Eine eisige Kulisse
Von Katrin Schregenberger. Aktualisiert am 10.02.2012 1 Kommentar
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«Ich bin Ihr Lokführer Thomas und ich werde Sie heute fahren», ertönt es aus dem Lautsprecher. Wir sind an der Bahnstation kleine Scheidegg, 2060 Meter über Meer. Die Filmcrew - ein achtköpfiges Kamerateam, drei Schauspieler und eine Maskenbildnerin - hat es sich im Sonderzug bequem gemacht.
Die Jungfraubahn wird am 21. Februar hundertjährig. Ein Film soll zeigen, mit wie viel Arbeit der Bau der Bahn, der 16 Jahre dauerte, verbunden war. Diese Woche wird gedreht, Ende März stellen die Jungfraubahnen den Film dann Fernsehstationen im In- und Ausland kostenlos zur Verfügung. Gestern wurden die Szenen im Stollen gefilmt - unter Sauerstoffmangel und kalten Temperaturen.
Alles ist erstarrt – auch das Mineralwasser
Gedreht wird schon seit Montag. Wegen des Schnees und der eisigen Temperaturen kamen Schauspieler und Crew aber einige Male an ihre Grenzen. Ob die Kälte ein Problem war? Wortlos zückt der Tontechniker sein iPhone und zeigt auf ein Bild: Eine gefrorene Aproz-Mineralflasche - mit Kohlensäure. «Soviel zu dieser Frage», sagt er. Auch Maskenbildnerin Monika Schmoker musste sich an die ungewohnten Temperaturen anpassen. «Eine Figur hatte ich mir eigentlich mit Bart vorgestellt», erzählt sie. Der Klebstoff, mit dem der Bart angeklebt werden sollte und der sich normalerweise an die Hauttemperatur anpasse, sei aber auf dem Kinn des Darstellers gefroren. «Gefrorener Klebstoff ist weiss, also unbrauchbar», sagt sie.
Noch jemand sitzt auf den roten Samtsitzen im Zug: eine Sanitäterin. «Falls etwas passiert, kann der Notfalldienst nicht so schnell in den Stollen gelangen», sagt sie, «deshalb bin ich hier.» «Der Stollen», das ist der hundertjährige Mönchsstollen, in dem beim Bau des Jungfrautunnels Schutt und Geröll abgelagert wurden. Der Stollen ist normalerweise nicht zugänglich, eine gut gesicherte Tür verwehrt den Zugang. Nur die riesigen Windturbinen vor seinem Eingang verraten ihn; die Ventilatoren durchlüften den 7,5 Kilometer langen Tunnel.
«Ruhe bitte!»
Im Mönchsstollen, 3200 Meter über Meer, herrschen Minusgrade. Die Techniker laden ihre Ausrüstung aus. Der erste Blick in den Stollen: Neonröhren, Schutt, felsige Wände. Eine Stunde später sieht alles anders aus: Die Neonröhren hat der Lichttechniker mit schwarzer Alufolie zugeklebt. Ein 575-Watt-Scheinwerfer erstrahlt am Ende des Tunnels, Akkugeräte für die Kamera sind an den Stromverteiler angeschlossen, die Kamera ist an ihrem Platz. Moderator Peter Wenger macht noch eine letzte Stimmprobe, in Jackett und Rollkragenpulli gekleidet, als wehe ihm nicht der eisige Wind um die Ohren. Der hundertjährige Muldenwagen steht neben ihm auf den ebenfalls hundertjährigen Schienen. «Ruhe bitte», ruft der Regisseur: Es geht los.
Ein Sugus gegen den Schwächeanfall
Es ist das Jahr 1908. Ein Mann zerkleinert mit einem Pickel Geröllbrocken. Es fällt ihm schwer, das sieht man. «Was hat er, ist er krank?», sagt ein Arbeiter zu einem zweiten, während er Schutt auf einen Muldenwagen schaufelt. «Nein er ist bloss erschöpft», antwortet ihm der Zweite. «Cut», ruft der Regisseur. Die Szene ist im Kasten. Der Erschöpfte ist einer der vielen italienischen Gastarbeiter, die den Tunnel während 16 Jahren bauten. Die extremen Bedingungen - die Höhe, die Sprengungen und der Luftmangel - machten den Arbeitern zu schaffen.
Auch gestern Donnerstag zehrt die Höhe an den Kräften der Stollenbesucher. Das Atmen fällt schwerer, die Kälte kriecht die Beine hoch. Und plötzlich fühlt sich die «Bund»-Journalistin ganz komisch. Ist es Schwindel? Oder Übelkeit? «Auf jeden Fall ist es die Höhe», sagt die Sanitäterin und gibt der Leidenden ein Sugus. Krank - allein schon vom Rumstehen? Eins wird klar: Der Bau des Jungfrautunnels war ein Kraftakt. (Der Bund)
Erstellt: 10.02.2012, 14:56 Uhr
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