Ist das AKW oder seine Abschaltung ein Risiko?

Sie sind beide technisch versiert. Doch bezüglich der Initiative «Mühleberg vom Netz» schenken sie sich nichts. Für den Initiativgegner Gerhard Fischer droht bei einer sofortigen Abschaltung Schadenersatz. Das AKW sei ein untragbares Risiko, warnt Befürworter Jürg Joss.

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2019 stellt die BKW ihr AKW ab. Ist die Volksinitiative «Mühleberg vom Netz» eine Zwängerei, wie die Gegner sagen, Herr Joss?
Jürg Joss: Nein, denn bisher gibt es keine verbindlichen Unterlagen, die bestätigen, dass das Atomkraftwerk 2019 vom Netz geht. Dies ist nicht mehr als ein Versprechen der BKW. Aus unserer Sicht muss Mühleberg sofort abgeschaltet werden, weil das Werk seine technische Lebensdauer längst überschritten hat.

Herr Fischer, es gibt zu viele Kraftwerke in der EU, der Strompreis ist im Keller. Ein guter Moment, um Mühleberg sofort abzuschalten?
Gerhard Fischer: Wir haben viel Strom im europäischen Markt, aber oft zur falschen Zeit. Strom aus Sonne und Wind fällt unregelmässig an, Kernkraftwerke produzieren gleichmässig rund um die Uhr. Mühleberg ist ein sicheres Werk, es gibt keinen Grund, es sofort abzuschalten. Die BKW hat klar gesagt, dass sie 2019 abschaltet. Wir sollten sie nun mit einer gewissen Gelassenheit umsetzen lassen, was sie beschlossen hat.
Joss: Gelassenheit ist überhaupt nicht angebracht. Die BKW kann jederzeit auf ihren Entscheid zurückkommen, falls sich etwa die Marktlage ändern sollte.Fischer: Die neue BKW-Chefin Suzanne Thoma steht mit ihrer Glaubwürdigkeit dafür ein, dass Mühleberg 2019 abgeschaltet wird. Eine sofortige Abschaltung brächte die BKW in eine schwierige Lage und würde Schadenersatzklagen an den Kanton nach sich ziehen.

Strom aus Mühleberg ist teurer als jener auf dem Markt. Warum sollte da mit der Abschaltung ein finanzieller Schaden entstehen?
Fischer: Unabhängig vom Betrieb gibt es Fixkosten in Mühleberg, die über eine längere Zeit amortisiert werden müssen. Mit der Abschaltung würden alle Einnahmen aus Mühleberg wegfallen, die laut Frau Thoma 120 Millionen Franken jährlich zum Konzernergebnis beitragen, bis 2019 also rund eine halbe Milliarde. Entsprechend happig würde der Schadenersatz für den bernischen Steuerzahler nach einem Ja zur Initiative ausfallen. Ich finde, dass sich dieses finanzielle Risiko wegen bloss noch fünf Betriebsjahren nicht lohnt.
Joss: Ich glaube nicht an die hohen Summen, die jetzt zur Abschreckung an die Wand gemalt werden. Dazu müsste die BKW erst nachweisen, dass bei dieser Marktlage ein finanzieller Schaden entsteht, was mir zweifelhaft erscheint. Zudem stellt sich die Frage, wer überhaupt klagen könnte. Der Kanton als BKW-Mehrheitsaktionär wohl kaum, er würde sich nicht selber einklagen.

Auch wenn nur ein Teil der privaten BKW-Aktionäre klagt, entscheiden Gerichte über Schadenersatz. Ihr Urteil ist schwer vorhersehbar.
Joss: Es würde sicher einzelne Klagen geben. Gerade deshalb wäre es wichtig, dass die Regierung einen allfälligen finanziellen Schaden seriös und unabhängig abklärt. Dazu sind Vorstösse im Grossen Rat hängig, leider wurden sie bisher nicht beantwortet. Offen ist zudem, welche Auflagen die Atomaufsicht Ensi macht. Je nachdem könnte dies den AKW-Betrieb erheblich verteuern.

Das Ensi fordert, dass die BKW bis am 30. Juni nachweist, wie sie die Sicherheit des AKW bis 2019 garantiert. Das Volk entscheidet am 18. Mai in Unkenntnis. Ein Problem? Fischer: Das Ensi ist eine unabhängige Behörde, die laufend beurteilt, ob die Sicherheit im Betrieb erfüllt ist. Ich und die Mehrheit des Grossen Rates vertrauen darauf, dass das Ensi als zuständige Behörde seine Aufgabe erfüllt.

