Gymnasiasten lassen die
 Mathematik links liegen

Fast die Hälfte aller Maturanden hat in den letzten zwei Jahren eine ungenügende
 Maturanote in Mathematik geschrieben. Das Fach wird bewusst geopfert.

Berner Schüler haben Mühe mit der Mathematik.

Berner Schüler haben Mühe mit der Mathematik. Bild: Keystone

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Der Mathematik-Professor zeigt Verständnis. Und zwar dafür, dass es Gymnasiastinnen und Gymnasiasten gibt, die in Mathematik an der Maturitätsprüfung eine ungenügende Note schreiben. Nach den letzten beiden Prüfungen ist Jürg Schmid, der auch Präsident der kantonalen Maturitätskommission ist, aber ins Grübeln gekommen: 2013 waren 47,7 Prozent der an der Matura in Mathematik erzielten Prüfungsnoten ungenügend (mündlich und schriftlich). 20,1 Prozent waren gar grob ungenügend, das heisst sie lagen unter der Note 3. Oder anders ausgedrückt: Von 3984 Maturanden waren 1901 in Mathematik ungenügend. Die Zahlen für die Maturitätsprüfung im Jahr 2014 erhärten den Verdacht, dass Mittelschüler ein Problem mit Math haben: Letztes Jahr waren 47,1 Prozent der Prüflinge oder 1885 von 3957 ungenügend. 19,6 Prozent waren grob ungenügend.

Obwohl mehr Schüler genügend als ungenügend waren, lag der Notenschnitt bei den Prüfungen in Mathematik in beiden Jahren lediglich bei der Note 3,82. «Von einer Math-Misere zu sprechen, ist wohl nicht übertrieben», sagt Schmid.

Weit weg von der Realität

Dabei ist im gymnasialen Lehrplan im Fach Mathematik als Richtziel unter anderem festgehalten, dass Schülerinnen und Schüler «der Mathematik positiv begegnen» sollen. Wie weit, fragt man sich angesichts der Maturanoten in Mathematik, liegen dabei aber Zielvorgabe und Realität auseinander? Das Maturitätszeugnis besteht aus 13 Noten. Mathematik ist eines von fünf Fächern, das geprüft wird. Gewiefte Gymnasiastinnen und Gymnasiasten rechnen sich bereits vor der Matura aus, welche Noten sie in welchem Fach brauchen, um die Matura zu bestehen. «Einige Schülerinnen und Schüler gehen dabei sehr ökonomisch vor, sie überlegen sich, wie sie mit dem kleinsten Aufwand zum grössten Erfolg kommen», sagt Christoph Ammann, Rektor des Gymnasiums Interlaken. Angesichts der Anzahl Fächer, deren Benotung für das Bestehen der Matura ausschlaggebend ist, ist das irgendwie noch verständlich.

Allerdings: Offenbar wählen die Schülerinnen und Schüler dabei häufig gezielt Fächer ab. Das heisst, sie rechnen sich aus, in welchen Fächern sich ihr Einsatz überhaupt noch lohnt – und welche Fächer sie mehr oder weniger abhaken können, ohne deswegen die Matura nicht zu bestehen. Auf der Strecke bleibt dabei überproportional häufig das Fach Mathematik.

«Mathematik braucht für Schülerinnen und Schüler, welche mathematisch etwas weniger begabt sind, sehr viel Aufwand, um eine gute Note zu erreichen», sagt Hansueli Ruchti, Rektor des Gymnasiums Thun. «Wenn Schüler wissen, dass sie mit demselben Aufwand in anderen Fächern eine Fünf erreichen können, dann lassen sie Mathematik zum Teil sausen», so Ruchti. «Man kann das nun beklagen. Aber am Ende haben wir eine Maturitätsverordnung, die solche Kompensationsmöglichkeiten zulässt.» Es gäbe keine andere Matur, die so breit sei wie die Schweizer Matur. «Dass Schüler nun diese Kompensationsmöglichkeit wahrnehmen, ist auch eine Antwort auf diese Breite. Und diese Breite wiederum entspricht dem eigentlichen Leben, in welchem auch nicht jeder alles gleich gut kann.» Das Hauptproblem liegt für den Thuner Rektor anderswo: «Wählen viele Schüler einer Klasse dasselbe Fach ab, hat das Auswirkungen auf die Qualität des Unterrichts. Das ist es, was mir Sorgen bereitet.»

Math ist nicht cool

Doch weshalb haken Schülerinnen und Schüler gerade Mathematik ab? Ist es, weil Math für viele eine Art Geheimwissenschaft darstellt? «Mathematik empfinde ich einfach als langweilig», sagt eine Gymnasiastin, die in diesem Jahr die Matur machen wird, die anonym bleiben möchte. «Das Fach hat nichts mit meinem Leben zu tun.» Die Gymnasiastin gehört mit einer 5 im Schnitt zu den guten Mathschülerinnen. Aber: «Im Prinzip habe ich keine Ahnung, um was es eigentlich geht. Ich vertraue nur auf mein Kurzzeitgedächtnis und trichtere mir vor den Tests alles Nötige ein.» Sie wisse schon jetzt, dass sie an den Maturprüfungen wohl schlecht abschneiden werde in Mathematik. «Doch das tut mir nicht weh.» Falls sie Mathematik später mal noch brauche, könne sie sich das Wichtigste immer noch aneignen.

