Bern

Die Wurstbrotrevolution

Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 08.09.2012 4 Kommentare

Der Streit um das Kulturlokal Mühle Hunziken tobt weiter. Beim Saisonauftakt mit Polo Hofer hoffen die Gäste auf eine Schlichtung – und bangen um die Existenz ihres Heiligtums.

1/11 Saisonauftakt in der Mühle Hunziken. Mit dabei: Polo Hofer.
Bild: Thomas Reufer

   

Das Programm: Solide Werte

Es ist ein defensives Programm, das die Mühle-Betreiber ihren Gästen bieten. Die soliden Werte des inländischen Rockschaffens stossen aber auf grosses Interesse. Heute gibt Polo Hofer sein letztes von drei ausverkauften Konzerten. Auch die Tickets für die fünf (!) Patent-Ochsner-Gigs sind bereits vergriffen. Zu den Höhepunkten der Saison dürften auch die Lesungen von Komiker Emil zählen, Karten sind noch erhältlich.

Artikel zum Thema

Teilen und kommentieren

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Werbung

Sie ist weg, so viel steht fest. Und das genügt, damit Janine aus Bern jetzt ganz betrübt ins nackte Gebälk der Mühle Hunziken blickt. Die Flugsau müsse zurückkommen, sagt sie, an ihren angestammten Platz über der Bühne, wo sie die letzten Jahrzehnte das nationale und internationale Musizieren überwachte. Aber Heimkehren wird die Sau wohl nicht so bald. Entführt? Befreit? Abgemurkst? – Beim Saisonauftakt vom Donnerstagabend werden etliche Theorien zum Verbleib des dekorativen Schweins herumgeboten.

Alle fügen sich ein in dieses Urgefühl, dass sich das regionale Kulturheiligtum Mühle Hunziken in einem Umbruch befindet. Wie tief greifend er ist, das ist unsere Frage an diesem Abend. Die erste Erkenntnis: Unter Thomas Burkhart und Philipp Fankhauser, den neuen Betreibern, gibt es keine heilige Kuh – pardon, Sau mehr. Dafür ein eigens gebrautes «Mülibier», frisch designte Merchandise-Artikel und «Choripan», ein Brot mit grilliertem Chorizo.

«Die sollen das unter sich ausmachen»

Kurz nach 19.30 Uhr schiebt sich Thomas Burkhart vor der Mühle ein solches Wurstbrot in den Mund. Vor einem Jahr übergab Patron Peter Burkhart seinem Sohn und dem Bluesmusiker Philipp Fankhauser feierlich die Mühle. Nur wenige Monate später überwarf sich die neue Crew mit Mühli-Pesche. Was mit gegenseitigen Beschuldigungen begann, mündete bald in Diffamierungen, Klagen und Gegenklagen. Es geht um gebrochene Versprechungen, Familieninterna und um viel Geld.

Aussenstehende blicken da längst nicht mehr durch. Umso mehr ärgern sie sich. Bruno aus Bern und Heidi aus Worb, die an einem Tischchen auf den Konzertbeginn warten, sind da keine Ausnahme. Sie wollen nichts mehr hören von diesem Gschtürm. «Die sollen das unter sich ausmachen. Möglichst schnell und vor allem ohne Presse», sagt Heidi. Wenn es so weitergehe, werde es kein gutes Ende nehmen. «Ja, wir haben Angst um die Mühle», sagen sie. Bruno hat jetzt seine Konsequenzen gezogen: Erstmals seit zwanzig Jahren hat er seine Mühle-Hunziken-Mitgliedschaft nicht erneuert. «Ich bezahle meinen Beitrag erst wieder, wenn der Streit geklärt ist», sagt er. «Sonst geht mein Geld noch für die Anwälte drauf.»

Wurstbrot statt Crêpes

Eine rasche Lösung ist jedoch nicht in Sicht. Im Gegenteil. Man nehme etwa das Wurstbrot. Es ist ein Symbol. Seit eh und je werden in der Mühle Hunziken nur Crêpes aufgetischt, zubereitet von Thomas Burkharts Schwester Catherine, die mit den Einkünften aus der Crêperie ihren Lebensunterhalt bestreitet. Aber nun ist das Tischtuch zwischen den Geschwistern zerschnitten und die Wurstbrote von Thomas Burkhart hebeln das Verpflegungsmonopol seiner Schwester aus. Seit Frühling werden Besucher auf der von Thomas Burkharts Crew betreuten Mühle-Homepage zudem ermuntert, ihren Hunger auswärts zu stillen. Es gebe in der Umgebung «zahlreiche gute Restaurants».

Ein Wirt, der seine Gäste zu den Nachbarn schickt? Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um zu erkennen: Es ist die Verlängerung eines Familienzwists mit wirtschaftlichen Mitteln. Thomas Burkhart will jetzt essen, nicht reden. «Ich gebe keine Interviews», faucht er. «Ruf bei der Effingerstrasse an.» Dort befindet sich die Kanzlei seines Anwalts. Keine Frage: Die Nerven liegen blank.

