«Ganz auf sich allein gestellt»

Die abgelegene Oberaarjochhütte auf 3258 Meter über Meer ist schwierig zu bewarten. Sie verlangt dem Hüttenwart vieles ab, bietet aber kein Auskommen. Jetzt wird sie als Filiale betrieben.

Auf dem Adlerhorst: Netzte schützen die Hütte vor Steinschlag.

Auf dem Adlerhorst: Netzte schützen die Hütte vor Steinschlag. Bild: Adrian Koller

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Der Aufstieg wird reichlich belohnt. Im Rücken erstreckt sich der Oberaargletscher, auf der anderen Seite des Jochs liegt der Studergletscher. Um die Ecke ragt das Finsteraarhorn in den Himmel. Ein stolzer Berg. Die letzten Meter zur Oberaarjochhütte des Schweizerischen Alpen-Clubs (SAC) auf 3258 Meter über Meer sind mühsam. Loses Geröll rutscht am steilen Hang immer wieder unter den Füssen weg. Schliesslich führt eine Leiter auf den Felsvorsprung. Eine kleine Galerie schützt den Zugang vor dem bröckelnden Berg.

Unschöne Sachen

Die Oberaarjochhütte klebt am Felsen, ist Wetter und Naturgefahren ausgesetzt, abgelegen und nur über Gletscher erreichbar. Mit 44 Schlafplätzen zählt sie zu den kleinen Hütten in der Schweiz. «Die Oberaarjochhütte hat schon manchen Hüttenwart auf die Probe gestellt», sagt Christoph Sager. Er ist der Hüttenwart der weit grösseren und gut besuchten Konkordiahütte beim Aletschgletscher und bewartet mit seinem Team seit letztem Jahr auch die Oberaarjochhütte. Die kleine Hütte sei extrem exponiert, sagt er. «Wenn es windet, muss man die Türe beim Öffnen fest im Griff behalten.» Bei schlechtem Wetter komme tagelang kein Mensch. Das sei nicht jedermanns Sache.

In Bergsteigerkreisen wird erzählt, einer der Hüttenwarte habe mit Trinken begonnen, ein anderer soll sich gar das Leben genommen haben. Christoph Sager will das nicht kommentieren. Bestätigen könne er dies auch nicht, sagt Enrico Odermatt, Hüttenchef bei der SAC-Sektion Biel, der die Oberaarjochhütte gehört. Einer der Hüttenwarte sei gestorben, da sei er aber schon nicht mehr auf der Hütte gewesen. Und Alkoholprobleme hätten auch viele normale Wirte. «Es hat unschöne Sachen gegeben», räumt Odermatt global ein.

«9 Tage keinen Menschen gesehen»

Mit viel Freude seien die Vorgänger eingestiegen, geendet habe es nicht immer gut. «Die Bewartung einer Hütte ist grundsätzlich eine schwierige Sache», sagt er. Man müsse vieles können: Kochen, die Haustechnik warten, Unternehmer sein und die Gäste betreuen. Speziell in der Oberaarjochhütte seien die Hüttenwarte weit weg von der Zivilisation ganz auf sich allein gestellt.

Auch Christoph Sager und seine Mitarbeiterinnen mussten diese Erfahrung machen. Während in der Konkordiahütte immer mehrere Personen zusammenarbeiten und in vielen SAC-Hütten etwa bei schlechtem Wetter ein rascher Abstieg ins Tal möglich ist, muss man auf der Oberaarjochhütte allein ausharren. «Jemand von uns hat diesen Frühling neun Tage lang keinen Menschen gesehen. Das muss man erst einmal aushalten.» Rundum hat es Gletscher, allein könne man aus Sicherheitsgründen nirgends hin.

