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Durchmischung bringt viele Vorteile

Von Andrea Mantel. Aktualisiert am 03.08.2012

Der Schulversuch «Basisstufe» vereint Kindergarten, erstes und zweites Schuljahr – in diesem Sommer geht er zu Ende. Nur wenn der Kanton Ja sagt, können die Schulen so weiterunterrichten.

Grössere und kleinere Kinder lernen gemeinsam – hier eine Basisstufe bei ihrer Einführung in Bümpliz.

Grössere und kleinere Kinder lernen gemeinsam – hier eine Basisstufe bei ihrer Einführung in Bümpliz.
Bild: Adrian Moser

Gemeinsames Unterrichten ist teurer

Der bernische Regierungsrat kann die Basisstufen für das Schuljahr 2013/2014 kontingentieren, denn diese Unterrichtsart benötigt mehr Personal und mehr Räume.

«Das mögliche Kontingent bezieht sich nicht auf die Anzahl Basisstufen», präzisiert die Projektleiterin Basisstufe der Erziehungsdirektion des Kantons Bern (ERZ), Monika Schöni, «sondern auf die Kosten, welche für den Kanton anfallen werden.» Der Vortrag zum Volksschulgesetz sieht in seiner Annahme ein mögliches Kontingent von jährlich rund 920 000 Franken vor (davon 70 Prozent Kanton und 30 Prozent Gemeinden).

«Diese Angaben beziffern die Kosten, die die zusätzlichen Lektionen für das Teamteaching auslösen», so Schöni. «Um das Teamteaching in der einzelnen Basisstufenklasse zu gewährleisten, braucht aber nicht jede Gemeinde gleich viel zusätzliche Lektionen.» Darum könne nicht in Anzahl Klassen gerechnet werden. Ein weiterer Punkt, der für die Pflicht, ein Gesuch stellen zu müssen, spricht, ist, dass die Gemeinden gut planen müssen. «Bereits bei der Einreichung des Gesuchs werden die Kosten detailliert aufgelistet», sagt Schöni. «So ist eine sanfte und überlegte Einführung möglich.»

Nicht überall genug Kinder

Die aus dem Pilotprojekt bereits bestehenden Basisstufen müssen ebenfalls ein Gesuch stellen. Das haben alle getan bis auf den Standort Oeschenbach/Walterswil. Dort gibt es zu wenig Kinder, um eine Basisstufe führen zu können. «Die Gesuche von den restlichen Pilotstandorten werden aber allesamt bewilligt», sagt Schöni.

Bis Ende Juni konnten die Gemeinden, die eine Basisstufe ab dem Schuljahr 2013/2014 führen wollen, ihr Gesuch einreichen. Einzelne Gesuche wurden noch per Ende Juli 2012 in Aussicht gestellt. Die Erziehungsdirektion prüft momentan die Eingänge.

Voraussetzungen für Basisstufe

Kriterien für die Bewilligung sind vorhandene und der Altersgruppe entsprechende Räumlichkeiten, eine Prognose der Schülerzahlen von 18 bis 24 pro Jahrgang für die nächsten Jahre, gesicherter Unterricht in altersgemischten Lerngruppen und im Teamteaching, pädagogische Qualitäten der Lehrpersonen sowie eine sichere Finanzlage.

Aktuell gehe man davon aus, dass das angenommene Kostendach mit den vorhandenen Anträgen nicht überschritten werde, «denn wir rechnen nicht mit einer Gesuchsflut», sagt Schöni.

Basisstufe: Eine flexible Schulreform

Das Pilotprojekt «Basisstufe» ging in diesem Sommer nach einer siebenjährigen Laufzeit zu Ende. Für die Übergangsphase bis im Sommer 2013 wurde im Frühling der Kredit zur Verlängerung gesprochen. Danach tritt das revidierte Volksschulgesetz in Kraft, welches jeder Gemeinde auf freiwilliger Grundlage ermöglicht, eine Basisstufe einzuführen. Folgende Punkte sind für die neue Schulform charakteristisch:

  • Der Kindergarten und die ersten beiden Schuljahre werden zusammengefasst.
  • Die Kinder durchlaufen die Basisstufe in ihrem individuellen Tempo in drei, vier oder fünf Jahren. Danach wechseln sie in die reguläre 3. Klasse.
  • Eine Klasse hat 18 bis 24 Kinder.

  • Die Klasse wird von zwei Lehrkräften gemeinsam und teilweise im Teamteaching unterrichtet. Für dieses Teamteaching stehen zusätzlich maximal 15 Lektionen zur Verfügung.
  • Ziele: pädagogische Kontinuität, Individualisierung, flexible Übergänge.

