Bern
Ein Professor, der polarisiert
Von Walter Däpp. Aktualisiert am 26.04.2012 20 Kommentare
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Die «vorläufige Freistellung» Professor Werner K. Striks, des ärztlichen Leiters der Erwachsenenpsychiatrie der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern UPD wirft hohe Wellen – und sie wirft auch Fragen auf. Denn UPD-Direktorin Regula Mader gibt «während des laufenden Verfahrens» weiterhin öffentlich keine Gründe für diesen – von der gesamten UPD-Geschäftsleitung beschlossenen – Schritt an. Und die Berner Universitätsleitung, die über Striks Anstellung letztlich zu entscheiden hat, äussert sich ebenfalls «nicht zu personellen Angelegenheiten».
So blieb in den vergangenen Wochen Raum für Mutmassungen. In der Öffentlichkeit waren fast ausschliesslich solidarische Stimmen mit dem kaltgestellten Werner K. Strik zu hören.
Umfassende Aufklärung verlangt
Nun fordern 68 «unmittelbar betroffene Ärztinnen und Ärzte sowie wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter» in einem Brief an die Universitätsleitung, der auch dem «Bund» zugespielt wurde, «die umgehende und umfassende Aufklärung über die genauen Gründe» der Freistellung Striks – und «im Falle nicht vorhandener schwerwiegender Gründe» dessen «sofortige Wiedereinsetzung». Strik, schreiben die Verfasser des Briefes, fehle ihnen sehr – «durch seine Integrität, seine Menschlichkeit und sein überblickendes Wissen als Vorbild, Leitfigur und Vertreter einer nicht von partikularen Interessen geprägten Psychiatrie».
Das «nicht nachvollziehbare Vorgehen» der UPD-Geschäftsleitung beeinträchtige «die Qualität der Versorgung von Patientinnen und Patienten, die studentische und psychiatrische Ausbildung und die weiteren wissenschaftlichen Aktivitäten» – und sie habe dem Ansehen der UPD auf nationaler und internationaler Ebene bereits erheblich geschadet.
Stimmen aus Deutschland
Auch aus Deutschland geben Berufskollegen ihrem Landsmann in der Schweiz Sukkurs. Professor P. Falkai, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, hat in einem Brief an die Berner Universitätsleitung auch grundsätzliche Kritik geübt: «Die Auseinandersetzungen zwischen den psychiatrischen Lehrstühlen und der Politik in der akademischen Psychiatrie der Schweiz beobachten wir seit Jahren mit Sorge. So scheint die Politik das Primat der Wissenschaft und die akademische Freiheit in unserem Fach nicht mehr anzuerkennen.»
Aus Solidarität mit Werner K. Strik hat nach Professor Andreas Papassotiropoulos von der Universität Basel auch Volker Arolt, Klinikdirektor im deutschen Münster, Gastauftritte an den UPD Bern abgesagt. Arolts Begründung: «Es liegt mir völlig fern, mich in innerschweizerische Angelegenheiten einzumischen, auch verstehe ich die Bedeutung ökonomischer Faktoren in der Klinik. Ich kann aber angesichts der Vorgänge an der Berner Psychiatrischen Universitätsklinik (jedenfalls soweit sie mir bekannt sind) nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und mit meinem Vortrag in einer guten Tradition gegenseitigen wissenschaftlichen Austauschs fortfahren, wenn gerade die Basis dieser Tradition, nämlich die sichere Existenz einer akademisch fundierten Medizin, so offenkundig gefährdet wird.» Diese «gefährliche Entwicklung» sei auch in Deutschland an Hochschulkliniken erkennbar. Sie scheine «jedoch in der Schweiz offenbar schon weiter fortgeschritten, wofür ich die Freistellung von Werner Strik geradezu als Indikator ansehen muss».
Die andere Sicht
Einschätzungen und Meinungen namhafter ehemaliger UPD-Exponenten ermöglichen aber auch einen anderen Blick auf den «Fall Strik». So wirft etwa Regula Maders interimistischer Vorgänger Karl Studer – er ist Arzt, Psychotherapeut und war langjähriger erfolgreicher Direktor der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen – Strik «ein absolut veraltetes Führungsmodell» vor. Er leite seine Klinik seit Jahren «isoliert, einseitig ärztlich fokussiert», betrachte Pflege, Therapie und Sozialarbeit «als etwas Sekundäres».
