Graben mit unscharfen Konturen

Konfliktlinien zwischen Öffnung und Tradition, zwischen Stadt und Land bestehen auch im Kanton Bern. Reto Steiner von der Universität Bern sieht jedoch eine Durchmischung der Positionen.

In Kirchlindach treffen sich Stadt und Land: Im Wohnort von Lars Guggisberg holte der Oberländer Christoph Ammann 24 Stimmen mehr als der SVP-Politiker.

In Kirchlindach treffen sich Stadt und Land: Im Wohnort von Lars Guggisberg holte der Oberländer Christoph Ammann 24 Stimmen mehr als der SVP-Politiker. Bild: Adrian Moser

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Zieht sich ein Graben zwischen Stadt und Land durch den Kanton Bern? Und wenn ja, wo verläuft dieser Graben rein geografisch genau? Zwischen Biglen und Worb? Zwischen Schüpfen und Münchenbuchsee? Zwischen Schwarzenburg und Köniz? Zwischen Wichtrach und Münsingen? In den jeweils zuerst genannten Gemeinden gab es eine Mehrheit für Lars Guggisberg von der SVP, in den zweitgenannten obsiegte Christoph Ammann von der SP.

Für Reto Steiner, Dozent am Kompetenzzentrum für Public Management der Universität Bern, ist der Begriff des Stadt-Land-Grabens zu plakativ. «Damit wird suggeriert, dass auf dem Land und in den Städten völlig unterschiedlich gedacht wird. Es ist aber differenzierter.» So sei es in den vergangenen Jahren durch die gesteigerte Mobilität zu einer Durchmischung der Positionen gekommen.

«Mehr Personen mit Hochschulabschluss und unterschiedlichen Lebenserfahrungen leben heute im ländlichen Raum als früher.» Die Unterschiede seien nicht so klar und eindeutig, wie es auf den ersten Blick scheine. Politisch kann Steiner im Kanton Bern – anders als etwa in der Zentralschweiz oder in der Ostschweiz – keinen geschlossenen bürgerlichen Block erkennen. «Die bürgerlichen Kräfte sind heterogen und fragmentiert in liberale und konservative Kräfte.»

«Politische Konfliktlinien»

Daniel Bochsler vom Zentrum für Demokratie in Aarau sieht dagegen ein typisches Muster: «Die zwei grossen politischen Konfliktlinien der Schweiz verlaufen zwischen Stadt und ländlichen Gemeinden», sagt Bochsler. «Linke und ökologische Vorlagen und linke Parteien finden in Städten stärker Zuspruch.» Demgegenüber seien Vorlagen und Kandidaten, die öffnungskritisch und gesellschaftskonservativ seien, in ländlichen Gebieten stark verankert.

Bei Wahlen sei die Tendenz klar: «Der frühere Kulturkampf (katholisch-konservativ gegen protestantisch-freisinnig) trennte die Kantone, während der neue Graben zwischen Öffnung und Tradition Stadt und Land spaltet.» In Kirchlindach etwa waren die Lager ähnlich stark. Ammann machte aber auch im Wohnort von Guggisberg mehr Stimmen. Ein Zeichen dafür, dass die Grenzen zwischen Tradition und Öffnung fliessend sind.

Reto Steiner von der Universität Bern ortet im Kanton Bern aber auch Berührungspunkte zwischen Zentren und ländlichen Gemeinden, das habe sich bei der Abstimmung über die Verbilligung der Krankenkassenprämien gezeigt. «In eher ärmeren und ländlichen Gemeinden sowie in der Stadt misst man staatlichen Leistungen eine hohe Bedeutung bei.» In der speziellen Konstellation mit der gleichzeitigen Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative sei es der SP mit ihrem Kandidaten Christoph Ammann gelungen, zusätzliche Kreise anzusprechen. «Ammann stammt aus dem ländlichen Raum und ist nahe bei der politischen Mitte positioniert.»

Durch ihren «kompromisslosen Kurs» habe sich die SVP politisch völlig isoliert, findet Bochsler. Zudem sei der Machtanspruch der SVP für FDP und BDP nur «schwer verdaulich». Letztlich scheiterten die SVP-Kandidaten flächendeckend am gleichen Syndrom. «Linientreue SVP-Kandidaten sind bei der Basis der anderen bürgerlichen Parteien nicht mehr wählbar.»

Etwas Weiteres kam hinzu: Man traute Ammann das Regierungsamt eher zu als Guggisberg. «Die bisherige Führungserfahrung sprach für Ammann», sagt Steiner. Das sei bei sonst bürgerlichen Wählern ein weiterer Pluspunkt für den Rektor des Gymnasiums Interlaken und ehemaligen Gemeindepräsidenten gewesen.

Vielen Wählern der bürgerlichen Parteien stehe die SP unterdessen ebenso nahe, wenn nicht sogar näher als die SVP, sagt Bochsler vom Zentrum für Demokratie. Der Kanton Bern stehe hier für eine Entwicklung, die in der gesamten Schweiz zu beobachten sei. Bei Majorzwahlen scheitert die SVP immer wieder: «Ohne Sukkurs der bürgerlichen Basis kann die SVP keine Mehrheiten erreichen.»

Die Lösung für dieses Dilemma gibt es nicht. Der SVP-Kandidat, der sowohl in der Stadt wie auf dem Land gewinnt, ist ein Widerspruch in sich selbst. «Ein Kandidat kann nicht die ländliche SVP-Schweiz und die links-grüne urbane Schweiz gleichzeitig bedienen.» (Der Bund)

(Erstellt: 01.03.2016, 07:46 Uhr)

Resultate

Zentrum für Ammann

Generell kann man sagen, dass Christoph Ammann von der SP nicht nur die Stadt Bern für sich entschied, sondern auch in Köniz, Zollikofen, Münchenbuchsee, Ittigen, Bolligen, Muri, Ostermundigen, Worb oder Münsingen reüssierte; also auch teilweise in Gemeinden, wo sonst bürgerlich politisiert wird. SVP-Mann Lars Guggisberg verlor zudem, das muss besonders schmerzen, in seiner Wohngemeinde Kirchlindach gegen den Oberländer Ammann, die Differenz betrug 24 Stimmen. In Landgemeinden wie Mirchel, Riggisberg oder Wichtrach ist die Ersatzwahl für den Regierungsrat dagegen klar zugunsten von Guggisberg ausgegangen. Auch in Belp gewann er relativ deutlich.

Blickt man über den Verwaltungskreis Bern-Mittelland hinaus, so zeigt sich, dass Ammann nicht nur in den Städten Biel und Thun, sondern auch in regionalen Zentren wie Burgdorf und Langenthal gewann. In Lyss und Steffisburg verlor er dagegen. Die Durchsetzungsinitiative hat Guggisberg Stimmen gekostet. Es ist aber nicht so, dass alle Gemeinden, in welchen die DSI verworfen wurde, Ammann den Vorzug gegeben hätten. Schwarzenburg, Vechigen oder Fraubrunnen haben die Initiative abgelehnt, sprachen sich aber für Guggisberg aus. (wal)

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