«Inakzeptable Zustände»: Riggisberger wollen strafferes Asylzentrums-Regime

Die Massenschlägerei in der Asylunterkunft Riggisberg beschädigt nicht nur Mobiliar, sondern auch den Goodwill der Bevölkerung. Ein Experte kritisiert die kantonale «Inkompetenz».

Auch sie steht unter Kritik: Gemeindepräsidentin Christine Bär-Zehnder. Die Gemeinde habe es versäumt, «Eckpfeiler» zu setzen, sagt die Interessengemeinschaft IG Asylzentrum Riggisberg.

Auch sie steht unter Kritik: Gemeindepräsidentin Christine Bär-Zehnder. Die Gemeinde habe es versäumt, «Eckpfeiler» zu setzen, sagt die Interessengemeinschaft IG Asylzentrum Riggisberg. Bild: Manu Friederich (Archiv)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Massenschlägerei, Verletzte, Verhaftungen, zerstörtes Mobiliar: Der Vorfall in der Asylbewerber-Unterkunft in der Zivilschutzanlage Riggisberg hat Folgen. In einem offenen Brief ermahnt die IG-AZR (Interessengemeinschaft Asylzentrum Riggisberg) den Gemeinderat, dass solche «Zustände» in­akzeptabel seien.

Gemeinde und Kanton hätten es versäumt, von Anfang an «gewisse Eckpfeiler» zu setzen. So habe die IG seit Beginn «bessere Betreuung» angemahnt, was ignoriert worden sei. Darum doppelt die IG nach: Es müssten ständig «minimal zwei Betreuer vor Ort» sein, eine «zwingende Eingangskontrolle» müsse her. Der Polizeiposten sei rund um die Uhr zu besetzen, man wolle im Dorf zu allen Tages- und Nachtzeiten Fusspatrouillen sehen. Die Zahl von 150 Flüchtlingen sei zu hoch für das Dorf, sie sei auf 75 zu reduzieren, so die IG. Sie verlangt, dass die Nachtruhe um 22 Uhr konsequent durchgesetzt wird. Die Gemeindeverwaltung war gestern ausserplanmässig geschlossen.

Mehrere Delikte angezeigt

Im IG-Schreiben werden «diverse Beobachtungen» wiedergegeben, die IG-Sprecher André Perroud – ein Anwohner der Unterkunft – auf Anfrage ausdeutscht. So sei ein Flüchtling, der abends mit dem Postauto mittel- und gepäcklos wegfuhr, frühmorgens mit mehreren neuen Taschen voller Waren nach Riggisberg zurückgekommen. Das Poschi-Billett beglich er mit einer Hunderternote, die er einem Notenbündel entnahm.

Ebenfalls im Postauto soll ein Mädchen von einem Unterkunftsbewohner «betatscht» worden sein, weshalb eine Anzeige wegen sexueller Belästigung eingereicht worden sei. Perroud berichtet auch von einem Hausfriedensbruch, der sich in der Bäckerei Steiner zugetragen habe, zudem von einer Schlägerei im Restaurant Adler. Zwei Anzeigen seien hängig.

Die IG bezeichnet sich als «sachbezogen» und nicht politisch. «Seien wir ehrlich, wirklich Freude haben die wenigsten», heisst es auf der Webseite, doch sei die Einquartierung nicht zu verhindern. Was der IG sauer aufstösst, ist der behördliche Tonfall. Die Gemeindevertreter seien «unsere Interessenvertreter gegenüber dem Kanton und nicht Bedienstete des Kantons». Perroud verweist darauf, dass Riggisberg sich freiwillig anerboten habe und dadurch viel Goodwill gezeigt habe. Auch die IG sei nicht grundsätzlich gegen die Flüchtlinge: «Irgendwo müssen sie ja sein.»

«Inkompetenz und Arroganz»

Die IG ist mit der Kritik am Tonfall nicht allein. Martin Junker, bis Mitte Jahr Bereichsleiter Kollektivunterkünfte bei der Heilsarmee, die Asyleinrichtungen betreibt, beklagt gegenüber dem «Bund» ebenfalls die «ungeschickte Kommunikation» von Polizeidirektion (POM) und Migrationsdienst (Midi), die «im Stil einer Befehlsausgabe» erfolge. Junkers Kritik ist noch grundsätzlicher: Er wirft POM und Midi vor, sie agierten mit der «sattsam bekannten, wenig bekömmlichen Mischung von fachlicher Inkompetenz und Arroganz».

Regierungsrat Hans-Jürg Käser (FDP) sagte in einem Interview auf die Frage, weshalb man plötzlich so viele Plätze benötige und zu Notrecht greifen müsse: «Lesen Sie doch einfach die aktuellen Medienberichte» («Bund» vom 26. Juli 2014). Junker dreht den Spiess um: Mit etwas Zeitungslektüre hätte Käser längst wissen können, dass eine neue Flüchtlingswelle anrolle. POM und Midi hätten dies «einmal mehr verschlafen». Wenn Verantwortliche die Zeichen nicht lesen könnten, «sind sie nicht an der richtigen Stelle», so Junkers Fazit.

Laut dem vormaligen Heilsarmee-Kadermann wurden Durchgangszentren in Oberdiessbach, Linden und Wasen geschlossen. Eine Unterkunft für psychisch Auffällige im Nusshof Gampelen sei aufgehoben worden, um die Liegenschaft für andere Flüchtlinge herzurichten. Da baupolizeiliche Massnahmen für eine höhere Belegungszahl viel gekostet hätten, bleibe die Unterkunft seither ungenutzt. Junker sagt, der Midi sei überfordert, viele Mitarbeiter seien gegangen und hätten ihr Wissen mitgenommen. Der Midi will sich dazu nicht äussern.

Junker kommentiert den Fall Riggisberg nicht. Er habe die Unterkunft am Tag der offenen Tür besucht und einen guten Eindruck gewonnen. Es sei schön, dass die Gemeinde freiwillig mitmache. Wie es scheint, ist dieser Goodwill inzwischen beschädigt. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.09.2014, 07:07 Uhr

Bildstrecke

Tag der offenen Tür im Asylzentrum Riggisberg

Tag der offenen Tür im Asylzentrum Riggisberg Seit einer Woche leben 51 Asylsuchende im Durchgangszentrum Riggisberg. Am Mittwoch lud die Gemeinde zu einem Tag der offenen Tür.

Bildstrecke

Neue Asylunterkunft in Riggisberg eröffnet

Neue Asylunterkunft in Riggisberg eröffnet Vor einer Woche wurde die Asylunterkunft in Riggisberg eröffnet.

Artikel zum Thema

Verletzte nach Schlägerei im Asylzentrum Riggisberg

Ein Streit unter Asylbewerbern artete am Montagabend aus. Mehrere Personen mussten ins Spital gebracht werden. Mehr...

Riggisberger richten sich auf Zusammenleben mit Asylsuchenden ein

Die Gemeinde Riggisberg beherbergt seit einem Monat Asylsuchende. Nun geht sie neue Wege – und macht einen Schritt auf die zugezogenen Nachbarn zu. Mehr...

Hier sollen die Asylsuchenden zur Ruhe kommen

Riggisberg bietet Hand Seit einer Woche leben 
51 Asylsuchende im Durchgangszentrum Riggisberg. Am Mittwoch lud die Gemeinde zu einem Tag der offenen Tür. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Die Welt in Bildern

Abgetaucht: In Zürich geniesst man die sommerlichen Temperaturen mit einem Bad im See. (26. Mai 2017)
(Bild: Walter Bieri) Mehr...