So seien in diesen Bereichen im Laufe der Jahre Kompetenzen verloren gegangen und Weiterbildungen vernachlässigt worden. «Eine zeitgemässe Psychiatrie denkt interdisziplinär und integriert alle Kräfte zur Behandlung der Patienten», sagt Studer. Doch darüber habe Strik nicht mit sich reden lassen. Er habe «selbstherrlich seine Linie verfolgt» und nicht eingesehen, dass «sein Führungsmodell im Widerspruch steht zu der bei uns üblichen integrativen Arbeitsweise von Ärzten und Pflegenden».
«Einen Bärendienst erwiesen»
Studer spricht von einer «Verarmung an fachlicher Kultur». Strik habe es zu verantworten, dass der Bereich Sozialpsychiatrie/Psychotherapie, ein einstiges Aushängeschild der Berner Psychiatrie, in der UPD-Erwachsenenpsychiatrie kaum mehr integriert sei. Es fehlten heute auch spezialisierte Angebote, wie sie von einer Universitätsklinik als Zentrumsinstitution zu erwarten wären. Dies habe dazu geführt, dass «alle Abteilungen alles machen müssen». Strik habe den UPD (und den Kliniken in Basel und Zürich) auch dadurch einen Bärendienst erwiesen, dass er sich lange geweigert habe, die finanziellen Aufwendungen für Forschung einerseits und für Versorgung andererseits transparent zu machen. Dies habe einen Bundesgerichtsentscheid zur Folge gehabt – und eine massive Taxreduktion, was «auch für die andern psychiatrischen Universitätskliniken der deutschen Schweiz zu einem massiven Finanzverlust geführt» habe.
«Psychiatrieplanung verhindert»
Strik habe auch die regierungsrätliche Psychiatrieplanung für den Kanton Bern «verhindert und verzögert», fährt Studer fort, sodass sie «mehr oder weniger gegen seinen Willen» umgesetzt werden müsse. Im Übrigen sei Strik in der Schweizer Fachärzteschaft kaum integriert, habe sich im Laufe der Jahre aber mit Ärzten umgeben, die nun «in seiner Weise denken und handeln», und die sich – mit Blick auf ihre eigene Karriere – nun hinter ihn stellten.
Doch dies diene einer Psychiatrischen Klinik nicht, die die Versorgung für ein Einzugsgebiet mit 400'000 Menschen sicherzustellen habe. Die Auseinandersetzung zwischen Versorgung und Forschung zeige sich auch in andern Kliniken, aber sehr ausgeprägt eben in Bern: «Da geht es für viele nicht um die zeitgemässe Führung und Entwicklung eines Betriebs, sondern um persönliche Karrieren.» Der Aufwand für Lehre und Forschung betrage etwa 10 Prozent der Ausgaben, der Rest sei für die Grundversorgung und regionale fachliche Zentrumsfunktion der UPD vorgesehen. «Deshalb», sagt Studer, «wären auch die Aufwendungen für die fachlichen Entwicklungen entsprechend einzusetzen.»
«Nicht auf Kosten der Versorgung»
Strik habe nicht eingesehen, dass eine Universitätsklinik doch verpflichtet sei, «neue Strömungen in der Psychiatrie gesamtheitlich zur Kenntnis zu nehmen, zu reflektieren und umzusetzen», sagt Studer. Statt gesprächsbereit zu sein, habe er sich abgeschottet – gegen innen und gegen aussen: «Forschung ist an einer universitären Einrichtung wichtig, darf aber nicht auf Kosten der Versorgung gehen. Diese Abgrenzung haben die Gremien der Universität selber so bestimmt.» Dass sich nun kaum jemand öffentlich gegen ihn stelle, verwundere ihn nicht, sagt Studer: «Man hat Angst. Wer sich gegen ihn auflehnt, wird von ihm klein und hässlich gemacht. Sein Regime duldet keinen Widerspruch. Viele haben die UPD seinetwegen verlassen.» Berns Bevölkerung brauche aber eine zeitgemässe Psychiatrie «und einen ärztlichen Chef, der dies führungsmässig auch umsetzen kann. Strik kann das nicht.»
