Bern
«Die Revolution kam aus den Bergen»
Von Daniel Di Falco. Aktualisiert am 27.03.2012
Jon Mathieu (1952) ist in Bern geboren und aufgewachsen, lebt in Burgdorf und lehrt Geschichte an der Uni Luzern und an der ETH Zürich. Er ist Spezialist für die Geschichte der Alpen und die Wahrnehmung der Bergwelt. Sein letztes Buch «Die dritte Dimension. Eine vergleichende Geschichte der Berge in der Neuzeit» ist 2011 im Verlag Schwabe erschienen.
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Seit zwei Wochen blickt die Schweiz in einen Graben: Das Ja zur Zweitwohnungsinitiative wird als Bruch zwischen Städtern und Berglern gedeutet. Muss man sich Sorgen machen um den nationalen Zusammenhalt?
Überhaupt nicht. Auf der Ja/Nein-Karte der Kantone scheint das Bild zwar klar: hier das Flachland, dort die Berggebiete. Aber auf der Ebene der Bezirke und Gemeinden löst sich das Bild schon auf. Rund um Interlaken oder in Kandersteg wurde für die Initiative gestimmt, im Zürcher Unterland klar dagegen.
Den «Alpengraben», den Doris Leuthard ausgerufen hat, gibt es nicht?
Die politische Landschaft wird von feineren, komplexeren Mustern bestimmt. Wenn es einen solchen Graben gäbe, wäre die Initiative gar nicht angenommen worden.
Wieso?
Die Zustimmung im Flachland hätte nicht genügt. Das Resultat war knapp, es ging um 28'000 Stimmen – dabei kamen allein aus dem Wallis 32'000 Ja und aus Graubünden 25'000. Die Berggebiete gaben also den Ausschlag; sie hätten es in der Hand gehabt, die Initiative zu versenken.
Trotzdem ist die Rede von einem «Diktat der Städter». In einem Leserbrief heisst es: «Wir sollen für euch wohl Heidi und Peter in der heilen Bergwelt spielen.»
Es gibt solche Stimmen. Aber es gibt eben auch die anderen.
Im Satz über das Heidi-Dasein äussert sich das Unbehagen, die Idyllensucht der Touristen sei eine Glasglocke, unter der die Bergler zu wenig Luft bekämen.
Das romantische Ideal der Alpen ist mehr als nur eine Projektion der Städter. Die Leute in den Bergen haben auch selber dazu beigetragen und davon profitiert. Als sich der Zürcher Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer 1699 daran machte, mittels Fragebogen ein Bild des Lebens in den Alpen zu bekommen, da schwärmten die Bündner von ihren Alpweiden als «Goldgruben», obwohl das Gras dort ausgesprochen spärlich wuchs. Und solche Bemühungen um Selbstaufwertung gab es vielerorts.
Gerade unter den Historikern herrscht allerdings die Ansicht vor, die Alpenromantik sei eine Erfindung aus den Städten.
Man hat sich das lange so gedacht, als eine Art kulturelle Kolonialisierung. Doch so pauschal stimmt das auf keinen Fall. Wenn man sich ansieht, was die Älpler selber über das Leben in den Alpen sagen, dann merkt man, dass viele positive Zuschreibungen aus den Bergen selber stammten, bevor sie dann im Unterland verstärkt und verbreitet wurden.
Und heute – könnte es nicht sein, dass die Glasglocke schwerer drückt? In der Migros gibt es «Heidi-Milch», die Swissness lebt vom Alpenkitsch.
Ich sehe da eher eine Kontinuität als ein historisch neues Phänomen.
Es hat sich in jüngster Zeit also nichts geändert in unserem Verhältnis zu den Bergen?
Doch. Ein klarer Wandel fand nach 1970 statt, mit der «ökologischen Wende». Da entstand ein neuartiges Umweltbewusstsein, und davon wurde auch das Gebirge berührt. Es wurde nun auch als Umweltthema wahrgenommen.
Das war es zuvor nicht?
Es gab die Naturschützer, die sich um die Intaktheit der Landschaft sorgten und einzelne Areale vor der Zivilisation bewahren wollten. So entstand etwa der Nationalpark im Unterengadin. Umweltschutz dagegen bedeutete, die gesamte Bergwelt als gefährdetes Ökosystem zu verstehen. Die Schweiz war damit ausserordentlich erfolgreich.
Inwiefern?