Hat das fehlende Interesse am Fach auch mit der Art der Stoffvermittlung zu tun? «Dass Schüler Math abhaken, kann schon an der Art liegen, wie unterrichtet wird», sagt Hanspeter Andermatt, Rektor der Abteilung Wirtschaft und Recht am Gymnasium Kirchenfeld in Bern. «Ich glaube aber auch, dass Mathematik viel mit Knochenarbeit zu tun hat und deshalb das Fach in der Beliebtheitsliste junger Leute halt nicht unbedingt zuoberst steht.» Die Gymnasiastin pflichtet Andermatt bei: «Ich gehöre auch zu denen, die in der Mathstunde einfach nicht zuhören mögen. Manchmal tut mir unser Mathlehrer deswegen leid.»

Mathe im Beruf?

Hanspeter Rohr, Rektor des Gymnasiums Köniz-Lerbermatte, fügt noch einen weiteren Grund an: «Mathematik verlangt einen hohen Grad an Abstraktionsfähigkeit», sagt er. «Zudem ist Mathematik sehr konsekutiv aufgebaut. Wer einmal in einem Gebiet abgehängt hat, hat es schwer, das nächste Gebiet zu verstehen.»

Dass die Schülerinnen und Schüler Mathematik ab einem gewissen Punkt sausen lassen, dafür ernten sie im Prinzip selten Unverständnis. Denn nicht nur die Jugendlichen selber, sondern auch viele Erwachsene im Umfeld der Jugendlichen verbinden mit Mathematik oft mehrheitlich negative Erlebnisse. Und sie bestätigen häufig die Wahrnehmung der Schüler, dass sie das, was sie einst in der Mathematik gelernt haben, später nie mehr gebraucht haben. «Wir versuchen unseren Schülern deshalb die Nützlichkeit des Fachs für ihr späteres Leben aufzuzeigen», sagt Hanspeter Andermatt. Am Kirchenfeld-Gymnasium haben die Verantwortlichen deshalb versucht, Eltern für Schulbesuche zu motivieren. Diese hätten erzählen sollen, wie und wo sie in ihrem Berufsalltag mit Mathematik konfrontiert sind. «Leider hat sich bis jetzt niemand gemeldet», sagt Andermatt. Dabei brauchen mitnichten nur künftige Ingenieurinnen oder Naturwissenschaftler Mathematik: «Wir machen den Gymnasiasten klar, dass auch jene, die Psychologie oder Wirtschaft studieren, auf mathematisches Wissen angewiesen sind», sagt Andermatt.

Massnahmen in Thun und Köniz

Dass die Schweiz einen Mangel an Fachpersonen im Bereich der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik verzeichnet, könnte umgekehrt aber auch damit zu tun haben, dass künftige Studierende davon ausgehen, in Mathematik Topleistungen erbringen zu müssen, um überhaupt an ein solches Studium denken zu können. «Dabei muss man für ein Mathstudium kein Genie sein, sondern sich vor allem für mathematische Fragestellungen interessieren und eine schöne Portion Durchhaltewillen mitbringen», sagt Mathematikprofessor Jürg Schmid. Sich selber Fragen zu stellen, selber nach Lösungen zu suchen, ausgerechnet so wird in der Mathematik aber selten unterrichtet, wie Fachdidaktiker Beat Wälti von der Pädagogischen Hochschule Bern sagt.

An den Gymnasien in Köniz und Thun versucht man deshalb nun mit einem ganzen Bündel an Massnahmen, die Mint-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) zu stärken. In Thun arbeitet man mittlerweile gar mit den Sekundarschulen zusammen: «Wir laden die Sekschüler an einem Samstag ans Gymnasium ein. Sie helfen uns zum Beispiel dabei, mit allen möglichen naturwissenschaftlichen und mathematischen Methoden einen Kriminalfall zu lösen. So werden Mathematik, aber auch die anderen Mint-Fächer sichtbar», sagt Ruchti. (Der Bund)

Erstellt: 04.02.2015, 14:40 Uhr

Mathematik-Noten werden tendenziell schlechter

Die Vermutung lässt sich in der Tendenz bestätigen: Je älter Gymnasiasten sind, desto tiefer sind ihre Noten in Mathematik. Durchschnittsnoten, die der «Bund» vom Mittelschulamt erhalten hat, zeigen Folgendes: Die Gymnasiasten der derzeitigen Abschlussklassen (Prima) sind in Mathematik knapp eine Zehntelnote schlechter als die Schüler, die jetzt in der Tertia sind (Grafik). Interessant: Im Fach Geschichte, das als Vergleich diente, ist es umgekehrt. Die Durchschnittswerte basieren auf den Angaben von sieben (von total zehn) bernischen Gymnasien. Die Schulen wurden nicht speziell ausgewählt; es handelt sich um jene, die ihre Notendurchschnitte für die Auswertung zur Verfügung stellten.

Jürg Schmid, Präsident der kantonalen Maturitätskommission, wundert sich nicht über dieses Ergebnis. Das Fach Mathematik sei «extrem hierarchisch» aufgebaut; Defizite bei den Grundlagen wirkten sich bei späteren Themen immer wieder negativ aus. Ebenso wenig ist Schmid darüber erstaunt, dass die Durchschnittsnote der Primaner – 4,35 – deutlich höher liegt als die Durchschnittsnote bei den Maturitätsprüfungen, die knapp über 3,8 liegt (siehe oben). Darin zeige sich, sagt Schmid, wie Primaner die Mathematik im Hinblick auf die Prüfung «gezielt fallen lassen», um den Lernaufwand zu optimieren. Zum anderen werde deutlich, dass bei der Maturitätsprüfung alles bis anhin Gelernte abgefragt werde. Die Prima-Note dagegen beruhe auf Tests zu einzelnen Themen, die mit «kurzen Spitzen­efforts» gemeistert werden können.

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