Eine andere Extremsituation

Ausser an einem makellosen Septemberwochenende bewartet Christoph Sager die Oberaarjochhütte allein. Eine andere Extremsituation. Er muss die 50 Personen in der überfüllten Hütte versorgen. Bereits am frühen Nachmittag ist er mit dem Abendessen beschäftigt. Nebenbei erfüllt er die Wünsche der eintrudelnden Gäste. Eine Abwaschmaschine gibt es nicht, ein paar Gäste helfen nach dem Nachtessen beim Geschirrabtrocknen. Um zehn Uhr ist Nachtruhe, um vier Uhr morgens werden die ersten Bergsteiger zum Frühstück erscheinen.

Ein Geschäft sei die Oberaarjochhütte nicht, sagt Sager. In einem guten Jahr hätten sie 1000 bis 1500 Übernachtungen, ausgebucht war die Hütte mit diesem Tag nur fünf Mal. Trotzdem haben die umliegenden Hütten, wie Konkordia- oder Finsteraarhornhütte, ein Interesse, dass es auch in der Oberaarjochhütte gut läuft. Klassische Gletschertouren führen von einer Hütte zur nächsten, fällt eine aus, sind die Distanzen zu gross. Insbesondere für Bergsteigerschulen, wie etwa die Bergschule Uri, die im letzten Jahr eine Gletschertrekking-Aktion mit Coop angeboten habe: «Sie bringen die imposante Gletscherwelt auch Leuten näher, die bei längeren Etappen überfordert wären», sagt Sager.

«Wir haben nichts zu essen»

Nicht nur die Arbeit der Vorgängerhüttenwarte gab offenbar Anlass zu Beanstandungen, zeitweise war die Hütte gar nicht bewartet. Etwa im Frühsommer 2011, wie im Hüttenbuch vermerkt ist. Eine Gruppe Alpinisten aus Frankreich hatte nicht damit gerechnet, sie schrieben als Bemerkung ins Hüttenbuch: «Wir haben reserviert, aber der Hüttenwart war nicht da!!! Wir haben nichts zu essen (. . .).» Andere Gäste beklagen im Hüttenbuch, dass die Getränke fehlten. Und ein einheimischer Bergführer, der zufällig in der Hütte übernachtete, erlebte, dass es kein Holz zum Heizen gab. Am Telefon habe er eine halbe Stunde mit der verantwortlichen Person im Tal verhandelt, bis diese verraten habe, wo sie den Schlüssel zum Holzvorrat versteckt hatte.

Ein Naturschauspiel

Es musste eine Änderung her. Hüttenchef Enrico Odermatt ist zufrieden. «Es war ein Versuch, zwei Hütten zusammenzulegen. Im Moment läuft es sehr gut.» Auch für Sager stimmt die Lösung. Für die Mitarbeitenden sei die Oberaarjochhütte eine willkommene Abwechselung zum Rummel in der Konkordiahütte. Trotzdem bleibt die Hütte ein Grenzfall. «Nur weil wir Synergien bei Einkauf, Materialtransport und Administration nutzen, betreiben wir die Hütte einigermassen kostendeckend», sagt Sager. Die Sektion, so Odermatt, sei froh, wenn die Betriebskosten gedeckt werden könnten. Für Investitionen müsse auf andere Quellen zurückgegriffen werden.

Bereits am darauffolgenden Tag kehrt wieder Ruhe ein. Lediglich sieben Gäste hätten sich angemeldet. Hüttenwart Sager will deshalb am nächsten Morgen selber zum Oberaarhorn aufsteigen. Der einzige Ort, wo er einfach so hingehen kann – aber ein lohnender Ausflug. Der Sonnenaufgang auf dem Gipfel, 400 Meter ob der Hütte, ist ein Naturschauspiel. Zuerst färben sich die Wolken am Horizont zartrosa. Als Erste schimmern dann die höchsten Gipfel in Sichtweite im Sonnenlicht: Weisshorn, Matterhorn, Finsteraarhorn. Schliesslich schiebt sich die Sonne wie eine goldige Scheibe in die Nebelschwaden. (Der Bund)

Erstellt: 08.09.2013, 12:15 Uhr

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