Im Ensi arbeiten 140 Experten. Warum vertrauen Sie dem Ensi nicht, Herr Joss?
Joss: Wir haben mit dem Ensi fast vier Jahre lang ein Verfahren über die unbefristete Betriebsbewilligung geführt. In diesem Verfahren haben wir sehr viele Akten erhalten – aber immer dann, wenn es aussagekräftig wurde, hat das Ensi die Passagen in den Dokumenten eingeschwärzt. Das Ensi entzieht sich der Öffentlichkeit. Das Ensi hat die Sicherheit während 40 Jahren beurteilt. In dieser ganzen Zeit hatten wir im AKW Mühleberg keine Notkühlung, die von der Aare unabhängig ist. Wir haben eine Kühlanlage für das Becken mit den Brennstäben, die schon 2001 und erneut 2005 als nicht erdbebenfest eingestuft wurde – und das ist sie bis heute nicht. Nun sagt dasselbe Ensi, die BKW solle zeigen, wie sie diese Probleme ohne grössere Nachrüstung lösen kann. Das ist nicht glaubwürdig.
Fischer: Ich habe wie gesagt Vertrauen in die ausgewiesenen Fachleute, welche das KKW betreiben und beaufsichtigen. Nicht bestreiten will ich, dass das Sicherheitsdenken in allen Bereichen in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat, man lernt aus Unfällen, auch aus Fukushima. Letztlich gibt es überhaupt keine Tätigkeit, die nicht mit einem Restrisiko verbunden ist. Ich weiss, dass dies für viele, die aus dem Bauch heraus entscheiden, ein schwieriges Wort ist. Aber es geht hier um sehr seltene Ereignisse wie ein Erdbeben, das alle zehntausend Jahre einmal auftritt. Vor zehntausend Jahren waren hier noch Gletscher.

AKW-Unfälle sind selten, Herr Joss.
Joss: Die Berechnungen des Ensi zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze in Mühleberg inzwischen bei 1 zu 40'000 liegt. Das ist gegenüber den Zahlen von 1991 eine Verdoppelung des Risikos, die in erster Linie auf die Erkenntnisse aus Fukushima zurückgeht.
Fischer: Trotz der Verdoppelung ist das immer noch sehr sicher. Wir reden ja von einmal in 40'000 Jahren.
Joss: Die Wahrheit über die Wahrscheinlichkeitsberechnungen erfährt man erst, wenn die Unsicherheit zuschlägt. Bei Fukushima war die Wahrscheinlichkeit auch irgendwo bei 1 zu 100'000. Aber dann zeigte der Unfall, dass sie bei 1 zu 30 Jahren lag. Das zeigt den Ursprungsfehler dieser Wahrscheinlichkeitsrechnungen: Wenn man Glück hat, kommt man durch. Wenn man Pech hat, zeigt sich, dass die Wahrscheinlichkeit bei einem Mal in einigen Jahrzehnten liegt.

Kann man sich eine Katastrophe wie jene in Fukushima in der Grossregion Bern überhaupt vorstellen?
Fischer: Jeder grosse Unfall ist tragisch. Man muss aber auch wissen, dass die Toten wegen des Tsunami starben, nicht wegen des KKW-Unfalls. Auch nach Tschernobyl gab es Horrorszenarien. Nun aber stellt man fest, dass die Natur sich viel rascher erholt als erwartet. Sie werden mir jetzt sagen, dass dies zynisch ist, aber wenn ich die Anzahl der Toten pro Kilowattstunde rechne, gibt es viel gefährlichere Produktionsarten. Schauen Sie etwa, wie viele Staudämme schon brachen. Oder wie viele Menschen im Kohleabbau starben.
Joss: Die radioaktiven Isotope, die im Normalbetrieb aus dem Kamin in Mühleberg entweichen, werden auch auf Krebstote hochgerechnet. Für die Grenzwerte legt man fest, wie viele zusätzliche Tote statistisch akzeptabel sind.

