«Die Führungskräfte verbringen nicht genügend Zeit auf der Anlage»

Die Atomaufsicht Ensi setzt der BKW eine Frist bis Ende September, um Sicherheitsmängel beim Betrieb des AKW Mühleberg 
zu beheben – Inspektoren hatten die Behebung dieser Mängel bereits 2012 angemahnt.

BKW muss Sicherheitsmängel beim AKW-Betrieb in Mühleberg beheben.

BKW muss Sicherheitsmängel beim AKW-Betrieb in Mühleberg beheben. Bild: Manu Friederich

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Die BKW darf Mühleberg noch bis 2019 betreiben, falls sie Nachrüstungen vornimmt – und falls die Risse im Kernmantel nicht zu stark wachsen. So hat es das Eidgenössische Nuklearsicherheits­inspek­torat (Ensi) Ende Januar entschieden. Diverse weitere Punkte sind allerdings nach wie vor hängig. So auch die Behebung von einigen der Sicherheitsmängel, welche Inspektoren der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) schon im Herbst 2012 im AKW festgestellt hatten. Die IAEA-Inspektoren prüften in der sogenannten Osart-Mission den alltäglichen Betrieb im AKW. Gestern teilte das Ensi mit, dass es der BKW eine Frist bis Ende September setze, um die letzten 4 von ursprünglich 21 Empfehlungen umzusetzen.

Dass es sich bei den vier noch offenen IAEA-Empfehlungen um gewichtige Mängel beim AKW-Betrieb handelt, zeigt die Auflistung in der Ensi-Mitteilung:

  • «Die Führungskräfte verbringen nicht ausreichend Zeit auf der Anlage», um den Zustand des AKW und die Arbeitsplätze zu beobachten, sowie «zur Anleitung von Mitarbeitern und zur Kommunikation und Durchsetzung der Erwartungen der Führungskräfte».
  • «Das Programm zur Arbeitssicherheit stimmt nicht mit den guten Branchenstandards überein.»
  • Änderungen im AKW würden «nicht ausreichend im Detail nachverfolgt».
  • Das Kraftwerksmanagement unterstütze und fördere das Programm zur Auswertung der Betriebserfahrungen nicht konsequent genug. Dies behindere, «dass der Erfahrungsrückfluss in der ganzen Anlage angewendet wird».
Die Befunde sind bekannt, da die IAEA-Inspektoren diese und weitere Mängel bereits bei ihrem Besuch in Mühleberg 2012 festgestellt hatten. Im März 2014, also vor der Volksabstimmung über die Initiative «Mühleberg vom Netz», sagte BKW-Verwaltungsratspräsident Urs Gasche im Interview mit dem «Bund», die BKW habe die IAEA-Empfehlungen «alle umgesetzt».

«Unangebrachtes Verhalten»

Dies sahen die IAEA-Inspektoren anders, als sie Mühleberg nach der Abstimmung erneut unter die Lupe nahmen. Nur gut die Hälfte der 21 Kritikpunkte sei behoben. Bei 10 weiteren Punkten kons­ta­tier­ten die Inspektoren zwar «zufriedenstellende Fortschritte» – aber auch weiteren Handlungsbedarf. Bei ihrer zweiten Inspektion rügten die IAEA-Experten zusätzlich «unangebrachte Verhaltensweisen im Hauptkontrollraum» des Atomkraftwerks. So standen dort Getränke neben Computern und Operateure liessen in zwei Fällen die Bildschirme mit den für das AKW relevanten Parametern aus dem Blick. Der Lärmpegel war hoch und es gab (innerhalb der Anlage) keine Zutrittsbeschränkungen zum Kommandoraum.

Bemerkenswerterweise mass die BKW diesem neuen Kritikpunkt «keine sicherheitstechnische Bedeutung zu» – und offensichtlich hat das Ensi dies akzeptiert. Ebenso gelten 6 der 10 offenen Punkte in der Zwischenzeit als erledigt. Bei den vier letzten Punkten fordert das Ensi nun die Erledigung «bis spätestens Ende September». Insgesamt gewährt das Ensi der BKW also drei Jahre Zeit, um die Empfehlungen der IAEA-Inspektoren vollständig umzusetzen.

Kritik an langsamer Umsetzung

Zu lange für Jürg Joss von der Organisation Fokus Anti-Atom: «Es ist ein Skandal, dass das Ensi so viel Zeit braucht, um die Behebung von organisatorischen Mängeln in Mühleberg durchzusetzen.» Gerade in alten AKW sei eine rasche Behebung von Mängeln wichtig, «weil die Strahlenbelastung für das Personal ohnehin höher ist als in neuen AKW».

Die BKW betonte auf Anfrage, sie werde «die noch offenen Empfehlungen fristgerecht umsetzen». Die Massnahmen seien schon in der Umsetzung. Allerdings wird die BKW erst im Juli «abschliessend» beurteilen können, ob die Massnahmen auch wirksam sind. Falls dem nicht so sein sollte, wären wohl weitere Verzögerungen zu erwarten. (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 24.02.2015, 07:02 Uhr)

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