Rätselhafte radioaktive Spuren

Genfer Geologen haben im Bielersee radioaktives Cäsium gefunden, das aus Mühleberg stammen dürfte. Die Belastung ist gering. Bei einer Katastrophe wäre verseuchtes Wasser jedoch ein Hauptproblem.

Radioaktives Cäsium 137 aus dem Abwasser von Mühleberg soll sich im bielersee abgelagert haben.

Radioaktives Cäsium 137 aus dem Abwasser von Mühleberg soll sich im bielersee abgelagert haben. Bild: Alessandro Della Bella/Keystone

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Bohrkerne aus dem Untergrund des Bielersees zeigen eine erhöhte Ablagerung von radioaktivem Cäsium 137 aus dem Jahr 2000. Laut der Studie eines Genfer Geologenteams, welche die «SonntagsZeitung» gestern publik machte, kommt als Erklärung dafür nur radioaktives Abwasser aus dem AKW Mühleberg infrage.

Die Radioaktivität liegt weit unter den Grenzwerten, die für Trinkwasser gelten. Die für 2000 festgestellte Spitze der Cäsiumbelastung beträgt auch nur gut einen Fünftel der Belastung, welche als Folge der AKW-Katastrophe von Tschernobyl im Bielersee abgelagert worden ist. Für das Trinkwasser der Region Biel, das weitgehend aus dem See bezogen wird, besteht also keine unmittelbare Gefahr.

Ursache der Spitze ist unklar

Interessanter ist, dass der Befund ein Schlaglicht auf die behördliche Messpraxis für Radioaktivität im Wasser wirft, welche aus den AKW stammt. So ist die Ursache der gemessenen Spitze unklar. Es hat Ende der 1990er-Jahre im AKW Mühleberg grössere Umbauarbeiten, zwei Schnellabschaltungen und einen Wassereinbruch auf dem Werkareal bei einem Hochwasser gegeben, die mögliche Ursachen sein könnten.

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) betont auf Anfrage, dass in Mühleberg die gesetzlichen Limiten für die Abgabe von Radioaktivität ins Abwasser stets eingehalten worden sind und die Spitze für das radioaktive Isotop Cäsium 137 im Sediment des Bielersees sehr klein sei. «Die Ursache können wir nicht eindeutig identifizieren», sagt Sprecher Sebastian Hueber.

Ensi: Abwasser strahlt zu stark

Generell ist aber das Ensi der Ansicht, dass aus dem AKW Mühleberg auch gegenwärtig zu viel Radioaktivität ins Wasser fliesst: Zwar weniger als erlaubt, aber mehr, als andere AKW in der Schweiz abgeben. Es hat deshalb angeordnet, dass die radioaktive Belastung des Abwassers reduziert wird.

«Als wahrscheinlichster Verursacher kommt das Kernkraftwerk Mühleberg infrage», antwortet auf Anfrage der Leiter der Abteilung Strahlenschutz im Bundesamt für Gesundheit (BAG), Werner Zeller. Im Nachhinein wird es laut Zeller wohl nicht mehr möglich sein, die genaueren Umstände herauszufinden. «Aus gesundheitlicher Sicht sind die Werte nicht alarmierend», antwortet Zeller, «hingegen wird es darum gehen, dass es in Zukunft keine unbemerkten Abgaben mehr geben wird.»

In den Wassermessungen der Behörden ist die Spitze um das Jahr 2000 laut dem Bericht der «SonntagsZeitung» nicht feststellbar. Das Ensi habe der «SonntagsZeitung» die detaillierten Berichte zur Abgabe von Radioaktivität ins Abwasser auf Anfrage nicht zur Verfügung gestellt. Dabei handle es sich um Dokumente aus der Zeit vor der Geltung des Öffentlichkeitsgesetzes, begründet Hueber auf Anfrage die Geheimhaltung.

Messfehler am Hagneck-Kanal

Das Werk messe diese Abgaben und das Ensi überprüfe sie «stichprobenweise mit eigenen Messungen», sagt Hueber. Die Frage, warum solche Abwassermessungen nicht laufend gemacht und ins Ensi übermittelt werden, konnte Sprecher Hueber gestern nicht beantworten. Der Bundesrat habe diesen Frühling beschlossen, dass künftig auch die Radioaktivität in Fliessgewässern automatisch gemessen wird, fügt er an. Der Zufluss aus der Aare in den Bielersee wird vom Wasserforschungsinstitut der ETH Eawag an einer Messstelle beim Hagneckkanal periodisch überwacht und die Ergebnisse werden an das Bundesamt für Gesundheit weitergeleitet. Laut «SonntagsZeitung» gab es wiederholt Messfehler, und im Jahr 1998 wurde «wegen technischer Probleme» gar nicht gemessen.

Unterschätztes Problem Wasser

Im Falle einer Katastrophe im AKW Mühleberg wären die Behörden allerdings dringend auf sofortige Messungen des Wassers angewiesen. Fukushima hat gezeigt, dass die radioaktive Belastung des Wassers ein stark unterschätztes Problem ist. In Fukushima floss das verseuchte Wasser grösstenteils ins Meer. Bei einer ähnlichen Katastrophe in Mühleberg würde laut einer Studie des deutschen Öko-Instituts im Auftrag von AKW-Gegnern der Bielersee so stark belastet, dass seine Ufer zur Sperrzone würden. Sehr rasch müssten die Behörden entscheiden, wann der Trinkwasserbezug aus dem See gesperrt wird.

Ensi-Sprecher Hueber verweist darauf, dass die Notfallplanung im Hinblick auf Fliessgewässer derzeit überarbeitet werde. Resultate seien im vierten Quartal 2013 zu erwarten. Bis Ende Jahr muss das Ensi zudem festlegen, ob für die Notfallplanung überhaupt mit einem Unfall im Ausmass von Fukushima gerechnet werden soll. In einem ersten Berichtsentwurf, den der «Bund» publik machte (Ausgabe vom 23.4.2013), wollte das Ensi darauf verzichten. (Der Bund)

Erstellt: 15.07.2013, 06:54 Uhr

Kritiker fordern Untersuchung

Greenpeace fordert die Staatsanwaltschaft des Kantons Bern auf, eine Untersuchung einzuleiten. Diese müsse klären, unter welchen Umständen die erhöhte Radioaktivität in den Bielersee gelangte und ob die Grenzwerte wirklich nicht überschritten worden seien, schreibt Greenpeace in einer Mitteilung. Für die Grüne Partei des Kantons Berns stellt sich die Frage, was die Berner Behörden genau von den Vorkommnissen rund um das Jahr 2000 wussten. Mit einer Interpellation wolle man dem Regierungsrat entsprechende Fragen stellen. (sda)

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