Aber wie wirkt sich das auf die Mühle aus? Welche Stimmung finden die Besucher vor? Um es kurz zu machen: Die Mühle ist immer noch die Mühle. Krempelpalast und Spunten. Puppenstube und Bruchbude. Kleinod und Kneipe. Spukschloss und - später, als es gegen Mitternacht geht und ein launiger Polo Hofer sein «Alperose» anstimmt - Hexenkessel.

Wieder öfter kommen

Auch das Publikum ist dasselbe geblieben. Philipp Fankhauser hat keine Weinkenner, Whiskey-Connaisseurs und Zigarren-Aficionados angeschleppt, wie manche befürchteten. Das Lokal füllt sich stattdessen wie schon früher mit Mittdreissigern bis Mittfünfzigern aus der weiteren Region, die pünktlich anreisen in ihren Mittelklassewagen, die Jeans tragen, bunte Hemden oder T-Shirts von Rockbands aus den Siebzigern und die ihr Getränk direkt aus der Flasche trinken. Von etepetete keine Spur. Es sind Leute wie Hanna und German, die in der Konzertpause neben der Feuerschale auf dem Vorplatz stehen. Sie sind erstmals hier, seit die neuen Betreiber am Ruder sind. «Wir hatten Angst, dass die Mühle biederer geworden ist», sagt German. «Das ist zum Glück nicht der Fall.» Hanna und German wollen jetzt wieder öfter kommen - «wenn das Programm stimmt».

So oder ähnlich äussern sich viele Besucher. Sie schätzen das Musikprogramm (siehe Kasten). Sie erkennen ihre Mühle wieder, auch ohne Flugsau. Und sie lassen sich vom Streit in der Familie Burkhart das Vergnügen nicht nehmen, ihren Feierabend in dieser Ambiance zu geniessen. Jürg aus Düdingen sagt: «Die Burkharts sind mir egal. Ich komme wegen der Mühle und der Künstler.»

Helden oder Lausbuben?

So ist es die ironische Pointe dieses munteren Abends, dass ausgerechnet jene das Publikum an die leidige Familiensache erinnern, die stets den Neuanfang beschwören. Thomas Burkhart freut sich nicht auf eine neue Saison, sondern auf «meine Zweite als Chef, hähähä.» Philipp Fankhauser berichtet zum wiederholten Mal, dass er in Pesches Mühle achtzehn Jahre lang unerwünscht war. Da muss Polo Hofer natürlich nachziehen und das ihm widerfahrene Unrecht von neun Jahren Hausverbot beklagen. Urplötzlich scheint es da, als seien sich auch die Herren auf der Bühne ihrer Motive nicht mehr ganz sicher. Sind sie nun die Helden, die den bösen Drachen aus seiner Höhle gejagt haben? Oder die Lausbuben, die nach Schulschluss ins Lehrerzimmer schlichen, nur um eine alte Rechnung zu begleichen?

Adrian, Anfang fünfzig, steht später rauchend beim Bart-Simpson-Brunnen. Er ist seit Jahren ein regelmässiger Gast und blickt doch ganz pragmatisch auf die Mühle: «Es brauchte einen Spinner wie Mühli-Pesche, um etwas so Grossartiges aufzubauen. Aber es braucht keinen Spinner, um die Mühle von hier an weiterzuführen.» Vielleicht sollten sich die Streitparteien mal mit Hanna, German, Bruno, Heidi, Adrian oder Jürg unterhalten. Sie könnten einiges von ihnen lernen. (Der Bund)

Erstellt: 08.09.2012, 09:34 Uhr

4

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

4 Kommentare

Üelu Schlüchter

08.09.2012, 15:22 Uhr
Melden 5 Empfehlung 0

Alles hat ein Ablaufdatum, die Erde ist geprägt von Veränderungen. Altes bleibt bei den Alten in Erinnerung, Neues bei den Jungen. So dreht das Rad der Veränderung weiter, so soll es sein. Viele Menschen haben die Fähigkeit zu begeistern, doch nicht alle sind auf die gleiche Art und Weise zu begeistern. Mit einer Veränderung werden wieder andere begeistert sein. Gestern mahlten die Mühlen langsam. Antworten


Markus Heiniger

08.09.2012, 13:16 Uhr
Melden

Solange der Rechtsstreit noch tobt, wird sich in der Mühle nur wenig ändern. Die werden keine unnötigen oder risikoreichen Investitionen machen. Ist der rechtliche Teil aber abgeschlossen, denke ich, dass die neue Mühle erst beginnt. Vorsicht ist geboten beim Gutreden. Es ist noch viel Show. Antworten



Bern

Populär auf Facebook Privatsphäre


Fernstudiums-CAS an der FFHS

Holen Sie sich das juristische Fachwissen für einen Job in Compliance & Corporate Governance

BLS Schifffahrt Berner Oberland

Auf Deck scheint die Sonne am längsten.
Was gibt es Schöneres als die wohlverdienten Feierabendstunden auf dem Thunersee zu verbringen?

Online-Wettbewerb

Wir feiern - Sie profitieren. Einen Tag lang freie Fahrt ab CHF 25.- mit Bahn, Bus und Schiff im gesamten BLS-Gebiet.

WERBEN SIE ONLINE

Nehmen Sie Kontakt mit uns auf. Wir beraten Sie gerne.