«Leitende Mitarbeiter verfemt»
Auf Anfrage hat sich auch der nun in Chile lebende Professor Hans Dieter Brenner, langjähriger Direktor der Sozial- und Gemeindepsychiatrie der UPD, geäussert. Zwar habe er sich bislang an «die goldene Regel» gehalten, wonach man sich nicht öffentlich zur Amtsführung seiner Nachfolger äussern sollte. In der «aktuell ausserordentlichen Situation» wolle er jedoch nicht einfach weiter schweigen, denn: «Es hat mich in den letzten Jahren immer wieder sehr belastet, wie massiv Professor Strik damals, bei der Zusammenführung der beiden Kliniken, gegen einst leitende Mitarbeiter der Sozial- und Gemeindepsychiatrie vorgegangen ist. Sie wurden von ihm teilweise im wahrsten Sinne des Wortes verfemt, von Konferenzen ausgeschlossen. Ihren ehemaligen Mitarbeitern wurde deutlich signalisiert, sie sollten keinen Umgang mehr mit ihnen pflegen.» Brenner berichtet, «eine ansehnliche Zahl von UPD-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern» habe ihm in den letzten Jahren in Briefen und Mails ihre Betroffenheit darüber mitgeteilt – und ihre Sorge um die eigene Anstellung und das eigene Fortkommen, wenn sie diese Betroffenheit offen äussern würden.
«Beachtenswerte Forschung»
«Selbstverständlich hat Strik, wie jeder Ordinarius, begabte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wissenschaftlich gefördert und sie verständlicherweise in entsprechende Leitungsstellen der Klinik gebracht», sagt Brenner, «und es ist zweifellos sein Verdienst, in Bern eine beachtenswerte neuropsychiatrische Forschung aufgebaut zu haben, die es vorher so nicht gab – da die Forschungsschwerpunkte früher anders lagen.»
Von daher könne, sagt Brenner, «auch die Unterstützung von neurowissenschaftlich orientierter Seite nicht überraschen. Dass die von Professor Strik geförderten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Klinischen Psychiatrie ihn in der aktuellen Situation ebenfalls zu unterstützen versuchen, ist verständlich.» Anders sei aber die Situation jener Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, denen nun «von diesen engeren Vertrauten Striks, die häufig ja auch ihre Vorgesetzten sind, Briefe und Stellungnahmen zur Mitunterschrift vorgelegt» würden: «Wie könnte in dem gegebenen Arbeitsklima ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin, wenn er oder sie an eine wissenschaftliche oder klinische Karriere oder auch nur an eine längere Mitarbeit in den UPD denkt, die Unterschrift verweigern – oder gar eine unterstützende Erklärung für die UPD-Direktorin Regula Mader und die Geschäftsleitung abgeben?»
«Mit Intrigen überrascht»
Ausserdem habe «der Arm von Professor Strik auch in andere UPD-Direktionen gereicht», sagt Brenner. So seien «manche, auch akademische Karrieren kritischer Geister unsanft zum Stillstand gebracht worden». Die Haltung von Regula Mader und der UPD-Geschäftsleitung nötige ihm deshalb Achtung ab: «Es war für mich, wie auch für andere ehemalige Mitarbeitende, immer nur eine Frage der Zeit, wann es zu einer sehr ernsthaften Krise kommen würde.»
Brenner erinnert sich, wie Strik sich bereits nach seinem Stellenantritt als Leiter der klinischen Psychiatrie dagegen gestemmt habe, Betten abzubauen und gemeindepsychiatrische Angebote auszubauen. Strik habe dies «boykottiert». Brenner: «Es ging um einseitige Machtansprüche der Klinischen Psychiatrie von Professor Strik und um ein Zurückdrängen der ihm unliebsamen Sozial- und Gemeindepsychiatrie.» Absprachen mit Strik «über beidseits relevante Angelegenheiten» hätten «jeweils nur eine kurze Halbwertszeit gehabt». Strik habe immer wieder «mit Intrigen gegen die Planungen unserer Klinik und auch mich persönlich überrascht». Er, Brenner, habe «nie zuvor und auch nie danach ein so anhaltend gespanntes bis feindselig-unkollegiales Arbeitsklima erlebt».
«Andauernde Attacken»
Der Psychiater Herbert Heise, der 1978 als Oberarzt in die Berner Universitätsklinik für Sozialpsychiatrie kam, später zum Vizedirektor und Chefarzt avancierte und 2009 ausschied, stimmt seinem ehemaligen Chef Hans Dieter Brenner «vollumfänglich» zu. Brenner, sagt er, sei nicht nur aus gesundheitlichen Gründen, sondern «auch wegen der andauernden Attacken und Beschimpfungen durch Strik» vorzeitig in Pension gegangen. Und als er, Heise, nach Brenners Ausscheiden 2006 Vizechef der neuen Erwachsenenpsychiatrie (der fusionierten klinischen Psychiatrie und Sozialpsychiatrie) geworden sei, sei ihm Gleiches widerfahren.