Ist das Risiko Mühleberg tragbar?
Fischer: Das minimale Risiko ist sicher tragbar, es geht ja nur noch um fünf Betriebsjahre. Auch wenn wir Mühleberg sofort abschalten würden, haben wir allein in Frankreich in der Nachbarschaft noch 58 KKW. Der Sicherheitsstresstest der EU hat gezeigt, dass unsere 5 KKW in der Schweiz verglichen mit anderen sehr sicher sind.
Joss: Da muss ich widersprechen: Wir hatten eine Sicherheitsbegehung von Inspektoren der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEA) in Mühleberg. Sie stellten fest, dass der Betrieb «guten Industriestandards nicht genügt». Das war im Januar 2013. Ich frage mich wirklich, wie man nach einer solchen Schlussfolgerung von internationalen Inspektoren zum Schluss kommen kann, dass Mühleberg besser ist als AKW in der EU.
Fischer: Der EU-Stresstest zeigte dies.
Joss: Vergangenen Dezember warf das Ensi der BKW vor, sie nehme die Sicherheit zu wenig ernst, daran hielt das Ensi noch diesen Frühling fest. Für mich zeigt dies: Das Ensi hat offensichtlich zu wenig Haare auf den Zähnen. Es kann nicht zubeissen und wird von der BKW am Gängelband geführt.

Themenwechsel: Wie soll der Strom aus Mühleberg ersetzt werden?
Fischer: Man wird Strom aus der EU importieren, also vor allem Strom aus Kernkraft-, Gas- und Kohlekraftwerken. Ich habe Mühe damit, dass man gerade von grüner Seite diese Abhängigkeit von schmutzigem EU-Strom akzeptiert.
Joss: Einspruch: Schon 1992 forderte der damalige Bundesrat Adolf Ogi von der BKW Alternativplanungen für Mühleberg. Der BKW fiel jedoch dazu nur gerade ein Gaskraftwerk ein. Sie hat an Grosskraftwerken festgehalten und die Zeichen der Zeit über Jahrzehnte nicht erkannt. Es ist zynisch, wenn die BKW, die in der EU Kohle- und Gaskraftwerke betreibt, sich jetzt auf den Klimaschutz beruft.
Fischer: Ich will die BKW nicht verteidigen, sie muss als börsenkotierte Firma Geld verdienen. Ich verweise aber darauf, dass wir immer noch sehr viel Öl und Gas verbrauchen. Die Kernenergie kann uns in einer Übergangszeit helfen, das Klimaproblem zu entschärfen.
Joss: Man kann die AKW durch Erneuerbare und vor allem Energieeffizienz ersetzen. Bisher fehlt aber der Wille.
Fischer: Energieeffizienz ist wichtig, man darf aber nicht alles vorschreiben.

Kommen wir zur Schlussrunde. Was passiert nach einem Ja zu «Mühleberg vom Netz», Herr Joss?
Joss:
Dann muss man den Verwaltungsrat der BKW im Sinne des Kantons ersetzen. Die Abschaltung kann noch in diesem Jahr vollzogen werden.

Fordern Sie dann die Abschaltung der zwei AKW in Beznau?
Joss:
Auch diese AKW sind unsicher. Am 18. Mai stimmen wir im Kanton Bern aber nur über Mühleberg ab.

Was ist bei einem Nein, Herr Fischer? Kommt dann das Thema neue AKW wieder auf den Tisch? Fischer: Die BKW wird Mühleberg wie geplant 2019 abschalten. Es kann sein, dass eine bessere Generation von KKW entsteht, das werde ich aber nicht mehr erleben. Wenn es in der Schweiz wieder ein neues KKW geben sollte, dann würde es sicher nicht im Kanton Bern stehen. (Der Bund)

(Erstellt: 01.05.2014, 09:26 Uhr)

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Befürworter Jürg Joss

Jürg Joss (50) kämpft für ein Ja zur Initiative «Mühleberg vom Netz» am 18. Mai. Der SP-Gemeinderat von Bätterkinden engagiert sich seit Jahren für die Stilllegung von Mühleberg. Beruflich ist er Techniker. Er liefert und installiert unter anderem Messgeräte für die Pharmaindustrie. (st)

Gegner Gerhard Fischer

Der SVP-Grossrat und ehemalige Grossratspräsident Gerhard Fischer (63) aus Meiringen kämpft für ein Nein zur Mühleberg-Initiative am 18. Mai. Er engagiert sich seit Jahren für die Kernenergie. Beruflich arbeitet Fischer als Bauingenieur bei den Kraftwerken Oberhasli (KWO). (st)

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