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«Ganz zentral bei uns in der Basisstufe ist die Idee ‹Kinder helfen Kindern›», sagt die Könizer Unterstufenlehrerin Marie-Louise Fehlmann. «Sie unterrichten und unterstützen sich gegenseitig – helfen ist selbstverständlich.» Der Schulversuch, der 2005 an 13 Standorten im Kanton Bern eingeführt wurde und in diesem Sommer ausläuft, stellt noch weitere Aspekte ins Zentrum.

Hochgehalten werden Ziele wie individuelle Lernwege, selbstständiges Lernen, Integration, pädagogische Kontinuität, Lernen in jahrgangsgemischten Gruppen und einer anregenden Lernumgebung sowie Teamteaching. Ein umfangreiches Portfolio, das ein Resümee erfordert.

«Gute individuelle Lernentwicklung»

Marie-Louise Fehlmann und die Kindergärtnerin Mey Ludwig führen seit sieben Jahren im Zweierverbund die Basisstufe in Köniz Buchsee. Sie sind sich einig, was die neue Schulform anbelangt: «Die Kinder können sehr viel voneinander profitieren und sehen sich aufgrund der Durchmischung von verschiedenen Alters- und Lernstufen nicht in einem Wettbewerb», sagt Ludwig. «Gehässigkeiten oder Schlägereien, ausgelöst durch Konkurrenzdruck, gibt es bei uns kaum.» Auch kämen disziplinarische Probleme in einem weit geringeren Ausmass vor als in einer Regelklasse.

In Bezug auf die individuelle Lernentwicklung jedes einzelnen Kindes attestieren die Fachfrauen dem Schulversuch ebenfalls gute Noten. «Der spielerische Aspekt kann je nach Bedürfnis mehr oder wenig eingesetzt werden – so kann der Entwicklung jedes Kindes optimal Rechnung getragen werden», sagt Fehlmann. «Zudem gibt es keine Lehrerwechsel, keine Klassenwechsel und kein Repetieren des Schuljahres im herkömmlichen Sinn.»

«Knacknüsse, keine Probleme»

Hat die Basisstufe wirklich nur Vorteile, oder gibt es vielleicht doch Schattenseiten? «Negativaspekte zu finden, bereitet uns Mühe», meint Ludwig. «Nennen könnte man vielleicht, dass man als Lehrperson keine eigene Klasse mehr führen kann oder dass für die Kinder die Auswahl an Gleichaltrigen kleiner ist, um Freundschaften zu schliessen.»

Als Knacknuss, aber nicht als Problem bezeichnen die Lehrerinnen etwa den Sportunterricht, «da die spielerischen Bedürfnisse und die körperlichen Voraussetzungen differieren». Und bei der Auswahl von Geschichten müsse man gut auf den Inhalt achten, sagt Ludwig. «Dieser muss sowohl für die Ältesten wie auch die Jüngsten spannend und verständlich sein.»

Bessere Integration möglich

Weniger schwierig als im Regelunterricht ist die Eingliederung sozial auffälliger oder fremdsprachiger Kinder. «In dieser Hinsicht haben wir bedeutend weniger Probleme als die Regelklassen», sagt Ludwig. Dies wohl, weil der Unterricht offener sei als in einer Jahrgangsklasse und die Kinder ihr Verhalten vermehrt selbst regulierten.

Was den Aufwand für die Unterrichtsvorbereitung anbelangt, sind sich die Lehrerinnen einig: «Anfangs gab es klar mehr zu tun, aber heute, nach ein paar Jahren Praxis, empfinden wir diese Unterrichtsform als sehr entlastend.» Voraussetzung sei aber, dass das Duo der Lehrkräfte menschlich harmoniere. Künftig sollen in der Schulanlage Buchsee mehrere Basisstufen geführt werden. «Wir haben die Gesuche eingereicht», sagt Ludwig.

Basisstufe braucht mehr Räume

«Wir möchten in Zukunft ausschliesslich Basisstufen führen, aber die Räumlichkeiten sind noch das Problem – baulich wie finanziell.» Der zusätzliche Schulraum verursache bei ihnen die grösste Kostendifferenz im Vergleich zur Regelklasse. Ansonsten sei die Basisstufe nur minim teuerer. Abschliessend betonen Ludwig und Fehlmann, dass eine Umstellung auf die Basisstufe in allen Bereichen durchaus zu bewältigen sei.

«Viele Lehrpersonen haben Respekt vor Neuem und wagen sich daher eher zurückhaltend an Unbekanntes.» Dies sei in Bezug auf die Basisstufe aber ihrer Meinung nach völlig unbegründet. (Der Bund)

Erstellt: 03.08.2012, 12:25 Uhr

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