Bern

Hier lassen alle die Hüllen fallen

Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 29.07.2012

Das Naturistengelände «Die Neue Zeit» in Gampelen am Neuenburgersee wird 75 Jahre alt. Neue und alte Gäste erzählen über ihr Lebensgefühl am Busen der Natur.

Anna und Markus sind zum ersten Mal im Naturistenparadies am Neuenburgersee.

Anna und Markus sind zum ersten Mal im Naturistenparadies am Neuenburgersee.
Bild: Manu Friederich

Wer es nicht kennt, findet es kaum. Wegweiser gibt es keine. Eine schmale Strasse führt dem Zihlkanal entlang bis fast an den Neuenburgersee. Hinter einer engen Durchfahrt unter der Eisenbahnbrücke hindurch beginnt Die Neue Zeit. Das Naturistengelände umfasst 100'000 Quadratmeter an schönster Lage – abgeschirmt durch hohe Mauern und blickdichte Zäune. Jetzt im Sommer wird es von 1200 Menschen bevölkert. Sie kommen aus der ganzen Schweiz und aus halb Europa nach Gampelen. Sie essen kein Fleisch, rauchen nicht, trinken keinen Alkohol und sie sind – zumindest an warmen Tagen – allesamt splitternackt. Seit nunmehr 75 Jahren treffen sich hier «Lebensreformer und solche, die danach streben». Was sie verbindet, ist keine dogmatische Lehre, sondern der Wunsch, gesund und in Einklang mit der Natur in einer sozialen Gesellschaft zu leben.

Um dem Lebensgefühl in der Neuen Zeit am äussersten Zipfel des Kantons Bern auf die Spur zu kommen, besuchen wir eine erfahrene Naturistin, die seit 50 Jahren an den Neuenburgersee kommt und zwei Neulinge, die diesen Sommer zum ersten Mal ihr Zelt im Naturistenparadies aufschlagen. An diesem Morgen weht eine kühle Brise über den weitläufigen Platz. Dennoch sitzen bereits nackte Gäste im Café und geniessen die Sonnenstrahlen nach den langen Regentagen. Ältere Herren spielen nackt Boccia und eine Gruppe übt hüllenlos mit Reifen den Hula-Hoop. Dazwischen bewegen sich auch ganz oder teilweise bekleidete Gäste. Nacktsein ist nicht Pflicht, wird aber «wenn immer möglich» praktiziert, wie es in der Geländeordnung heisst.

Nacktbad im Mondlicht

Helga Bucher Hürlimann empfängt uns vor ihrem Wohnwagen nur mit einem Gundelrebekränzchen im Haar. Die Heilpflanze hat sie in einem der über 200 Kurse kennen gelernt, die hier im Sommer meist gratis von Gästen angeboten werden. Helga – in der Neuen Zeit duzt man sich grundsätzlich – serviert mit Edelsteinen vitalisiertes Wasser und leckere Dinkelkekse vom Bioladen auf dem Gelände. Es ist die Nähe zur Natur, die die Witwe immer wieder nach Gampelen zieht. Sie erzählt von der Meise, die in ihrem Vorzelt Krümel aufpickt, vom Biber, der sich am Thuja gütlich getan hat, vom Nacktbad im Mondlicht und von Nächten auf dem Liegestuhl unter dem Sternenhimmel.

Helga ist im Sauerland aufgewachsen und kam als siebenjähriges Mädchen mit ihren Eltern erstmals in Die Neue Zeit. «Mama, machen die Leute hier eine Kur», habe sie damals ihre Mutter beim Anblick der nackten Menschen gefragt. «Ja», habe diese geantwortet, «eine Licht-, Sonnen- und Energiekur.» Da sie schon als Kind die nassen Badeanzüge ekelten, kam ihr die Lebensweise entgegen. Später reiste sie mit ihren eigenen Kindern jedes Jahr an den Neuenburgersee und heute verbringt die Frührentnerin regelmässig drei Sommermonate hier. Ihre Kinder sind unterdessen erwachsen, machen aber immer noch gerne bei ihr in Gampelen Ferien.

