«Ich brenne für diese Partei»

Claudine Esseiva ist Ständeratskandidatin der FDP. Die 35-jährige Generalsekretärin der FDP-Frauen Schweiz hat am Mittwoch FDP-Schlachtrösser geschlagen – es könnte ein Zeichen für einen Neuanfang sein, sagt sie.

Claudine Esseiva arbeitet als Beraterin in einer Berner Lobbyfirma.

Claudine Esseiva arbeitet als Beraterin in einer Berner Lobbyfirma. Bild: Adrian Moser

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Frau Esseiva, Sie scheinen beflügelt zu sein. Wirkt der Vorabend nach?
Ich bin immer noch fast sprachlos, weil ich so klar nominiert wurde und eine solch grosse Unterstützung erfuhr. Das hat mich sehr berührt.

Wo liegt der tiefere Grund für dieses Ergebnis? Mit Adrian Haas und Peter Flück haben Sie gestandene Männer aus dem Rennen geworfen.
Es könnte ein Zeichen für einen Neuanfang sein. Parteipräsident Pierre-Yves Grivel spricht stets von der flamme radicale. Das stimmt für mich, ich brenne für diese Partei, und ich bringe Energie mit. Vielleicht vermochte dies zu überzeugen. Einige Delegierte waren wohl auch überrascht, dass ich eine Bernerin bin. Ich bin ja in Hindelbank aufgewachsen.

Wie kam es zum Feuer für die FDP?
Ich wurde in Freiburg politisiert, als ich dort mit meinem Studium begann.

Gab es einen speziellen Auslöser?
Das war, als es plötzlich nur noch eine Frau im Bundesrat hatte. Politische Fragen haben mich schon vorher interessiert, aber dies war entscheidend. Ich war an der Fachhochschule für Wirtschaft, und da habe ich gemerkt, dass Frauen und Männer von einem gewissen Punkt an nicht mehr gleichbehandelt werden. Das Engagement für Frauen stand am Anfang im Zentrum meiner politischen Tätigkeiten.

Da hätten Sie genauso gut der SP beitreten können.
Nein, überhaupt nicht. Ich bin Betriebsökonomin, und die Wirtschaft steht mir sehr nahe. Ich habe meine eigene Kommunikationsagentur gegründet und habe die Chance, in Start-up-Firmen, Produkte erstmals auf den Markt zu bringen. Andere Parteien kamen für mich nicht infrage. Die SP-Ideologie passt überhaupt nicht zu mir, und bei der SVP ist es vor allem die Abschottungspolitik, die mir zuwiderläuft.

Wenn die bernische FDP nun eine Person in den Vordergrund rückt, die erst seit einem Jahr im Kanton lebt und bei den Grossratswahlen auf dem fünften Ersatzplatz landete: Ist das nicht eher ein Alarmsignal in Bezug auf den Zustand der Partei?
Im Gegenteil. Das ist ein Zeichen, dass die Partei innovativ ist. Und für das Ergebnis bei den Grossratswahlen muss ich mich gar nicht rechtfertigen. In jener Zeit bin ich Mutter geworden und hatte etwas andere Prioritäten. Zudem bin ich seit sechs Jahren Generalsekretärin der FDP-Frauen Schweiz. Die nationale Politik ist mein tägliches Business. Für eine Ständeratskandidatur ist das nicht unerheblich.

Die Freisinnigen setzen bei den Wahlen auf drei junge Aushängeschilder – nebst Ihnen auf die 
Nationalratsmitglieder Christa Markwalder und Christian Wasserfallen. Besteht nicht die Gefahr, dass sich ältere Mitglieder abwenden?
Warum auch? Diese haben womöglich auch Töchter, die in der gleichen Situation sind wie ich, Familie und Beruf unter einen Hut bringen müssen und ihre Chancen haben wollen in der Wirtschaft. Ich sehe es eher als Vorteil.

Bis zu den Wahlen dauert es noch ein Jahr. Wie wollen Sie diese 
Kandidatur nutzen? Betrachtet man Ihre reellen Chancen, geht es ja sicher auch darum, für die Nationalratswahlen Schub zu erzeugen, wie man so schön sagt.
Klar, aber für mich ist es jetzt ganz wichtig, mit meiner Kandidatur aufzuzeigen, dass die FDP neue Wählersegmente erschliessen kann, dass in dieser Partei eine gute Stimmung herrscht und Leute mitmachen, die über Kampfgeist verfügen und doch Teamplayer sind. Ich werde viele Ortssektionen besuchen. Darauf freue ich mich.

Von Ihnen heisst es, Sie seien streitlustig, provokativ und eine linksliberale Feministin. Zudem hätten Sie es mit einigen Männern in der FDP schon verscherzt. Wer sind Sie?
Ich bin sicher jemand, der frisch auftritt und gern debattiert, aber ich bin nicht nachtragend und sehe mich nicht als Provokateurin. Und ja, ich bin eine Feministin. Ich wehre mich aber dagegen, dass Feministinnen per se immer eine linke Einstellung haben sollen. Ich engagiere mich dafür, dass Männer und Frauen auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Dabei stehe ich auch in Kontakt mit Männerorganisationen. Von einem linken Feminismus grenze ich mich klar ab.

Was ist an diesem nicht gut?
Es ist die Opferhaltung, die mir nicht behagt und von der ich weg will. Für mich steht die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frauen im Zentrum.

Sie sassen in der Stadt Freiburg im Parlament. Was ist das Wichtigste, was Sie dort gelernt haben?
Wenn man etwas durchbringen will, muss man Allianzen schaffen. Und man darf nicht ideologisch handeln.

Von Freiburg sieht man praktisch nach Bern hinüber. Welches sind Ihre Anliegen für den Kanton Bern?
Die Agglomeration Bern ist in Bezug auf ihre Wirtschaftskraft mit dem Kanton Zug vergleichbar. Das ist eine Tatsache, die man betonen muss. In Bern herrscht eine grosse Dynamik, zum Beispiel in der Medizinaltechnologie. Und wir haben ganz viele gute junge Leute. Das ist für mich ein wichtiges Thema: Diese müssen wir halten können. Sie sollen sich nicht sagen: Wenn ich Karriere machen will, muss ich nach Zürich ziehen.

Nicht selten sind es bürgerliche Politiker, die den Kanton Bern schlechter machen, als er ist – weil er über eine Milliarde Franken 
aus dem Finanzausgleich erhält zum Beispiel. Was sind Ihre Rezepte?
Es braucht das Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Steuersenkungen sind ein zentraler Punkt. Es darf nicht sein, dass jemand allein aus steuertechnischen Gründen wegzieht. Im Steuerwettbewerb muss Bern mithalten können. Wesentlich ist, dass wir die Kosten in den Griff bekommen, genau hinschauen und Dinge infrage stellen. Das System des Finanzausgleichs ist aus meiner Sicht richtig und gut. Aber dieses System soll uns auch herausfordern. Einfach zu sagen, wir haben Berggebiete und wir können nicht anders, das finde ich die falsche Haltung. Wir müssen stets danach trachten, uns zu ver­bessern.

Sie sind Beraterin in der Lobbyfirma Furrer, Hugi und Partner. 
Was raten Sie der bernischen FDP?
Ich bin überzeugt, dass der Kanton Bern, aber auch die Schweiz eine starke FDP benötigt. Wir sind die, die einstehen für eine wirtschaftsliberale, aber auch für eine gesellschaftsliberale Haltung. Da unterscheiden wir uns massiv von den konservativen bürgerlichen Kräften – aber auch von der Linken. (Der Bund)

Erstellt: 07.11.2014, 09:26 Uhr

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