Reportage

Er liebt die Kinder

Niemand wusste, dass Thomas S. pädophil ist – bis die Polizei kam. Im vergangenen Herbst wurde der Burgdorfer Lehrer verurteilt, weil er Tausende von kinderpornografischen Bildern auf seinem Computer gespeichert hatte.

«Ich will nie mehr vor Gericht erscheinen müssen.» Thomas S. in seiner Wohnung in Burgdorf.

«Ich will nie mehr vor Gericht erscheinen müssen.» Thomas S. in seiner Wohnung in Burgdorf. Bild: Valérie Chételat

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Thomas S. wusste, worum es geht, als am 31. August 2012 sechs Polizisten vor der Tür standen. Sie zeigten ihm den Durchsuchungsbefehl: Verdacht auf Kinderpornografie. Drei Stunden lang durchkämmten die Beamten die Wohnung. Dann gingen sie wieder. Im Gepäck: Computer, Laptops, Festplatten, Memory-Sticks, CDs, Speicherkarten, Videokassetten, Bücher und FKK-Heftli.

Thomas S. ist ein kleiner Mann, etwas bleich, 50 Jahre alt. Er wohnt in einem Mehrfamilienhaus, nicht weit vom Burgdorfer Bahnhof. Er nimmt einem die Jacke ab, bringt Kaffee. Auf dem Tisch liegen Gipfeli bereit. Thomas S. gibt sich locker. Er wirkt angespannt. «Irgendwie war es klar, dass die Polizei irgendwann kommen würde», sagt er. «Und irgendwie war es auch eine Erlösung.»

An der Wand im Wohnzimmer hängt ein Poster, auf dem ein Mädchen mit krausem Haar hinter einer Holzwand hervorlugt. Es fiele einem nicht auf, wäre dies nicht die Wohnung eines Pädophilen.

Thomas S. war 10 Jahre alt, als er mit dem Fotografieren begann. Er fotografierte auch gleichaltrige Mädchen. Thomas S. wurde älter, die Mädchen auch. Als er 20 war, gefielen ihm die Mädchen auf den Bildern besser als die Frauen, die sie geworden waren. «Ich fühle mich auch von erwachsenen Frauen angezogen», sagt er. «Aber das andere ist geblieben.»

Seine letzte Liebesbeziehung hatte er mit 24. Gescheitert sei sie «am Organisatorischen». Er war am Lehrerseminar, hatte viel zu tun. «Aber ja», sagt er dann. «Es hat schon irgendwie etwas nicht gestimmt.»

Woher es kommt, weiss man nicht

Monika Egli-Alge hat täglich mit Männern wie Thomas S. zu tun. Sie ist Psychologin und leitet das Forensische Institut Ostschweiz (Forio) in Frauenfeld, die einzige Schweizer Institution, die spezielle Therapien für Pädophile anbietet. «Pädophilie ist die sexuelle Orientierung, die sich auf Kinder richtet», sagt sie. «Sie ist dauerhaft und nicht veränderbar, man kann sie also nicht wegtherapieren.»

Sichtbare Balken und altes Interieur verbreiten hölzerne Wohligkeit in diesem Haus am Rand der Frauenfelder Altstadt. Egli-Alge, roter Blazer, kieferlanges Haar, empfängt am Sitzungstisch in ihrem riesigen Büro. Ihre Augen fixieren das Gegenüber, während sie erklärt, was Pädophilie ist.

Pädophilie ist eine Störung der sexuellen Präferenz. So wie sich heterosexuelle Menschen von Erwachsenen des anderen Geschlechts und Homosexuelle von Erwachsenen des gleichen Geschlechts sexuell angezogen fühlen, fühlen sich Pädophile von Kindern angezogen. Warum jemand pädophil ist, weiss man nicht, genauso wenig, wie man weiss, weshalb jemand hetero- oder homosexuell ist.

Aufgrund von Forschungen nimmt man an, dass rund ein Prozent der Männer sich von Kindern sexuell angezogen fühlt - das heisst, es gibt in der Schweiz mehrere Zehntausend pädophile Männer. Über Pädophilie bei Frauen weiss man praktisch nichts. Das heisst aber nicht, dass es sie nicht gibt. «Warum sollte es keine pädophilen Frauen geben?», fragt Egli-Alge.

