Bern

Geschichten, die zwischen den Haaren hängen

Von Joël Baumann. Aktualisiert am 18.03.2013

Die Naturfriseurin Karin Schwarz aus Thun verbindet Haareschneiden mit fernöstlichen Traditionen und Kopfmassagen.

Die Haare erzählen ihr Geschichten: Karin Schwarz in ihrem Salon. (Bild: Valérie Chételat)

Naturhaarkongress 2013 im Progr

Es geht darum, dass sich «die kleine Szene der Naturfriseure» erstmals einem grösseren Publikum bekannt macht, sagt Karin Schwarz zum heute Abend stattfindenden Naturhaarkongress. «Niemand weiss wirklich, wie ein Naturfriseur arbeitet und was er über die Geheimnisse der Haare alles weiss.» Deshalb stehen zwischen 10.30 Uhr und 16.00 Uhr im Progr vor allem Referate auf dem Programm. Daneben gibt es Ausstellungen rund um Biokosmetik, Pflanzenhaarfarben, Bürsten, Holzkämme und Scheren. Karin Schwarz stellt am Kongress eine chinesische Waschliege vor. «Wir wollen uns auch untereinander vernetzen», sagt Schwarz. Als sie als Naturfriseurin anfing, habe es den Beruf noch gar nicht gegeben. Der Beruf sei nicht geschützt, aber auch nicht einfach erlernbar. «Es braucht auch einen persönlichen Weg dazu», sagt Schwarz. «Man kann nicht einen Kurs machen und ist Naturfriseur.» Der Kongress richtet sich an alle Interessierten, Besucher sind willkommen. Es gibt die Möglichkeit, sich vor Ort den Kopf massieren zu lassen.

www.naturhaarkongress.chLink

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In der Stadt Thun gibt es über hundert Coiffeursalons. Einer sticht im wahrsten Sinn des Wortes heraus: Im obersten Stock eines Hochhauses auf der Thuner Bälliz-Insel befindet sich die «An Mo Lounge» von «Naturfriseurin» Karin Schwarz. Im Eingang hängen chinesische Laternen. Der Salon besteht aus zwei grossen miteinander verbundenen Räumen. Jeweils in der Mitte steht eine Massagebank oder eine Waschliege. Auf der Fensterbank stehen Orchideen. Die Fenster sind raumhoch.

Karin Schwarz hat volles braunes Haar, ihr Gesicht ziert ein mildes, einladendes Lächeln. Als Naturfriseurin achte sie beim Haarschnitt auf die Stimmung des Kunden, die Bewegung der Haare, die Haarwuchsrichtung und die Wirbel. Sie arbeitet gerne mit Händen und Naturprodukten, wie Holzkamm oder Wildschweinbürste. In ihrer Lounge möchte sie den Menschen «einen Raum und dem Inneren und Äusseren Aufmerksamkeit schenken». Neben der chinesischen Körperarbeit An Mo bietet sie Akupunktur und Wärmebehandlungen an.

Drei Stunden bei der Naturfriseurin

Jeden Morgen steht sie früh auf, um sich mit Übungen auf den Tag einzustimmen. Ab acht Uhr empfängt sie die ersten Kunden. «Alles beginnt mit einem Gespräch», sagt Schwarz. Vielerorts ist der Coiffeurbesuch eine schnelle Sache: waschen, schneiden, föhnen. Anders bei Karin Schwarz, wo es auch mal drei bis vier Stunden dauern kann. «Mit Plastikkämmen kann ich nicht mehr arbeiten», sagt sie. Holzmaterialien regten die Durchblutung an. Sie versucht auf die Kunden einzugehen und zu erkennen, ob es Spannungen gibt. Oft helfe bereits eine kurze Massage. «Weil dadurch viel Spannung am Kopf gelöst wird, lässt sich das Haar viel einfacher behandeln.» Schwarz sagt: «Die Geschichten hängen zwischen den Haaren.» Die Haare als Spiegelbild der Seele, als Ausdruck einer Energie. «Viele wünschen sich beispielsweise mehr Volumen. Doch das ist nicht möglich, wenn jemand zu wenig Energie mitbringt.»

Der fehlende «Klang»

Als ihr Leben eine neue Richtung einschlagen sollte, war sie 25 Jahre alt und arbeitete in einem gewöhnlichen Salon. Vieles war Routine, und Schwarz fühlte sich als Dienstleisterin. Die Kunden seien mit Wünschen oder gar einem Foto gekommen, wonach sie sich dann gerichtet habe. Oft sei sie am Abend verspannt nach Hause gekommen. Da habe sie gemerkt, dass ihr etwas fehlt, was sie den «Klang» nennt. «Wer ist dieser Mensch überhaupt und wie kann ich darauf eingehen?» Ein Coiffeur bewege sich in einem «Feld», arbeite sehr nah am Menschen, berühre die Kopfhaut und fahre durch die Haare.

Dann reiste Karin Schwarz nach China. Und war fasziniert. In China gehört die Entspannung zum Coiffeurbesuch dazu: «Statt ins Kino zu gehen, lassen sich die Chinesen die Köpfe massieren und die Haare schneiden.» Insgesamt drei Mal in vier Jahren hat sie China wiederbesucht und auch Praktika in einer An-Mo-Schule gemacht. In der Schweiz hat sie sich im Bereich Akupunktur ausgebildet. Als sie aus China zurückkam, hat sie sich selbstständig gemacht.

Haarausfall wegen «Stau im Kopf»

Die gesellschaftlichen Veränderungen hätten auch Auswirkungen auf die Haare, sagt Schwarz, die eine Diplomarbeit über Haarausfall geschrieben hat. Der Anteil Männer mit Glatze habe heute zugenommen, sagt sie. Überall heisse es, das sei genetisch bedingt. Schwarz hat eine andere Erklärung: «Männer arbeiten sehr viel über den Kopf aus.» Das schnellere Leben, die rastlose Gesellschaft, habe dazu geführt, dass es «mehr auszuarbeiten» gebe. Hinzu komme, dass viele die Kopfhaut mit Produkten verschliessen. So entstehe «ein Stau im Kopf», worunter schlussendlich das Haar leide.

Etwas anderes sind Kurzhaarfrisuren bei Frauen: «Viele möchten sich damit vielleicht einen ‹toughen› Ausdruck vermitteln.» Wieso besonders bei älteren Frauen Kurzhaarfrisuren beliebt sind, kann sich Schwarz nicht erklären und fragt: «Hört in einem gewissen Alter die Weiblichkeit plötzlich auf?» Frauen würden oft nicht das annehmen, was sie sind: «Die mit geraden Haaren wollen Locken, grauhaarige wollen eine rote Färbung und so weiter», sagt sie. «Dabei gibt es doch nichts Schöneres als das Haar, wie es natürlich gewachsen ist.» (Der Bund)

Erstellt: 18.03.2013, 13:21 Uhr

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