Es war die Schweiz, die am UNO-Umweltgipfel in Rio de Janeiro 1992 dafür sorgte, dass die Berge zum globalen Umweltthema wurden: Sie bekamen in kurzer Frist ein eigenes Kapitel in der «Agenda 21», der Umweltverfassung der Vereinten Nationen, und wurden als Gross-Ökosystem anerkannt wie früher schon die Ozeane, die Wüsten oder die Regenwälder. Hinter diesem Überraschungserfolg standen die Schweizer Diplomatie und eine Gruppe besorgter Wissenschaftler um den Berner Geografen Bruno Messerli. Ohne ihre Initiative hätte es auch das Internationale Jahr der Berge nicht gegeben, das die UNO 2002 ausgerufen hat.
Warum war es gerade die Schweiz? Andere Länder haben auch Berge.
Sogar mehr Berge und auch höhere. Allerdings schien die Schweiz, die die Alpen seit zweihundert Jahren als Markenzeichen führt, besonders legitimiert, im Namen der Berge aufzutreten. Sie hat andere Gebirgsländer wie Indien, China oder auch die USA politisch überzeugen können und ein globales, ökologisch fundiertes Bergbewusstsein vorangebracht.
Könnte es sein, dass diese Entwicklung die Schweizer Bergler überfahren hat? Ökologie ist ein urbanes Denken.
Das sehe ich anders. Es gibt auch grüne Bergler, und schon die internationale Alpenschutz-Konvention von 1991 hat viele Gemeindepolitiker beflügelt. Das Bild, wonach die Borniertheit in den Alpen wohne, ist schief. Der Fortschritt war immer auch in der Höhe daheim.
Beispielsweise?
Das erste elektrische Licht der Schweiz brannte in St. Moritz, die erste Gemeinde mit dem Frauenstimmrecht war Unterbäch im Oberwallis. Etwas weiter zurück: Zwingli, der Zürcher Reformator, wetterte zwar gegen die verstockten Bergler – trotzdem waren bald zwei Drittel der Bündner Protestanten. Und die ersten Zusammenkünfte der Französischen Revolution fanden nicht in Paris statt, sondern in der Dauphiné in den Westalpen.
Die Innerschweiz und beide Appenzell liegen bei Abstimmungen regelmässig rechts der Mitte.
Ich bin kein Politologe, aber das hat wohl mehr mit dem Röstigraben zu tun und damit, dass diese Kantone die Deutschschweiz in dieser Konstellation am deutlichsten vertreten. Wo wurde Blochers SVP zur stärksten Partei der Schweiz? Das war nicht in den Bergen, sondern in den Agglomerationen, vor allem im Kanton Zürich. Politische Haltungen bilden sich eben nicht mit Höhenmetern aus.
In der Diskussion über die Zweitwohnungsinitiative hat sich gezeigt, dass sich viele Bewohner der Berggebiete schon länger als Verlierer sehen. Sie klagen über die Schliessung von Spitälern und Poststellen und sehen sich vom Staat im Stich gelassen.
Dahinter steht in der Tat ein epochaler Wandel. Um 1500 lebte die Hälfte aller Schweizer in den Bergen, um 1900 war es noch ein Viertel, und mittlerweile sind es nochmals weniger. Die Bevölkerung verschiebt sich vom Gebirge ins Flachland, nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit. Damit ändern sich langfristig auch die Gewichte in der Debatte über die Berge.
Nämlich?
Erinnern Sie sich an die «alpinen Brachen»? Vor wenigen Jahren schlug eine Architektengruppe vom ETH-Studio Basel vor, weite Teile der Alpen wegen «mangelnder Wertschöpfung» sich selber zu überlassen, und bekam damit viel Echo.
Man hört, die Schweiz könne sich die heutige Infrastruktur in den Randregionen und die dezentrale Versorgung nicht mehr leisten.
Es kommt aufs Wollen an. Den grössten Teil der Subventionen richtet die öffentliche Hand im Unterland aus, nicht etwa in den Bergen. Und im Verhältnis zum Zürcher Opernhaus ist das Safiental unglaublich billig. So legitim es ist, eine ordentliche ÖV-Versorgung für die Agglomerationen zu verlangen, so legitim ist es, wenn die Bevölkerung in den Bergen ihre Lebenswelt verteidigt. Auf ihre Bedürfnisse sollte man hören.
Auch wenn sie ins Flachland abwandert?
Ein Staat besteht nicht nur aus einer Bevölkerung, sondern auch aus einem Territorium, das gepflegt sein will. Zwei Drittel der Schweiz sind Berggebiete, und da hat es keinen Sinn, das Urbane gegen das Alpine auszuspielen. Fortschrittlich an der modernen Schweiz war gerade die Verbindung von Städtebildung und dezentraler Entwicklung. Das machte sie politisch, aber auch ökonomisch so erfolgreich. (Der Bund)
Erstellt: 27.03.2012, 10:03 Uhr
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