Die Polizisten fanden in der Wohnung von Thomas S. etwa 12'500 kinderpornografische Bilder. 15 davon hatte er zuvor, versehentlich, wie er sagt, auf einen Online-Datensicherungsdienst hochgeladen. Die amerikanischen Behörden entdeckten sie und alarmierten ihre Schweizer Kollegen. Die ältesten der Bilder besass Thomas S. seit mehr als 25 Jahren.

Es waren ein paar wenige, ursprünglich unbedenkliche Fotos, die er von Hand bearbeitet hat. In der Anklageschrift steht: «Durch Retuschieren wurden bestehende Fotos von Kindern (Schüler/Kadetten) so abgeändert, dass die Kinder nunmehr nackt und mit ihrem Geschlechtsteil ersichtlich waren.»

Später kam das Internet. «Ich habe Aktfotos und FKK-Bilder gesucht», sagt Thomas S. «Die ganz üblen Sachen haben mich nie interessiert.» Dennoch hat die Polizei bei Thomas S. auch die ganz üblen Sachen gefunden. Er erklärt das damit, dass er jeweils viele Bilder auf einmal als Paket heruntergeladen habe.

«Mir war immer klar», sagt Thomas S., «dass auf vielen dieser Bilder Opfer zu sehen sind.» Und dann sagt er einen Satz, den er noch oft sagen wird an diesem Tag: «Wenn ich ein Problem habe, ist das mein Problem. Niemand sonst soll darunter leiden müssen.» Diese Erkenntnis habe ihn vor etwa zehn Jahren zum Entschluss geführt, künftig auf die Bilder aus dem Internet zu verzichten.

An ihre Stelle trat die virtuelle Welt. Das 3-D-Grafikprogramm «Poser» benutzte er ursprünglich, um Unterrichts-Material zu gestalten. Damit liess sich aber mit einigem Aufwand auch Ersatz für die Kinder auf den Bildern aus dem Internet modellieren. Auch die virtuellen Bilder gelten als Kinderpornografie und sind damit strafbar. In der Anklageschrift steht: «Die Bilder zeigen Sexszenen mit gefesselten, angeketteten oder gefangenen Kindern (Jungen oder Mädchen) in einem Kerker mit mehreren erwachsenen Personen (Männern).»

«Ich bin im Internet schon früh auf Texte gestossen, in denen derartige Szenen ausführlich beschrieben werden», sagt Thomas S. Die Darstellungen haben ihn verstört, einige aber auch erregt, und gleichzeitig war ihm klar, dass er diese Fantasien niemals in die Tat umsetzen darf. «Ich konnte damit nicht umgehen», sagt er. Er bezeichnet den Konsum der virtuellen Bilder als «Abreagieren». «Ich wollte niemandem schaden. Das Programm half mir dabei.»

Akzeptieren, dass es bleibt

80 Prozent der Männer, die sich am Forio wegen Pädophilie therapieren lassen, kommen freiwillig. Die übrigen wurden von einem Gericht zu einer ambulanten therapeutischen Massnahme verurteilt. Die Therapie verfolgt drei Ziele: keine Delikte begehen; akzeptieren, dass die Störung nicht verändert werden kann; Bewältigungsstrategien entwickeln.

«Pädophile dürfen ihre sexuellen Wünsche nicht in die Tat umsetzen», sagt Monika Egli-Alge. «Niemals. Das ist sehr, sehr hart.» Dies zu akzeptieren, sei meist mit einer grossen Trauerarbeit verbunden. «Viele Betroffene fallen in eine Depression.» Beim Entwickeln von Bewältigungsstrategien gehe es darum, herauszufinden, wie der Betroffene seine Sexualität ausleben könne, ohne sich in irgendeiner Form strafbar zu machen. Dabei spiele das Kopfkino eine wichtige Rolle.

Möglich sei aber auch, sich mit unbedenklichen Bildern zu behelfen, etwa aus der Werbung. «Wir können keinem Menschen seine Fantasie verbieten», sagt Egli-Alge. «Ein pädophiler Mann darf zu Hause beim Masturbieren an das Kind denken, das er zuvor im Supermarkt gesehen hat, so wie ein heterosexueller vielleicht an Scarlett Johansson denkt.»

Thomas S. war 25 Jahre lang Lehrer in Burgdorf. 16 Jahre lang war er Chef der Kadetten, denen rund 200 Kinder und Jugendliche angehören. Warum entscheidet ausgerechnet er sich für einen Beruf und ein Freizeitengagement, bei denen er täglich mit Kindern zu tun hat? «Lehrer zu sein, ist meine Berufung», sagt er. «Ich liebe Kinder, und ich habe immer gerne mit ihnen und den Eltern gearbeitet. Ich hatte oft ein gutes Gespür für ihre Bedürfnisse.»

