«Fachkräftemangel ist hausgemacht»

Die Gesundheitsbranche klagt über einen Mangel an qualifizierten Pflegefachkräften. Bildungsexperte Rudolf Strahm hat dafür kein Verständnis: Die Betriebe müssten endlich mehr Lehrstellen anbieten, sagt er.

Der Pflegeberuf ist beliebt, aber es fehlt an Ausbildungsplätzen.

Der Pflegeberuf ist beliebt, aber es fehlt an Ausbildungsplätzen. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Das Problem ist lange bekannt: In den Pflegeberufen gibt es viel zu wenig Nachwuchs. Trotzdem hat die ODA Gesundheit Bern, eine Vertreterin der Arbeitgeber im Gesundheitswesen, gestern zu einer Medienorientierung eingeladen unter dem Titel «Fachkräftemangel im Gesundheitswesen». Wer nun aber erwartet hat, konkrete Lösungsstrategien für das Problem zu erfahren, wurde enttäuscht. Die ODA Gesundheit beschränkte sich darauf, einmal mehr darauf hinzuweisen, dass sich die Situation weiter zuspitzen werde. So fehlen in Spitälern, Pflegeheimen und bei der Spitex Tausende Pflegefachleute – bis ins Jahr 2030 müssen 120'000 bis 190'000 Personen rekrutiert werden.

Einerseits um das heutige Personal zu ersetzen, andererseits, weil der Bedarf laut einer Studie der Berner Fachhochschule um etwa 13 Prozent wachsen wird. Kombiniert mit den sinkenden Geburtenzahlen leidet die Gesundheitsbranche also doppelt unter der demografischen Entwicklung. Die bisherige Methode, Personal im Ausland zu rekrutieren, dürfte nach der Annahme der Masseinwanderungsinitiative weniger Erfolg bringen.

Nachwuchs vernachlässigt

Die ODA Gesundheit Bern fordert nun eine «übergreifende Ausbildungsstrategie und ein verbessertes Berufsimage». Der ehemalige Preisüberwacher und frühere Nationalrat Rudolf Strahm glaubt nicht, dass so das Problem gelöst werden könnte. «Der Fachkräftemangel ist hausgemacht», sagt er. Mit der jahrelangen Rekrutierung von gut ausgebildeten Fachkräften im Ausland habe man sich davor gedrückt, selber für genügend Nachwuchs zu sorgen. Der nun markante Fachkräftemangel erstaunt Strahm deshalb nicht. «Wir haben eine Ausbildungslücke von zehn Jahren», sagt er. Bis in die 90er-Jahre war die Pflegeausbildung kantonal organisiert – in Bern war es beispielsweise das Rote Kreuz, das im Lindenhof Personal unterrichtete. Dann wurden die Ausbildungen eidgenössisch und das Engagement des Kantons liess nach. Aktiv gefördert werden die Pflegeausbildungen erst wieder seit 2002, unter anderem mit der Neuschaffung der FaGe-Ausbildung (siehe Text links).

An Interessierten fehlt es nicht

Die neue Lehre hat sich in den vergangenen Jahren zu einer der beliebtesten Ausbildungen entwickelt. Die Nachfrage übertrifft das Angebot. Das sagt Ulrich von Allmen, Direktor Pflege beim Inselspital. «Auf 45 zu besetzende Lehrstellen hatten wir rund 400 Bewerbungen.» Gibt es also gar kein Problem? «Mit den Absolvierenden von Grundbildungen sind wir grundsätzlich zufrieden», sagt Rahel Gmür, Präsidentin der ODA Gesundheit Bern. «Das Problem liegt beim Mangel an qualifiziertem Personal auf Tertiärstufe – sprich bei den Höheren Fachschulen und Fachhochschulen.»

Auf dieser Stufe erfolgen die Spezialisierungen. Und spezialisiertes Personal – beispielsweise in der Radiologie und in der Operationstechnik – fehlt am meisten. Hier hakt Rudolf Strahm ein: Zuerst brauche es erst einmal ein deutlich grös­seres Angebot in der Grundbildung, welches Personal hervorbringt, das sich dann weiterbilden kann. «Alle jammern, aber die wenigsten sind bereit, wirklich zu handeln und mehr Lehrstellen anzubieten», sagt Strahm.

