Griechisch und Russisch fallen Berner Sparzwang zum Opfer

Die Berner Kantonsregierung will die Fächer Griechisch und Russisch an den Gymnasien abschaffen.

Bildungspolitisch beschämend finden Lehrerinnen und Lehrer den Entscheid des Regierungsrats.

Bildungspolitisch beschämend finden Lehrerinnen und Lehrer den Entscheid des Regierungsrats. Bild: Valérie Chétalat

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Griechisch und Russisch sollen künftig an Gymnasien nicht mehr angeboten werden. Das hat die Berner Kantonsregierung entschieden. Sie spart dadurch einen relativ kleinen Betrag ein. Umso grösser ist die Empörung bei den Lehrerinnen und Lehrern.

Wer heute am Gymnasium Griechisch wählt, liest über den Raub der Europa, die Tugend nach Platon oder die Anfänge des Christentums nota bene in der Originalsprache. Doch damit soll im Kanton Bern bald Schluss sein.

Die bernische Regierung muss 400 bis 450 Millionen Franken einsparen und hat ein Paket voller Sparmassnahmen geschnürt. Eine davon ist die Abschaffung von Griechisch und Russisch als gymnasiale Schwerpunktfächer; also als wählbare und für die Matur relevante Fächer. Dadurch spart der Kanton 400'000 Franken pro Jahr.

Auf Kosten der Begabten

Die bernischen Lehrerinnen und Lehrer alter Sprachen bezeichnen die Massnahme in einem Brief an den Regierungsrat als finanziell unverhältnismässig und bildungspolitisch beschämend für den Kanton Bern. Dieser wäre der erste Universitätskanton, der auf Griechisch - eines der traditionsreichsten Fächer an den Gymnasien - verzichtet.

«Griechisch beschäftigt sich mit den Anfängen der europäischen Kultur», sagt Andreas Hänni, Präsident der kantonalen Fachschaft Klassische Sprachen der bernischen Gymnasien. Gemäss den Altphilologen helfen Griechischkenntnisse in jedem Fach, die Dinge aus ihrem Werden heraus besser zu verstehen.

Studien belegten, dass Schüler, welche die alten Sprachen Griechisch oder Latein wählten, überall überdurchschnittliche Resultate erreichen. Darauf weist auch Lucius Hartmann hin, der Präsident des Schweizerischen Altphilologenverbands. «Griechisch dient der Begabtenförderung, da es meist leistungsstarke Schüler belegen», sagt er.

Der Verband wehrt sich nun mit einer Internet-Petition gegen das Vorhaben im Kanton Bern. Es sei eine Aufgabe der Gymnasien, eine breite Bildung zu vermitteln, hält Hartmann fest.

Fatales «Njet»

Im Vergleich zu Griechisch ist Russisch ein junges Maturfach. Doch auch dessen Lehrkräfte sind besorgt und sprechen von fatalen Folgen. Russisch sei nicht nur eine bedeutende Kultur- und Literatursprache, sondern auch für die Wirtschaft wichtig, sagt Thomas Schmidt, Präsident des Vereins der Russischlehrerinnen und -lehrer in der Schweiz.

Er verweist darauf, dass in den 1990er-Jahren der Kanton Bern mit der Einführung von Russisch als Maturfach noch eine Vorreiterrolle eingenommen habe. Heute wird Russisch ausser in Bern noch an fünf Gymnasien im Kanton Zürich sowie in Chur, Münchenstein BL und Trogen AR unterrichtet.

Zu wenig Schüler

Bei der bernischen Erziehungsdirektion verweist man auf den Spardruck und die geringe Nachfrage nach Russisch und Griechisch. Der Kanton könne nicht mehr das ganze Spektrum an Schwerpunktfächern anbieten, sagt Mario Battaglia, Abteilungsleiter Mittelschulen bei der Erziehungsdirektion.

Für Russisch entscheiden sich pro Jahr im ganzen Kanton knapp 30 Schüler, für Griechisch fünf. Frappant ist der Vergleich mit anderen Kantonen für das Griechische im Schuljahr 2012/13: Zählte Bern auf allen Gymnasiumsstufen insgesamt nur 18 Griechischlernende, waren es laut einer Umfrage des Altphilologenverbands in Freiburg 131, in Zürich 152 und in Genf 206 Schüler.

Anders als etwa Zürich hat Bern aber kein Langzeitgymnasium, das für alte Sprachen förderlich ist.

Das Sparpotenzial durch die Abschaffung sei für den Kanton zwar nicht wahnsinnig gross, räumt Battaglia ein. Doch Griechisch- und Russischklassen seien teuer: Ein Gymnasiast, der eines dieser Fächer belegt, kostet rund 3000 Franken mehr als dies im Durchschnitt der Fall ist.

Letztes Wort beim Grossen Rat

Mit den Sparmassnahmen aus der Angebots- und Strukturüberprüfung (ASP 2014) muss sich nun das Kantonsparlament beschäftigen. Grossrätin Bettina Keller von den Grünen hat selbst Griechisch und Russisch gelernt und bedauert den drohenden Verlust der Angebotsvielfalt am Gymnasium. Aber der Regierungsrat sei nun einmal zum Sparen gezwungen, gibt sie zu bedenken.

Das letzte Wort hat also der Grosse Rat. Erfahrungsgemäss ist es aber schwierig, kleine Einzelmassnahmen wie die Abschaffung von Griechisch und Russisch noch abzuwenden. (hjo/sda)

Erstellt: 09.07.2013, 11:50 Uhr

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