Thomas S. leugnet nicht, dass auch seine sexuelle Neigung einer der Gründe für seine Berufswahl war. Er benutzt mehrmals den Begriff «Sublimierung». Diese bezeichnet nach Freud die Umsetzung eines Triebs in eine künstlerische oder kulturelle Leistung. «Als Lehrer konnte ich mit den Kindern arbeiten», sagt er. «Wäre ich nicht Lehrer geworden, hätte ich ein Problem bekommen.» Er betont, er habe nie die körperliche Nähe zu Kindern gesucht. «Es war immer klar, dass das nicht infrage kommt.» Die Anwesenheit der Kinder habe keine sexuellen Gefühle ausgelöst, sagt er.

Monika Egli-Alge vom Forio zögert, mit der Frage konfrontiert, ob es in jedem Fall falsch oder gar gefährlich sei, wenn ein Pädophiler Lehrer werde. «Das kann man nicht pauschal so sagen», sagt sie schliesslich. Bei manchen sei es wohl tatsächlich problematisch oder unmöglich, einen Beruf zu wählen, bei dem man täglich mit Kindern zu tun habe. Bei anderen könne es aber durchaus funktionieren. «Es kommt darauf an, wie bewusst und kontrolliert jemand im Umgang mit seinem Problem ist.» Hiesse sie es also gut, wenn Thomas S. wieder unterrichten würde? Egli-Alge seufzt. Dann sagt sie: «Wenn er nachweislich nie eine Gefahr war für seine Schüler, dann könnte man es aus meiner Sicht, unter bestimmten Umständen und klaren, kontrollierbaren Bedingungen, theoretisch gutheissen.»

Jeder hetero- oder homosexuelle Lehrer müsse seine Triebe schliesslich auch unter Kontrolle haben.Wenn das Stimmvolk am 18. Mai der Initiative «Pädophile sollen nicht mehr mit Kindern arbeiten dürfen» zustimmt, hat sich die Frage erledigt. Die Initianten fordern ein lebenslanges Berufsverbot für Menschen, die verurteilt werden, weil sie die sexuelle Integrität eines Kindes gefährdet haben.

Pädophilie-Expertin Egli-Alge lehnt die Initiative dezidiert ab: «Die Initianten präsentieren eine Schein-Lösung, die die Leute in Schein-Sicherheit wiegt.» Sie begründet dies mit Zahlen: Studien haben ergeben, dass mehr als die Hälfte der Sexualdelikte an Kindern nicht von Pädophilen begangen werden, sondern von hetero- und homosexuellen Menschen. Ausserdem geschehe der grösste Teil der Übergriffe, 84 Prozent, in der Familie. Ein Berufsverbot helfe also nicht viel.

Geschätzt und entlassen

Thomas S. macht sich keine Illusionen: Auch wenn die Initiative abgelehnt würde, wird er kaum wieder als Lehrer arbeiten. Er spricht von einer «schlimmen Zeit», wenn er an die Herbstferien 2012 zurückdenkt. Die Staatsanwaltschaft hatte die Burgdorfer Schulbehörden darüber informiert, dass sie gegen ihn ein Verfahren wegen Kinderpornografie eröffnet hat. «Ich wusste, dass ich nach den Ferien nicht an die Schule zurückkehren werde», sagt er.

Den Burgdorfer Behördenvertretern ist das Thema unangenehm. Dieter Haller (SP), der damalige Präsident der Volksschulkommission, lehnt eine Anfrage für ein Gespräch ab. Auch Bildungsdirektor Andrea Probst (Grüne) zögert zuerst. Dann sagt er zu.

Probst führt ein Planungsunternehmen in einem Bürogebäude am Stadtrand von Burgdorf. Er bittet in sein Büro und schliesst die Tür, bevor er sich setzt. Es war in der letzten Ferienwoche, als das Schreiben der Staatsanwaltschaft eintraf. «Zuerst wollten wir warten, uns Zeit lassen», sagt Probst. «Doch dann kamen wir zum Schluss: Es ist undenkbar, dass Thomas S. am Montag wieder vor die Klasse tritt.»

