiedlich festgelegt worden. Meiner Meinung nach bringt uns das aber nicht weiter, weil es sich dabei nur um eine Übersetzung in die mathematische Sprache handelt und Exaktheit nur vortäuscht. Die argumentative Begründung, die überprüfbar sein muss, ist das, was letztlich zählt.

Falls Prozentangaben einreissen würden, entscheidet dann am Schluss der Computer, ob jemand schuldig ist oder nicht?
Eine mathematische Strafzumessung war der Traum vor zwanzig Jahren. Doch das Persönliche lässt sich nicht einfach in Zahlen ausdrücken. Wie gesagt, das Recht ist keine exakte Wissenschaft.

Im «Heiler»-Fall fehlen objektive Beweismittel wie Spritzen oder Blutkonserven, ist es ein Manko, dass so etwas wie eine «Smoking Gun», ein hieb- und stichfester Beweis nicht gefunden wurde?
Das muss kein grosses Manko sein. Ob es sich im vorliegenden Fall auswirken wird, kann ich von aussen nicht beurteilen. Alle Beweise sind subjektiv zu bewerten. Zeugenaussagen sind im Grunde so verlässlich wie objektive Befunde.

Darf man umgekehrt den Umstand bewerten, dass niemand sonst für die Taten infrage zu kommen scheint. Also die Frage: Wer soll es sonst gewesen sein?
Aber sicher. Ob jemand anderes in Betracht kommen könnte, spielt eine zentrale Rolle.

Die Taten liegen doch einige Jahre zurück. Schmälert das die Aussagekraft der Zeugen?
An schwerwiegende Ereignisse erinnert man sich normalerweise auch noch nach vielen Jahren. Erinnerungsverlust ist aber sicher bei Vorfällen in Betracht zu ziehen, die mehrere Jahrzehnte zurückliegen. Berichtet zum Beispiel jemand im Altersheim über einen Missbrauch in der Kindheit, sind Zweifel am Platz.

Der Angeklagte hat Verschwörungstheorien geäussert, das ist aber doch eher unwahrscheinlich?
Theoretisch ist das nicht auszuschliessen, die Frage ist aber, ob dafür auch Anhaltspunkte vorliegen. Grundsätzlich sind Verschwörungen recht selten und umso unwahrscheinlicher, je mehr Leute involviert sind.

Der Prozess gegen den 54-jährigen «Heiler» wird ab Montag fortgesetzt. (Der Bund)

(Erstellt: 18.03.2013, 07:21 Uhr)

Artikel zum Thema

Nach 24 Stunden war Schluss

Einen Tag, nachdem sich der Angeklagte im Heiler-Fall in seinem Haus verschanzt hatte, konnte ihn die Polizei gestern festnehmen. Sie setzte dazu einen Taser ein. Der Verteidiger hatte zuvor vergeblich versucht, seinen Mandanten zum Aufgeben zu bewegen. Mehr...

Berner «Heiler» wurde mit Taser überwältigt

Der Berner «Heiler», der sich weigerte, zu seinem Gerichtstermin zu erscheinen und sich in seinem Haus verschanzt hatte, ist gefasst. Die Sondereinheit Enzian konnte ihn mit einem Taser überwältigen. Mehr...

«Heiler»-Prozess: Anwälte fordern Genugtuung von 100'000 Franken

Im Berner «Heiler»-Prozess haben am Freitag die ersten beiden Opfer-Anwälte ihre Plädoyers gehalten. Sie verlangen eine Genugtuung von mindestens 100'000 Franken für jedes Opfer. Mehr...

Karl-Ludwig Kunz

Der 65-jährige Karl-Ludwig Kunz ist Kriminologe und emeritierter Professor für Strafrecht an der Universität Bern. Er ist u. a. Gründungspräsident des Berner Forums für Kriminalwissenschaften und Mitglied des Fachbeirates des Max-Planck-Instituts für Ausländisches und Internationales Strafrecht.

Marktplatz

Immobilien

Die Welt in Bildern

Jagdinstinkt: Im Wildpark Entebbe, Uganda, holt sich ein Löwe das Futter vom Baum. (31. Oktober 2014)
(Bild: Edward Echwalu ) Mehr...