Kein Bezug zur Sexualität

«Kleider machen Leute, keine Kleider machen Menschen», wisse sie von ihrem Vater, erzählt Helga. Dieser Satz sage viel über das Lebensgefühl in Der Neuen Zeit aus. Der soziale Status der Gäste sei nicht an den Kleidern zu erkennen. Hierher kommen Banker, Handwerker, Pfarrer, Bauern, Lehrer und auch ein Nationalrat. «Hier darf ich so sein, wie ich bin», sagt Helga, «hier fühle ich mich mit meinen Rundungen und meiner langsam faltig werdenden Haut wohl.» Nacktsein bedeutet für sie, enger mit der Natur verbunden zu sein. Und ausserdem sei es auch einfach ein «wunderschönes Gefühl, die Sonne, das Wasser und den Wind auf der Haut zu spüren». Für die Naturisten hat Nacktheit keinen Bezug zur Sexualität. «Wenn alle nackt sind, fällt es nicht mehr auf», sagt Helga. Den Reichstag habe man auch verhüllen müssen, damit die Menschen wieder hingeschaut hätten.

Helga geniesst das Leben in der Gemeinschaft, besucht Vorträge und Kurse zu Gesundheitsfragen und Lebensphilosophien. Sie möchte gesund und glücklich alt werden und glaubt, dass ihr die naturistische Lebensweise dabei helfen kann. Die Sommermonate in Der Neuen Zeit seien keine Flucht aus dem Alltag. «Sie sind aber für meinen Alltag bereichernd und können etwas in meinem Leben bewegen», sagt Helga. Missionieren will sie mit diesen Ideen aber nicht: «Veränderung beginnt bei mir selbst», wenn sie damit im Alltag Positives bewirken könne, dann sei ihr das aber schon Recht.

Einstieg war nicht einfach

Etwas abseits der eingewachsenen Plätze der Alteingesessenen, deren Wohnwagen längst nicht mehr strassentauglich sind, treffen wir Anna und Markus. Das junge Paar hat sein Hauszelt zwischen dem Volleyballfeld und der «Bahnhofstrasse», dem Weg zwischen Rezeption und See, aufgeschlagen. Sie sind zum ersten Mal hier. Für die Ferien mit ihrer dreimonatigen Tochter haben sie einen naturnahen, ökologischen und familienfreundlichen Campingplatz gesucht und sind von Bekannten auf Die Neue Zeit aufmerksam gemacht worden. Im Freundeskreis sprechen sie offen über ihr neues Urlaubsdomizil, unsicher sind sie aber noch, wie das weitere Umfeld reagieren würde, und wollen darum nicht, dass ihre richtigen Namen in der Zeitung stehen. Vielen sei nicht klar, dass ein Naturistencamping nichts mit verrufenen FKK-Swinger-Klubs zu tun habe.

Anna und Markus wussten vorher nichts über die Naturisten, liessen sich aber trotzdem auf das Experiment ein. Der Einstieg war nicht einfach. «Am ersten Tag hatte ich das Gefühl, ich müsste mich sofort ausziehen und nackt zum Empfang laufen», erzählt Markus, «dabei habe ich mich gar nicht wohlgefühlt.» Erst mit der Zeit merkte er, wie undogmatisch es auf dem Platz eigentlich zu- und hergeht. Nach einer Woche hat er nun Gefallen gefunden, so herumlaufen zu können, wie er will: «Es ist fast ein bisschen wie zu Hause.» Zunehmend schätze er es auch, sich so zeigen zu können, wie er sei. Unter all den nackten Menschen, die alle ihre Mängel hätten, könne man sich mit seinem eigenen Körper versöhnen.

Inspiration für Lebensgestaltung

Auch die übrigen Grundsätze auf dem Platz können die jungen Berner unterstützen: der rücksichtsvolle Umgang mit der Natur und den Mitmenschen, das soziale Zusammenleben, bei dem auch die Gäste etwas zum Funktionieren des Angebots beitragen und das bescheidene Leben ohne viel Luxus. «Wir sind zwar keine Aussteigertypen, leben gerne in der Stadt und trinken auch gerne ein Glas Wein», sagt Markus, mit Auswüchsen der Konsumgesellschaft und gewissen Zuständen in der heutigen Arbeitswelt hätten sie aber doch Mühe. Gerade als junge Eltern, ergänzt Anna, machten sie sich vermehrt Gedanken, wie sie ihr Leben gestalten sollen. Die Zeit in der temporären Gemeinschaft der Naturisten sei hierbei eine wertvolle Erfahrung. Was Anna aber vor allem schätzt, ist die Sauna und danach das Nacktbad im See. Nach einer Woche in Gampelen ist für das junge Paar bereits klar: Sie kommen wieder. Ob dann wie bei Helga 50 Jahre daraus werden, das lassen sie noch offen. (Der Bund)

Erstellt: 29.07.2012, 09:10 Uhr

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