In 80 Wochen um die Welt
Die Route der Planet Solar. (TA-Grafik jb/Quelle: Planet Solar)
Weltrekord gebrochen
Das Solarboot Tûranor Planet Solar ist ein gemeinsames Projekt des deutschen Solarunternehmers Immo Ströher und des Neuenburgers Raphaël Domjan. Der Katamaran ist 31 Meter lang, 15 Meter breit, wiegt 95 Tonnen und fährt mit durchschnittlich 14 km/h. Antrieb und alle technischen Geräte werden von 38 000 fotovoltaischen Zellen gespeist. Der Preis des Boots: 12,5 Millionen Euro. Initiant Domjan verfolgt eine ähnliche Vision wie Bertrand Piccard mit seinem Solarflugzeug: Er will zeigen, was mit Sonnenenergie möglich ist. Die Tûranor hält bereits 8000 Kilometer vor dem Ziel den Weltrekord für die längste mit einem Solarfahrzeug je zurückgelegte Strecke. Der Name Tûranor stammt aus J. R. R. Tolkiens «Herr der Ringe» und bedeutet «Kraft der Sonne». Die aktuelle Position des Boots kann verfolgt werden auf www.planetsolar.org.
Plötzlich geht nichts mehr. Ein lautes Rumpeln, dann ist eine der beiden Schiffsschrauben blockiert. Die Blätter des rechten Propellers haben sich in den Rumpf der Tûranor Planet Solar gefressen. Nun treibt der 31 Meter lange Katamaran manövrierunfähig auf den Pier des Hafens von Abu Dhabi zu. Der Wind bläst mit über 70 km/h, die Wellen sind drei bis vier Meter hoch. Es ist Tag 482 der Solarboot-Erdumrundung, und ein Aufprall auf die Quaimauer könnte ihr Ende bedeuten.
Angefangen hat die Reise vor mehr als einem Jahr. Am 27. September 2010 stach die Tûranor in Monaco in See. An Bord waren Raphaël Domjan, der Westschweizer Initiant des Projekts, erfahrene Seeleute aus Frankreich und Deutschland – sowie Christian Ochsenbein, 27-jährig, Elektroingenieur aus Thierachern bei Thun. Eine Bieler Elektronikfirma hat ihn in die Expedition eingeschleust.
«Nach der Anfrage habe ich ein paar Nächte lang nicht geschlafen», sagt Ochsenbein. Dann dachte er an einen Spruch seines Grossvaters: «Lieber schlecht als reuig» – lieber etwas versuchen als den Verzicht ein Leben lang bereuen. Trotzdem erschrak er, als er erfuhr, wie viele Schaltschränke die Konstrukteure in das Solarboot gestopft hatten. Und dann war da noch die grösste Lithium-Ionen-Batterie der Welt, 11 Tonnen schwer. Und 537 Quadratmeter Solarzellen, eine Fläche von zwei Tennisplätzen. All dies würde er instand halten müssen auf der Reise von über 50 000 Kilometern.
Tobende See
Zunächst nahm die Tûranor Kurs auf Gibraltar. Die Crew musste sich an das ungewohnte Gefährt gewöhnen. Die wichtigste Frage lautete: Wo scheint die Sonne? Regnete es einige Tage lang, verbrauchten die Motoren mehr Energie, als die Solarzellen produzierten, und die Batterieanzeige sank bedrohlich rasch gegen null. Langsam verstanden Ochsenbein und seine Kollegen, wie sie ihr schwimmendes Solarkraftwerk zu bedienen hatten.
Sie navigierten es westwärts, zu den Kanarischen Inseln, über den Atlantik nach Miami, durch den Panamakanal, via Galapagos-Inseln nach Australien, dann Hongkong, Singapur, Sri Lanka und Abu Dhabi. Manchmal sorgte ihre Ankunft für Unruhe, zum Beispiel bei den US-Zollbehörden oder der kubanischen Küstenwache, aber meist wurden sie feierlich willkommen geheissen. Oft empfing sie der Schweizer Botschafter, ebenso oft der lokale Bürgermeister. Auf dem Solarboot sammelten sich Geschenke und Erinnerungsplaketten.
Vor der Küste von Abu Dhabi treiben Wind und Wellen die Tûranor näher an den Pier heran. Auch die zweite Schiffsschraube klemmt nun, ein Rettungsseil hat sich darin verheddert. Es gibt nur noch eine Lösung: Notfallmässig den Anker werfen. Bei diesen Verhältnissen hat die Crew das noch nie versucht. Niemand weiss, ob das Boot der Belastung standhalten wird. Der Anker sinkt ab – es funktioniert, die Tûranor hält ihre Position. Kapitän Erwann nimmt Kontakt zur Küstenwache auf und bittet um Hilfe. Ein Boot kommt, aber es gibt Verständigungsprobleme. Die Küstenwächter sprechen kaum Englisch, und das Funkgerät funktioniert nicht. Als es eindunkelt, zieht sich die Küstenwache zurück. Ochsenbein und seine Kollegen müssen auf der tobenden See übernachten, kaum zwei Kilometer vom sicheren Anlegeplatz entfernt.
Mit den Haien schwimmen
Christian Ochsenbein sagt, seine Faszination für das Meer habe viel mit seinem Vater zu tun. Der leitete die Schifffahrt auf dem Brienzer- und dem Thunersee. Christian begleitete ihn oft. Er war ein ehrgeiziger Junge, absolvierte nach der Elektronikerlehre die Fachhochschule und schwamm wettkampfmässig. An den Schweizer Meisterschaften schaffte er es zweimal aufs Podest. Heute interessiert er sich nicht mehr für 50-Meter-Längen. Wenn Delfine oder kleine Haie in die Nähe der Tûranor kommen und die See ruhig ist, werden die Motoren gestoppt. Dann springt Ochsenbein ins Wasser, um den Besuch zu begrüssen.
Das Leben auf der Tûranor ist angenehmer, als man erwarten würde. Es gibt sechs Doppelkabinen für fünf Crewmitglieder. Eine Dusche ist eingebaut, ein Gasherd ebenso. Internet und Telefon funktionieren dank Satellitentechnik überall. Arbeit gibt es genug; Ochsenbein verbringt täglich zwei Schichten à vier Stunden am Steuer, der Rest der Zeit vergeht mit Putzarbeiten, Kontrollgängen, Reparaturen. Und falls es doch einmal langweilig wird, sind eine Filmsammlung und ein Beamer an Bord.
Operation im Wasser
In Abu Dhabi hat Tag 483 begonnen. Der Wind ist auf 50 km/h zurückgegangen. Ochsenbein steht gebückt im schwankenden rechten Schwimmkörper der Tûranor und versucht, mit einem improvisierten Flaschenzug die blockierte Schiffsschraube in die richtige Position zurückzuwürgen. Es rumst, und die Flügel schnellen zurück in die Ausgangsstellung. Nun muss jemand ins Wasser, um die zweite Schraube vom verhedderten Rettungsseil zu befreien. Ochsenbein kniet auf dem Rumpf und sichert den Kollegen, der das Tau aus dem Propeller herausschneidet. Dann ist die Tûranor endlich frei. Noch 8000 Kilometer bis Monaco. (Der Bund)
Erstellt: 06.02.2012, 14:16 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
Bern
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Bitte warten