Es folgten weitere Sitzungen, diesmal mit Thomas S. «Er hat uns gesagt, er müsse mit einer Verurteilung rechnen», sagt Probst. Thomas S. erhielt die Kündigung, wurde freigestellt. Seines Amtes als Kadettenchef wurde er enthoben. Am 19. Oktober 2012 informierten die Behörden die Medien. «Primarlehrer wegen Kinder-Pornos gefeuert!», titelte der «Blick» am nächsten Tag über dem Bild von Thomas S.

Er habe zu Thomas S. ein gutes Verhältnis gehabt, sagt Probst. «Wir haben ihn sehr geschätzt als Lehrer und hilfsbereiten, liebenswürdigen Menschen.» Er findet es richtig, dass die Öffentlichkeit offensiv informiert wurde. «Sonst hätte es Gerüchte gegeben.

Ich habe das Gefühl, wir haben es gut gemacht, auch wenn der Betroffene das anders sieht.» Schön sei gewesen, dass weder Schüler noch Eltern panisch reagiert hätten. «Ich hatte den Eindruck, dass sie Thomas S. trotz allem vertrauten. Dass sie sicher waren, dass da nicht mehr war als die Bilder.» Seit dem letzten Gespräch im Herbst 2012 haben Probst und Thomas S. sich nicht mehr gesehen.

Er will ihnen nicht begegnen

Am 21. November 2013 fällte das Regionalgericht Emmental-Oberaargau sein Urteil: schuldig der Pornografie, mehrfach begangen. Die Richterin sprach von einem «gesamthaft geringen Verschulden». Sie verhängte eine Geldstrafe von 3000 Franken und eine ambulante therapeutische Massnahme. Seither trifft Thomas S. sich einmal pro Woche mit einem Therapeuten.

Ein Spaziergang? Thomas S. zögert. «In Burgdorf spazieren war ich schon lange nicht mehr.» Dann steht er auf und zieht seine Jacke an. Es ist ein warmer Märztag, nur der kühle Wind zeugt noch vom Winter. «Ich gehe nur selten raus, weil ich nicht auf Kinder treffen will», sagt Thomas S., als er auf die Strasse tritt. Nicht, weil er dann in Versuchung kommen könnte, sagt er, sondern, weil er ihnen unangenehme Begegnungen ersparen wolle.

Zwei Männer gehen vorüber. Sie grüssen Thomas S., er grüsst zurück. Wenig später, im Quartier: Schulkinder fahren mit dem Velo vorbei. Sie erkennen ihn nicht. Dann erblickt ihn ein Mädchen. Aufgeregt ruft sie nach ihrer Kollegin, die etwas weiter drüben steht. Sie rennt zu ihr. Man kann von ihren Lippen lesen, wie sie zu der anderen sagt: «Das ist Herr S.!» Er versucht, sich nichts anmerken zu lassen.

Auf dem Feld neben dem Weg sind noch immer die Spuren des Eidgenössischen Schwingfests zu sehen, das hier im letzten Sommer stattgefunden hat. Was er nun vorhabe? «Gute Frage», sagt Thomas S. und schaut auf das Feld hinaus. «Ich weiss es nicht.» Im vergangenen Jahr hat er ein Praktikum als Hilfspfleger gemacht. Gerade begeistert klingt er nicht, als er davon erzählt. «Am liebsten würde ich studieren gehen. Vielleicht Psychologie.»

Von seinen sozialen Kontakten sind nur noch jene zur Familie übrig. Von den anderen hat er nach dem Urteil fast alle abgebrochen. «Die Leute um mich herum haben mit Verständnis reagiert, als alles öffentlich wurde», sagt Thomas S. Er selbst sei es gewesen, der sich abgewandt habe. «Vieles ist abgestorben in mir drin.»

Ein Schmetterling landet auf der Strasse, um gleich wieder aufzufliegen. Thomas S. scheint ihn nicht zu bemerken. «Ich denke jeden Tag daran, mich umzubringen», sagt er. «Aber es gibt auch gute Momente.» Es sei hilfreich, dass es nun einige Menschen gebe, mit denen er über sein Problem sprechen könne.

Seit die Polizisten vor anderthalb Jahren an seiner Tür geklingelt haben, hat Thomas S. keine verbotenen Bilder mehr angeschaut. «Ich habe mir eine klare Ethik aufgebaut», sagt er. «Ich will nie mehr vor Gericht erscheinen müssen. Und ich will mit meiner Neigung auch in Zukunft niemandem schaden.» (Der Bund)

Erstellt: 14.04.2014, 10:54 Uhr

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