Heimplätze für bettelnde Roma-Kinder aus der ganzen Schweiz

Von Anita Bachmann. Aktualisiert am 22.03.2012

In Bern soll eine zentrale Betreuungseinrichtung für Opfer von Bettelbanden geschaffen werden.

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Kinder, die betteln, als Strassenmusikanten auftreten oder stehlen, tun dies nicht freiwillig. «Die Minderjährigen sind meist in den Fängen von kriminellen, stark hierarchisch organisierten Täternetzwerken», heisst es in einem Informationspapier des Schweizerischen Städteverbands. Oft gehörten sie der ethnischen Minderheit der Roma an und würden in ost- und südeuropäischen Ländern rekrutiert, häufig, indem sie kinderreichen Familien abgekauft oder von diesen geborgt würden. Dabei würden die elterlichen Obhutsrechte notariell übertragen. Die Kinder werden im Betteln und Stehlen ausgebildet und bestraft, wenn sie nicht gewisse Mindestbeträge einbringen.

Was sich anhört wie die Geschichte des Waisenkindes, das im 19. Jahrhundert in einer europäischen Metropole zum Dieb ausgebildet werden soll, spielt sich jetzt und auch hierzulande ab. «Regelmässig treten in Schweizer Städten ausländische Kinder und Jugendliche als Bettelnde und als Strassenmusikanten in Erscheinung», hält die Arbeitsgruppe fest, die das Informationspapier verfasste. Minderjährige Bettelnde und Kleinkriminelle seien nicht in erster Linie als Täter, sondern als Opfer zu sehen, heisst es. So verletzte sich beispielsweise ein Roma-Kind auf der Flucht nach einem Einbruchdiebstahl im Luzernischen schwer und musste im Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil gepflegt werden. Es gelte, die Kinder vor Menschenhandel und Ausbeutung zu schützen, steht im Papier.

Genf hofft auf Bern

Die Zeitung «Le Temps» schrieb Ende Februar, die Behörden stünden dem Problem machtlos gegenüber. Auch die Arbeitsgruppe hält fest, dass zwar solche Minderjährigen bei Kontrollen immer wieder festgenommen würden, in der Regel aber meist nach kurzer Zeit wieder entlassen werden müssten. Zudem seien die Kinder trainiert, nach Entlassung aus polizeilicher Festnahme zurückzukehren oder selbstständig die Flucht zu ergreifen. Abhilfe erhoffen sich die Genfer Behörden nun von der Stadt Bern. Denn hier ist eine zentrale Betreuungseinrichtung geplant, in der minderjährige Opfer von solchen Banden vorübergehend untergebracht werden könnten. Die Stadt Bern habe für diesen Zweck vorübergehend Plätze für die Betreuung von Minderjährigen in einem spezialisierten Heim reserviert, steht im Papier. Der Schweizerische Städteverbund will am 27. März detailliert informieren.

Konkret gehe es um zwei bis vier Plätze in einem Kinderheim, sagt Alexander Ott, Leiter der Fremdenpolizei Bern. Kantone, die selber über keine Einrichtung verfügten, könnten Bern anfragen, wenn sie Kinder aufgreifen würden. Durch eine geeignete Unterbringung sollen die Kinder der Kontrolle der Täternetzwerke entzogen werden und deren Identität abgeklärt werden, was in vielen Fällen nicht einfach zu sein scheint. «Die Minderjährigen und auch die Erwachsenen sind im Herkunftsland oft nicht registriert», heisst es. Es gibt Fälle, in denen keine Familien oder Verwandten im Herkunftsland verfügbar oder diese nicht fähig seien, für die Zurückkehrenden zu sorgen. Dann gilt es mit den Vormundschaftsbehörden die Rückschaffung ins Herkunftsland aufzugleisen. In jedem Fall seien Abklärungen im Herkunftsland nötig, bezüglich der Einschätzung des Sicherheitsrisikos, der Familienverhältnisse und den Reintegrationsmöglichkeiten.

Bern hat bereits ein Pilotprojekt

Dass die zentrale Betreuungseinrichtung in Bern sein soll, ist nicht abwegig. Denn die Fremdenpolizei Bern bekämpft die Bettelei in der Stadt Bern schon länger – und erfolgreich, wie Ott bereits Ende letztes Jahr bilanzierte. Nachdem sich in der Innenstadt vor drei, vier Jahren zeitweise bis zu 30 Personen bettelnd aufhielten, initiierte die Fremdenpolizei das Pilotprojekt Agora mit dem Ziel, die Zusammenarbeit mit den involvierten in- und ausländischen Behörden zu vernetzen. Ein koordiniertes, breit abgestütztes Vorgehen möglichst in der ganzen Schweiz ist nun auch bei der Schaffung einer zentralen Betreuungseinrichtung der Kern. Denn die Banden sind volatil, und nur so könne vermieden werden, dass Tätergruppen auf Städte und Kantone ausweichen könnten, die gegen diese Kriminalitätsformen nicht entschieden vorgehen würden.

In der Arbeitsgruppe haben unter anderen auch die Städte Luzern und Zürich mitgemacht. In beiden Städten hiess es auf Anfrage, dass es kaum Probleme mit Bettlern gäbe. Im Moment sei die Arbeit präventiv, «es könnten wieder Bettlergruppen auftauchen», sagt Paolo Hendry von der Sozialdirektion der Stadt Luzern. (Der Bund)

Erstellt: 22.03.2012, 06:52 Uhr

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