«Es ist gut, wenn Männer verunsichert sind»

Die Geschlechterforscherin Fabienne Amlinger erklärt , wann Komplimente sexistisch sind – und wann sie solche annimmt.

«Die Tweets mit dem Hashtag #Schweizer Aufschrei zeigen eindrücklich, dass es sich bei Sexismus nicht um ein Randphänomen handelt.» sagt Fabienne Amlinger im Interview

«Die Tweets mit dem Hashtag #Schweizer Aufschrei zeigen eindrücklich, dass es sich bei Sexismus nicht um ein Randphänomen handelt.» sagt Fabienne Amlinger im Interview Bild: Raisa Durandi

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Frau Amlinger, laut Aussagen der grünen Alt-Nationalrätin Aline Trede hat der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät ihr ungefragt seine Hand aufs Knie gelegt. Bedarf es deswegen wirklich eines Aufschreis?
Es ist eine klare Grenzüberschreitung. Auch ein Stadtpräsident sollte wissen, dass man einer Polit-Kollegin nicht die Hand aufs Knie legt. Ich finde es wichtig, dass man den Schilderungen von Betroffenen Gewicht gibt und ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Eine Parteinahme ist in diesem Fall nötig.

So wie der Vorfall von Trede geschildert wurde, tönt es doch eher nach einem etwas verunglückten, aber legitimen Versuch einer Anmache als nach einem sexuellen Übergriff. Das Knie ist auch kein überaus sexuelles Körperteil.
Einerseits ist das Knie, und der weibliche Körper überhaupt, durchaus sexuell konnotiert, zudem ist jedes deplatzierte Anfassen problematisch. Wenn ein Mann an einer Frau interessiert ist, kann er das auf eine nicht-übergriffige Art und Weise kundtun. Es ist sehr wichtig, solche Handlungen nicht losgelöst von der patriarchal geprägten Geschlechterordnung zu sehen. Nicht wenige Männer glauben immer noch, dass Frauen sexuell verfügbar sein müssen.

Unter dem Hashtag #Schweizer Aufschrei werden auch viele Beispiele aufgeführt, welche nicht die sexuelle Integrität betreffen. Der Begriff des Sexismus führt in diesem Zusammenhang bei vielen Kommentatoren und auch Journalisten zu Verwirrung.
Es ist eine weitverbreitete, irrige Annahme, dass Sexismus zwingend mit Sex zu tun hat. Es kann, muss aber nicht. Der Wortteil Sex bezieht sich auf das lateinische Sexus, was Geschlecht bedeutet. Sexismus ist ein Parallelbegriff zu Rassismus und meint eine Abwertung einer Person auf Grund ihres zugeschriebenen Geschlechts, ihrer Geschlechtsidentität oder ihrer sexuellen Orientierung. Das können Taten, Haltungen oder Äusserungen sein – oder es kann einer Institution inhärent sein. Wie es beim Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen der Fall ist.

Oftmals werden gar Komplimente als sexistisch bezeichnet.
Zu Recht. Beispielsweise Komplimente an Frauen betreffend des Äusseren führen dazu, dass ihre erwartete Geschlechterrolle festgeschrieben wird. Frauen haben demnach in erster Linie hübsch zu sein. Ausserdem zeigen die harschen Reaktionen auf «unangebrachte» Kleidung, welche Brisanz in solchen Komplimenten steckt. Das Problem ist aber tatsächlich, dass auch Frauen Komplimente oftmals nicht als sexistisch erkennen.

Sie sagen, durch Komplimente werden Frauen auf ihr Äusseres reduziert. Man kann doch eine Person intelligent, interessant – und gleichzeitig auch hübsch finden.
Dem ist so. Es ist aber auch hier eine Frage des Kontexts. Von einem Freund, der mich schon mehrmals wegen einer Publikation gelobt hat, nehme ich auch ein Kompliment für meine Bluse gerne an. Wenn ich aber an einer Sitzung, an der ich gescheite Sachen gesagt habe, von einem Arbeitskollegen nur auf meine Kleidung angesprochen werde, ist das sexistisch.

Bei vielen Männern führen Aktionen wie der Schweizer Aufschrei zu Verunsicherung. Sie wissen nicht mehr, was überhaupt noch erlaubt ist.
Wenn man merkt, dass Dinge, die man immer auf eine Art gemacht hat, auf Widerspruch stossen, kann das schon verunsichern. Ich finde es aber gut, wenn Männer verunsichert sind. Das bietet ihnen Gelegenheit zur Reflexion. Diese Art von Verunsicherung ist im Übrigen immer noch eine sehr andere als jene Verunsicherung, die von Sexismus Betroffene durchmachen müssen.

Andere Männer reagieren weniger mit Verunsicherung denn mit blankem Hass auf die Urheberinnen. Wie erklären Sie sich das?
Im Einzelfall muss man wohl eine psychologisch bewanderte Person dazu befragen. Generell kann man aber sagen, dass es für die privilegierte Gruppe immer unangenehm ist, wenn die weniger privilegierte Gruppe aufbegehrt. Kurz: Diese Männer fürchten um ihre Macht und um ihre Privilegien.

Betrifft Sexismus eigentlich nur Frauen? Ist es nicht auch sexistisch, dass nur Männer Militärdienst leisten müssen? Oder wenn etwa Besitzern von schnellen Autos vorgehalten wird, sie brauchten diese als «Potenzersatz»?
Männer können auch Opfer von sexualisierter Gewalt und stereotypisierenden Zuschreibungen werden, beispielsweise wenn sie auf körperliche Stärke reduziert werden. Ich muss aber auch hier auf das hierarchische Verhältnis zwischen den Geschlechtern verweisen. Männer als Kollektiv befinden sich in einer Machtposition gegenüber Frauen. Wenn Frauen sich gegenüber Männern diskriminierend verhalten, fehlt deshalb «die Drohung der Macht», um Anja Meulenbelt zu zitieren.

Laut dem «Schweizer Aufschrei» sind die Betroffenen tatsächlich meistens weiblich. Und die Masse an Vorfällen ist bedrückend. Gehören Erfahrungen mit sexuellen Übergriffe und das Erdulden von herabwertendem Verhalten zum Alltag vieler Frauen?
Leider ja. Die Tweets mit dem Hashtag #Schweizer Aufschrei zeigen eindrücklich, dass es sich bei Sexismus nicht um ein Randphänomen handelt. Ich erhoffe mir, dass der «Schweizer Aufschrei» Frauen ermutigt, sich gegen Sexismus zu wehren. Sie müssen wissen, dass sie mit ihrem Unbehagen nicht allein sind. Und sich sexistisch gebarende Männer müssen einsehen, dass solches Verhalten ein No-Go ist.

Handelt es sich bei Sexismus eigentlich vor allem um ein Altherrenproblem? Oder anders gefragt: Wird Sexismus nicht ohnehin bald aussterben?
Keineswegs. Der Aufschrei zeigt: Die Überschreitungen kommen nicht nur vom alten Chef. Auch der Kollege im Sportverein oder im Ausgang ist potenzieller Urheber. Sexismus ist ein generationen- und schichtenübergreifendes Problem – und wird deshalb nicht von selber verschwinden. Es braucht einen Kulturwandel in der Gesellschaft. Vor allem darf man solche Vorfälle nicht bagatellisieren und muss die Betroffenen ernst nehmen. (Der Bund)

Erstellt: 18.10.2016, 22:42 Uhr

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