Strik habe «massiv» Druck ausgeübt und ihn ausgegrenzt: «Unmittelbar nach der Fusion der beiden angeblich gleichberechtigten Kliniken enthob mich Strik aller Leitungsfunktionen, dann schloss er mich von den Direktionssitzungen aus und teilte mir später mit, dass meine Anwesenheit bei ärztlichen Konferenzen nicht erwünscht sei.» Nur mithilfe eines Coachings habe er «die nahezu unerträgliche Situation» durchgestanden. 2009, nach 31 Jahren in der Berner Universitätspsychiatrie, trat er in den Ruhestand – «ohne dass ich von der UPD-Direktion verabschiedet worden wäre».
Freistellung sei «überfällig»
Die Freistellung Striks durch Regula Mader und die UPD-Geschäftsleitung ist für Heise «überfällig». Striks «Denk- und Handlungsweise» habe «die über Jahrzehnte aufgebaute Berner Sozialpsychiatrie, die sich am Wohl der Patienten und ihrer Angehörigen orientierte, praktisch zerstört». Heise war übrigens langjähriger Präsident der Deutschschweizer Sektion der Gesellschaft für Sozialpsychiatrie und Schweizer WHO-Delegierter für Mental Health.
Ähnlich wie mit ihm, sagt er, sei Strik Versorgungsforschung und Soteria-Chefarzt, umgegangen. Hoffmann bestätigt dies. Strik habe ihn als Leiter der sektorisierten Gemeindepsychiatrie weghaben wollen, ihn zum «Abteilungsleiter ohne Abteilung» degradiert und seine akademische Karriere hintertrieben. «Wer sich Striks Ideen und Plänen in den Weg stellt», so Hoffmann, «hat nur die Möglichkeit, wegzugehen, in die innere Emigration zu gehen oder krank zu werden. So hat die UPD einige ihrer besten Mitarbeiter verloren.»
«Zunehmend unerträglich»
Ähnlich sagt es auch Kurt Böhler, der ehemalige Leiter des therapeutischen Dienstes der Erwachsenenpsychiatrie: «Wer bei Strik nicht mitmacht, wird abgesägt.» Nach 35-jähriger Tätigkeit in der Berner Psychiatrie hat sich Böhler zu Beginn dieses Jahres vorzeitig pensionieren lassen, weil er «von Strik genug hatte». Dieser habe, auch an den Kadersitzungen, «ständig über andere, vor allem über die Geschäftsleitung, gelästert», sodass er in einen «zunehmend unerträglichen» Loyalitätskonflikt geraten sei. Als er Striks Verhalten wegen eines Personalentscheids kritisiert habe, sei die Situation eskaliert, und man habe sich auf «Dispensation von den Sitzungen» geeinigt. Doch: «Ein Klinikchef muss doch auch die Grösse haben, kritische Stimmen zu ertragen.»
Strik erwägt rechtliche Schritte
Werner K. Strik hat von der Möglichkeit, zu der hier vorgebrachten Kritik Stellung zu beziehen, keinen Gebrauch gemacht. Über seinen Anwalt liess er ausrichten, sich nicht äussern zu wollen und sich im Zusammenhang mit der «bisher einseitigen Berichterstattung im ‹Bund› die Einleitung rechtlicher Schritte vorzubehalten». Wann die Berner Universitätsleitung entscheidet, ist ungewiss.
(Der Bund)
Erstellt: 26.04.2012, 11:07 Uhr
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20 Kommentare
Prof. Strik war jung, als er nach Bern berufen wurde. Es ist denkbar, dass er damals nicht in allen Belangen Weisheit walten liess. Dass alte Geschichten jetzt aufgewärmt werden - in einer Weise, die gemäss "alten Hasen" den tatsächlichen Sachverhalten nicht entspricht - irritiert. Ich kenne Prof. Strik heute als integren Kliniker und Forscher, der stets respektvoll mit anderen Menschen umgeht. Antworten
Man würde sich in der medialen Diskussion in diesem Falle deutlich mehr Sachlickeit, Wertschätzung und Menschlichkeit erwarten. Es geht im Grundsatz um mehr als nur darum, eine Persönlichkeit anzugreifen, die sicher wie alle Menschen auch ihre Ecken und Kanten hat. Bleibt nur zu hoffen, dass von universitärer Seite eine sachlich begründete, objektive und unabhängige Entscheidung gefällt wird. Antworten
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