«Es ist logisch, dass es mehr Tote gibt»

Die Freiwilligen der Notruf-Hotline von «Watch The Med» halfen in den letzten Monaten bei der Rettung von Bootsflüchtlingen in 50 bis 100 Fällen mit. Salvatore Pittà hat die Schweizer Abteilung in Bern initiiert.

Will nicht bloss Zuschauer sein: Salvatore Pittà.

Will nicht bloss Zuschauer sein: Salvatore Pittà. Bild: Adrian Moser

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Herr Pittà, Sie sind Mitbetreiber einer Notrufhotline für Bootsflüchtlinge in Bern. Was haben Sie in den letzten Tagen erlebt?
Beim Boot mit Hunderten von Toten, das in der Nacht auf Sonntag gekentert ist, gab es keinen Anruf. Aber am Samstag vor einer Woche hatten wir neun Anrufe gleichzeitig. Die Schweizer Crew von Watch The Med besteht aus vier Freiwilligen, die dreimal pro Monat eine Schicht von acht Stunden absolvieren. Das Team kann einen solchen Ansturm gar nicht auffangen. Es musste sich auf einen Fall konzentrieren, den die italienische Küstenwache anfänglich nicht retten wollte. Ich ging mit anderen Freiwilligen den übrigen acht Fällen nach.

Was passiert bei einem Anruf?
Als Erstes versuchen wir, die GPS-Daten des Anrufers zu eruieren. Dann checken wir ab, wie viele Leute auf dem Boot sind, in welchem Gesundheitszustand sie sind und ob das Boot beschädigt ist. Zugleich klären wir ab, welches Land für Suche und Rettung zuständig ist und ob andere Schiffe in der Nähe sind.

Wie wissen Sie, ob eine Rettung zu Ende geführt werden konnte?
Wir betreuen die Fälle bis zur Landung des Rettungsbootes. Nach einer Rettung auf hoher See wird es aber schwierig, weil den Flüchtlingen das Telefon wegen einer allfälligen Strafuntersuchung abgenommen wird oder weil sie es wegschmeissen aus demselben Grund. Wenn die Küstenwache uns ausnahmsweise nicht direkt informiert, prüfen wir zum Beispiel nach, ob sie zu diesem Fall sonst Informationen veröffentlicht hat.

Kommt es vor, dass sich eine Küstenwache für nicht zuständig erklärt?
Bei einem Fall im Januar gab es einen Konflikt zwischen dem italienischen Innenministerium und der Marine. Der Innenminister gehört der Lega Nord an und hat kein Interesse, Flüchtlinge aufzunehmen. Die Marine wollte Mare Nos­trum aus Imagegründen weiterführen. Im konkreten Fall erklärte die Marine an einem Samstag, sie sei nicht zuständig, wir sollten uns ans Innenministerium wenden. Dieses war übers Wochenende aber geschlossen. In einem anderen Fall hatte die Küstenwache wegen anderer Anfragen schlicht keine Kapazitäten mehr. Die Boote wurden gerettet. Wenns klemmt, versuchen wir, mit E-Mail-Kampagnen Druck aufzubauen.

Wie viele Leute wurden dank Ihren Interventionen gerettet?
Wir retten die Menschen ja nicht direkt selber. In den beiden Fällen wären aber Hunderte Flüchtlinge wohl gestorben. Seit Herbst halfen wir bei der Rettung in 50 bis 100 Fällen mit.

In welcher Sprache sprechen Sie mit den Flüchtlingen in Not?
Wer anruft, kann meistens etwas Englisch. Ansonsten haben wir Dolmetscher für die wichtigsten Migrationssprachen im Mittelmeer. Wir können sie per Konferenztelefon zuschalten.

Befürchten Sie für kommenden Sommer eine Flut von Anrufen?
Wer das nicht befürchtet, muss blind sein. Im Jahr 2014 sind gegen 4000 Personen gestorben trotz der Seerettungsaktion Mare Nostrum, die neun Millionen Franken pro Monat gekostet hat. Jetzt gibt es diese Aktion nicht mehr: Da ist es logisch, dass es mehr Tote gibt, zumal die Situation in den Herkunfts- und Transitländern nicht besser geworden ist.

Kommen Küstenwachen ihrer Rettungspflicht immer nach?
Die Küstenwache in Griechenland ist zum Teil von der rechtsextremen Partei «Goldene Morgenröte» unterwandert. Da kommt es bis heute vor, dass Boote fahruntauglich gemacht und über die griechisch-türkische Seegrenze geschleppt werden. Seit dem Regierungswechsel bessert sich die Situation.

Die EU will die Gelder für die Grenzsicherungsmission Triton verdoppeln. Was bringt das?
Tote im Mittelmeer gibt es erst, seitdem Europa seine Grenzen geschlossen hat. Triton soll nun neu auch der Seenotrettung dienen. Das ist widersprüchlich. Solange die Seenotrettung keinen grösseren Stellenwert erhält, wird es zu noch mehr Toten kommen.

Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga denkt über Aufnahmezentren in Libyen nach.
Solange Europa die vom UNHCR anerkannten Flüchtlinge in den Lagern in Tunesien, Ägypten und im Nahen Osten nicht im grossen Stil aufnimmt, macht es keinen Sinn, neue Lager zu eröffnen. Zudem: Was würde denn passieren mit Leuten, die man ablehnte?

Die Schweiz will immerhin 3000 Flüchtlinge aufnehmen.
Sie will aber ausschliesslich Syrer aufnehmen. Das ist ein Tropfen auf einen heissen Stein.

Australien hat seit 18 Monaten keine Flüchtlingsboote mehr, weil die Marine sie konsequent zurückweist.
Das ist nichts anderes als eine Seeblockade. Renzis Vorschlag, «gezielte Schläge» gegen Schlepper durchzuführen, geht in diese Richtung.

Was müsste man denn tun?
Jedermann sollte frei reisen können, dann gäbe es keine Schlepper mehr.

Der Berner Salvatore Pittà (44) hat im Oktober 2014 die Schweizer Abteilung der Notrufhotline von «Watch The Med» gegründet. Sie wird von zwei Dutzend Schichtteams in Europa und Nordafrika rund um die Uhr betrieben. (Der Bund)

Erstellt: 22.04.2015, 07:41 Uhr

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