Kontroverse um neue Schulzeugnisse

Bernhard Pulver will die Zeugnisse den Bedürfnissen der Lehrbetriebe anpassen. Was er vorhabe, sei «inakzeptabel», sagen Kritiker.

Bernhard Pulver hat Pläne, die bernischen Schulzeugnisse zu vereinfachen.

Bernhard Pulver hat Pläne, die bernischen Schulzeugnisse zu vereinfachen.

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Ein Zeugnis, in dem lediglich zu jedem Fach eine Note steht, wird einem Schüler nicht gerecht. Diese Ansicht hat sich im Kanton Bern schon vor längerer Zeit durchgesetzt. Zusätzlich zu den Noten bekommen die Kinder deshalb Rückmeldungen zu Teilbereichen wie Hörverstehen oder Vorstellungsvermögen. Ausserdem enthält das Zeugnis auch Bewertungen des Arbeits- und Lernverhaltens.

Das soll sich ändern, wie der bernische Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) entschieden hat. Er beabsichtigt, künftig auf die Bewertung der Teilbereiche und des Arbeits- und Lernverhaltens zu verzichten.

Im Kindergarten und vielleicht sogar in der ersten Klasse soll es keine obligatorische Bewertung mehr geben. Und in der Oberstufe sollen die Schüler nur noch einmal pro Jahr ein Zeugnis erhalten. Pulver hat diese Pläne bisher nicht öffentlich gemacht, obwohl es sie schon länger gibt.

Dass er es jetzt auf Anfrage tut, liegt daran, dass übers Wochenende massive Kritik laut geworden ist. Die Stossrichtung: Pulver wolle die Schüler in Zukunft detaillierter bewerten als heute – neu solle es auch für «Charaktereigenschaften» Zensuren geben.

Auslöser der Kritik ist ein Dokument, das die «Basler Zeitung» am Samstag publik gemacht hat. Es ist eine Anleitung für die Berner Lehrer, wie sie künftig die «personalen und sozialen Kompetenzen» ihrer Schüler einschätzen sollen.

Pro Fach soll es auf einer Skala von 1 bis 10 Rückmeldungen zu den Bereichen Selbstreflexion, Selbstständigkeit und Eigenständigkeit geben. Auch Eigenschaften wie Pünktlichkeit und Ordnungssinn sollen bewertet werden. Und unter dem Titel «Soziale Kompetenzen» sollen die Lehrer etwa die Kooperationsfähigkeit ihrer Schüler und deren «Umgang mit Vielfalt» einschätzen.

Der Bieler Lehrer und Lehrplan-21-Kritiker Alain Pichard sagte in der «SonntagsZeitung», diese Pläne seien «inakzeptabel». Er sieht sich in seiner Befürchtung bestätigt, mit dem Lehrplan 21 werde eine «psychometrische Vermessung» der Schüler eingeführt.

«Es wird weniger vermessen»

Erziehungsdirektor Pulver weist die Kritik zurück. Das Dokument sei ein erster Entwurf und werde noch vereinfacht. Ausserdem müsse man es im Zusammenhang mit den Anpassungen sehen, die er bei den Zeugnissen plane. Pulver verspricht: «Die Beurteilung wird in Zukunft einfacher sein als heute, und die Schüler werden nicht mehr, sondern weniger vermessen werden.»

Die Bewertung der «überfachlichen Kompetenzen», an der sich nun die Kontroverse entzündet hat, soll laut Pulver vor allem den Lehrbetrieben dienen. Im Moment trauen viele Lehrbetriebe dem Schulzeugnis nicht. Sie verlangen von Bewerbern deshalb von Privaten angebotene Eignungstests wie den Multicheck oder führen selber Tests durch.

Pulver will, dass sich das ändert: «Es ist mein Ehrgeiz, dass die Schulen den Lehrbetrieben eine Einschätzung bieten können, die ihnen genügt.» Laut Pulver hätten die Lehrbetriebe am liebsten eine Bewertung, die auf der Liste der zehn Schlüsselkompetenzen basiert, die die bernischen Berufsberatungs- und Informationszentren erarbeitet haben.

Die Liste beginnt mit dem Satz: «Wenn du dich in der Lehre richtig verhältst, hast du mehr Erfolg.» Dann folgen Kompetenzen wie Einsatzfreude, Ordnungssinn und Höflichkeit. Pulver will Vertreter der Lehrbetriebe zu einem runden Tisch einladen, um sich noch einmal anzuhören, was ihre Bedürfnisse sind.

Im April will er seine Pläne für die angepasste Beurteilung in die Konsultation schicken. Er betont, dass noch nichts definitiv sei. Es sei auch möglich, dass er am Ende auf die Beurteilung der überfachlichen Kompetenzen komplett verzichte.

Bildung Bern, wie der Lehrerverband nun heisst, begrüsst Pulvers Bemühungen. «Wir setzen uns für eine einfachere Beurteilung ein und haben den Eindruck, dass die Erziehungsdirektion auf einem guten Weg ist», sagt Franziska Schwab, Leiterin Pädagogik.

Zwar sei auch Bildung Bern der Meinung, dass der Bewertungsbogen für die überfachlichen Kompetenzen noch überarbeitet werden müsse, doch es gebe keinen Grund, «bereits wieder in Panik auszubrechen». Im Gegenteil: «Ich habe noch nie erlebt, dass ein Erziehungsdirektor seine Neuerungen so breit abstützt, wie Pulver es tut.»

Nicht umstimmen lässt sich Alain Pichard. Eine Bewertung des Arbeits- und Lernverhaltens wie bisher sei akzeptabel, sagt er. Alles, was darüber hinausgehe, gehe zu weit. (Der Bund)

(Erstellt: 23.02.2016, 06:48 Uhr)

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