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Ein «Secondo» aus Bern macht Karriere in Zürich
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Als Simon Lehmann am letzten Montag beim Sechseläuten vor einer Zürcher Zunft eine launige Rede hielt, konnte er sich beider Dialekte bedienen. Denn der Berner, geboren 1970, wuchs in Zürich auf; sein Vater arbeitete als Physiker bei einer internationalen Firma. Weil Lehmann als Schuljunge mit seinem Berndeutsch von den Zürikindern gehänselt wurde, gewöhnte er sich rasch ein cooles Züri-deutsch für Schule und Strasse an, während zu Hause das Berndeutsche weiterhin de rigeur war: «Ich habe das typische Verhalten eines Secondos an den Tag gelegt», sagt er heute lachend, «mit allen kulturellen Begleiterscheinungen.»
Lehmann ist SCB-Fan, weshalb er dem Zürcher Zunftmeister einen Tag vor der grausamen Niederlage der Berner Mutzen gegen die Zürcher Löwen ein gelbes SCB-Leibchen überreichte mit der Nummer 12 und der Aufschrift «Zouftmeischter»; fussballerisch hingegen pocht sein Herz für die Grasshoppers. Seine Firma, Interhome, die als Hotelplan-Tochter zum Migros-Konzern gehört, sponserte folgerichtig GC, was Lehmann zu einem weiteren fröhlichen Auftritt verhalf: Früher habe er als Freizeit-Fussball-Goalie ein Roger-Berbig-T-Shirt getragen; dann habe er beim Abschluss des Sponsoringvertrags Berbig persönlich getroffen, der ihn ziemlich arrogant gefragt habe, wer er überhaupt sei: «Am liebsten hätte ich Berbig darauf hingewiesen, dass zwar einst sein Name auf meinem Shirt stand, nun jedoch unser Name auf jedem einzelnen Trikot seiner ganzen Mannschaft.»
Chancen auf den Chefsessel
Dass ein früherer GC-Torhüter Simon Lehmann nicht kennt, mag noch angehen. In seiner Branche jedoch ist er heute in aller Munde. Denn bei Hotelplan steht ein Führungswechsel an; Konzernchef Hans Lerch wird laut Medienberichten noch dieses Jahr seinen Sessel räumen. Auch nach drei Jahren ist ihm der Turnaround nicht gelungen; der Ferienkonzern in Glattbrugg ZH, Nummer zwei im Schweizer Markt nach Kuoni, hat 2011 einen Betriebsverlust von 19,4 Millionen Franken eingefahren. Und Simon Lehmann, dessen Interhome dank der 2011 eingeleiteten Übernahme des deutschen Branchenleaders Interchalet inzwischen europäischer Marktführer im Geschäft mit Ferienwohnungen und -häusern ist, hat laut Spekulationen des Wirtschaftsmagazins «Bilanz» und der «SonntagsZeitung» intakte Chancen, Lerchs Nachfolge anzutreten.
Dabei kommt dem 41-Jährigen zugute, dass er eine solide Karriere im harten Transportbusiness nachweisen kann: Nach einer KV-Lehre bei Gondrand war er bei Danzas tätig, für die er zwei Jahre in Australien arbeitete, bei Singapore Airways, dann bei Jacky Mäder, für die er als erst 26-Jähriger das ganze Australien-Geschäft führte. Danach kam Lehmann, der inzwischen auch noch ein Bachelor-Studium in Betriebswirtschaft absolviert hatte, zur Swissair-Tochter Nuance, später zur Swissair-Tochter Swissport, wo er Chef der griechischen Filiale mit vier Flughäfen war, danach der Deutschland-Tochter mit elf Flughäfen. Mit erst 34 Jahren wurde er in die Swissport-Konzernleitung gewählt, verantwortlich für den weltweiten Verkauf. «Ich sass während 80% der Arbeitszeit im Flugzeug», erzählt er.
Berner Turbo
Da Swissport in die Swissair-Turbulenzen geraten war und schliesslich zu einem Schnäppchenpreis verkauft wurde, ging Lehmann auf ein seltsames Angebot eines Headhunters ein, den er zuvor gefragt hatte: «Bist du nicht ganz gebacken?» Der Headhunter hatte ihn, den international tätigen Manager, nämlich gefragt: «Willst du Ferienwohnungen vermieten?»
Nachdem er die ihm unbekannte Gesellschaft namens Interhome inspiziert hatte, liess sich Simon Lehmann im Herbst 2005 anstellen, inspiriert von der Idee, «einmal eine ganze Firma zu leiten, ihre Strategie zu definieren und umzusetzen». Bald war bei Interhome unter dem Berner Turbo nichts mehr wie früher. Noch vor wenigen Jahren war das gesamte Geschäft über Reisebüros und Kataloge abgewickelt worden. Heute «erzielen wir rund 68 Prozent des Umsatzes via Internet», sagt Lehmann. In Zukunft wird Interhome zum Beispiel mit dem Internet-Branchenriesen Booking.com kooperieren.
«Gelassenheit, Balance, sich aufs Wesentliche konzentrieren»
Genau das mache ihn bei den Migros-Oberen als Kandidat für die Hoteplan-Gesamtleitung attraktiv, schrieb die «SonntagsZeitung» Anfang April. Denn der Touristikkonzern hat online ein Defizit, und Hotelplan Suisse, wichtigster Umsatzbringer der Gruppe, soll zu einer Online-Firma umgebaut werden, wie die Migros mitteilte. Da dürfte Lehmanns Leistungsausweis ein wichtiges Kriterium für den Personalentscheid sein, den Migros-Chef Herbert Bolliger demnächst treffen muss.
Wer jetzt denkt, Simon Lehmann sei ganz der knallharte Manager, der irrt. Der Interhome-Chef hat auch seine verletzlichen Seiten, über die er durchaus redet. In jungen Jahren sei er beruflich stark belastet worden, erzählt er. Daraus habe er Lehren gezogen: «Gelassenheit, Balance, sich aufs Wesentliche konzentrieren, Nein sagen können.» Und nachdem seine erste Ehe in die Brüche gegangen ist, versucht er heute, möglichst viel Zeit mit seinen zwei Kindern aus dieser und mit seiner zehn Monate alten Tochter aus einer neuen Ehe zu verbringen.
Lehmanns Hobbys sind, anders als bei anderen Topmanagern der Touristikbranche, nicht Golf, Marathon oder Segeln. Nein, seine Leidenschaften sind das Kochen und das Skifahren - früher jeden Winter in Adelboden, jetzt im Bündnerland, «immer in derselben Interhome-Wohnung». (Der Bund)
Erstellt: 23.04.2012, 11:13 Uhr
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