Doch nicht nur die Anzahl an Weiterbildungswilligen scheint problematisch zu sein. Eine zusätzliche Schwierigkeit liegt im Aufeinanderprallen verschiedener Bedürfnisse. Es ist von einem Konkurrenzkampf unter den tertiären Weiterbildungsmöglichkeiten – den Höheren Fachschulen und den Fachhochschulen – die Rede. Die Bachelor-Studierenden laufen den diplomierten Fachleuten den Rang ab. Das Profil zeigt aber, dass die Unterschiede nur marginal sind. Eine Zusammenlegung wird trotzdem nicht in Betracht gezogen. «Die Weiterbildungen sollen sich nicht konkurrieren, sondern gegenseitig stützen», sagt von Allmen vom Inselspital und spricht sich für eine Vielfalt aus. Ein weiteres Problem liegt darin, dass viele Interessierte einer Fachhochschulweiterbildung am Numerus clausus scheitern. Welche Alternativen diese Personen später wählen, ist ungewiss. «Es wäre hilfreich, wenn wir wüssten, welche Bewerber beim Numerus Clausus durchfallen. Dann könnten wir ihnen aufzeigen, welche anderen Bildungswege es gäbe», sagt von Allmen. Und schliesslich kommt hinzu, dass gar nicht alle Betriebe davon begeistert sind, wenn die von ihnen ausgebildeten Lehrlinge eine Weiterbildung besuchen – lieber hätte man sie sofort im Betrieb.

Es braucht eine Strategie

Aus der Sicht von Rudolf Strahm fehlt es im Moment vor allem an einer gemeinsamen Strategie. «Es braucht mittelfristig festgelegte Ausbildungskontingente, wenn man dem Problem wirklich begegnen will.» Dazu müssten sich die verschiedenen Akteure zusammentun und sich auf ein Vorgehen einigen. Die Steuerung und Oberaufsicht müsse die Gesundheitsdirektion übernehmen. «Die Kantone tragen nach wie vor die Verantwortung dafür, dass genügend Pflegepersonal ausgebildet wird.»

Da die Spitäler und andere Gesundheitsbetriebe ihren eigenen Bedarf nicht durch genügend Ausbildungsplätze decken könnten, müssten die Ziele vom Kanton verordnet werden. (Der Bund)

(Erstellt: 09.07.2014, 10:04 Uhr)

Rudolf Strahm. (Bild: Keystone Gaetan Bally)

Anpassungen bei Erfolgsausbildung

2002 absolvierten die ersten Fachkräfte Gesundheit die neue dreijährige Ausbildung FaGe. Die Skepsis damals war gross – man befürchtete eine Akademisierung des Pflegeberufs. Mittlerweile hat sich die Ausbildung etabliert. Vor allem die Weiterbildungsmöglichkeiten machen den Beruf attraktiv. Trotz der oft genannten Erfolgsgeschichte besteht heute aber Handlungsbedarf. Es wird kritisiert, dass die Lerninhalte der FaGe zu weit weg von der Praxis lägen und die Absolventen zu wenig auf die grossen Herausforderungen im Berufsalltags vorbereitet würden. «Wir arbeiten an einer Revision der Ausbildung. Sie ist zweifelsohne beliebt, doch nun braucht es eine erste Anpassung», sagt Rahel Gmür, Präsidentin der ODA Gesundheit Bern. Auch bei den Weiterbildungen will man neue Angebote schaffen. Künftig wird es möglich sein, diese berufsbegleitend zu absolvieren.


Mit der Schaffung der zweijährigen Attest-Lehre wird dem Bedarf nach einer Ausbildung für einfachere Betreuungs- und Pflegeaufgaben entsprochen. Aber auch die Gestaltung der Attest-Lehre wird überdacht. Hier ist man mit dem Problem konfrontiert, dass der Einsatz der Absolventen manchmal unklar ist und ihre Integration in die Teams schwierig.


Eine andere Form der Weiterbildung sind Wiedereinstiegskurse. Sie bieten Personen, die nach einer Auszeit wieder in den Pflegeberuf zurückkehren wollen, die Möglichkeit, ihr Wissen aufzufrischen und zu aktualisieren. «Diese Kurse sind sehr beliebt», sagt Ulrich von Allmen, Direktor Pflege am Inselspital. Zusammen mit attraktiven Teilzeitmodellen hofft man so, zusätzliche Personen für den Pflegeberuf zu gewinnen.
(sus)

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