Die Frauenliste machte die SP zur Frauenpartei

Seit 1987 tritt die Berner SP mit einer Frauen- und einer Männerliste an. Im Verlauf der Jahre ist der Stimmenanteil der Frauenliste gewachsen. Auch 2015?

Die SP-Frauen des Kantons Bern am Samstag, 15. August, an einer Wahlveranstaltung in Bern.

Die SP-Frauen des Kantons Bern am Samstag, 15. August, an einer Wahlveranstaltung in Bern. Bild: Keystone

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Bei der SP gab es am Abend des 23. Oktober 2011 grosse Aufregung. Noch bevor die definitiven Ergebnisse der Nationalratswahlen im Kanton Bern vorlagen, hiess es, die Bisherige Margret Kiener Nellen sei abgewählt worden. Nun, die Nachricht war doppelt falsch. Nicht die SP, sondern die Schweizer Demokraten mussten einen Sitzverlust hinnehmen. Und wenn die SP eines ihrer sechs Mandate verloren hätte, wäre der Verlust zulasten der SP-Männerliste gegangen, die deutlich weniger Stimmen holte als die SP-Frauenliste. Ein Sitzverlust für die Sozialdemokraten hätte also bedeutet, dass Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät, der später für den in den Ständerat gewählten Hans Stöckli nachrückte, sich heute nicht über Nationalratswürden freuen könnte.

Von 38 auf 121 Prozent

Seit den Nationalratswahlen 1987 tritt die SP im Kanton Bern mit einer Frauen- und einer Männerliste an, und was sich in dieser Zeitspanne getan hat, ist bemerkenswert: Wie die Grafik zeigt, kam die Frauenliste 1987 nur gerade auf 38 Prozent der Stimmen der Männerliste. Vier Jahre später resultierten für die SP-Frauen etwa halb so viele Stimmen (53 Prozent) wie für die Männer, 1995 bereits mehr als zwei Drittel (71,3 Prozent). Der Abstand verringerte sich auch 1999 weiter, und 2003 kam die Frauenliste auf 101,8 Prozent der Männerliste – die Frauen hatten die Männer erstmals übertrumpft. 2007 steigerte sich die Frauenliste nochmals, und bei den Wahlen 2011 erreichte sie gar 121,3 Prozent der Stimmen der Männerliste.

Doch noch nicht überall im Kanton Bern wird die SP-Frauenliste der Männerliste vorgezogen. Das zeigt die Tabelle: Im Wahlkreis Berner Jura entfielen auf die Frauenliste bei den Wahlen 2011 bloss 66,1 Prozent der Stimmen für die Männerliste, und auch in den Wahlkreisen Oberaargau und Biel war die Männerliste stärker. An der Spitze der Frauenfreundlichkeit steht auf der andern Seite der Wahlkreis Bern-Mittelland, wo die Frauenliste 141 Prozent der Stimmen für die Männerliste holte.

Frauenmehrheiten ab 1999

Dieses Resultat überrascht kaum. Zum einen stammten die drei damals gewählten Ursula Wyss, Evi Allemann und Margret Kiener Nellen aus diesem Wahlkreis, und zum andern kann vermutet werden, dass Frauen in einem städtisch geprägten Milieu wohl besser abschneiden als auf dem Land. Überraschend ist unter diesem Aspekt aber die Tatsache, dass die Frauenliste vor vier Jahren auch in den drei Wahlkreisen des Oberlands, Frutigen-Niedersimmental, Obersimmental-Saanen und Interlaken-Oberhasli, die Männerliste hinter sich liess.

Die Herkunft spielt auch bei den Männern eine Rolle. So ist das gute Abschneiden der Männerliste im Berner Jura und in Biel (und damit die Schwäche der Frauenliste) wohl damit zu erklären, dass mit Stöckli ein mit dieser Region verbundener Bisheriger kandidierte.

Neue Sitzverteilung 2015?

Das allmähliche Erstarken der Frauenliste über die Jahre hinweg lässt sich auch an den Ergebnissen in den früheren 26 Amtsbezirken (die bis 2007 auch die Wahlkreise waren) darstellen: Bei den Nationalratswahlen 1987, 1991 und 1995 war die SP-Männerliste jeweils in allen 26 Amtsbezirken stärker als die Frauenliste. 1999 gab es erstmals in vier Amtsbezirken mehr Stimmen für die Frauenliste (in Schwarzenburg, Bern, La Neuveville, Erlach). 2003 gehörten bereits 12 der 26 Amtsbezirke in diese Kategorie (Schwarzenburg, Erlach, Bern, Trachselwald, Laupen, Aarberg, Saanen, Konolfingen Frutigen, Seftigen, Fraubrunnen, Burgdorf), und 2007 übertrumpfte die Frauenliste die Männerliste in 17 der 26 Amtsbezirke.

Für die bevorstehenden Wahlen 2015 ist zu vermuten, dass sich die Entwicklung der SP zur Frauenpartei fortsetzt. Wenn sich das Verhältnis der Frauenliste zur Männerliste allerdings weiter zuungunsten der Männer entwickelt, werden die Männer früher oder später die Zeche bezahlen, das heisst, das Verhältnis zwischen Frauen und Männern von heute 3:3 im Nationalrat wird sich – bei gleich bleibender Mandatszahl – in ein 4:2 für die SP-Frauen verwandeln. Diese Neuverteilung würde allerdings erst dann Realität, wenn die Frauenliste auf 134 Prozent der Stimmen für die Männerliste käme. (Der Bund)

Erstellt: 29.09.2015, 07:28 Uhr

Der Stimmenanteil der Frauenlisten seit 1987 und nach Wahlkreisen (klicken zum Vergrössern).

Die Philosophie der Listen

Was passiert, wenn mit einer leeren (unbedruckten) Liste gewählt, die Liste aber nicht vollständig mit Namen ausgefüllt wird, der genaue Adressat somit unklar bleibt? Wenn also zum Beispiel im Kopf der Liste nur «SP» statt «SP-Frauen» oder «SP-Männer» steht? Für diesen Fall müssen die Parteien eine «Hauptliste» bestimmen.


Das ist per Definition die Liste mit der tieferen Listennummer. In den kommenden Wahlen vom 18. Oktober ist das die SP-Frauenliste mit der Listennummer 3. Nebenlisten der SP sind die Männerliste (Nr. 4), die Liste der Frankophonen (Nr. 5) und die Liste der Jusos (Nr. 6). Seit 1987, seit es die Frauenliste gibt, wurde die SP-Frauenliste dreimal als Hauptliste geführt (in den Jahren 1987, 2007, 2011). Die Männerliste wurde in den übrigen vier Wahljahren als Hauptliste geführt.


Wie stark eine Liste einer Partei vom Status «Hauptliste» profitiert, lässt sich höchstens an der Zahl der Zusatzstimmen ablesen, das heisst an den Stimmen, die nicht an die Kandidatinnen oder Kandidaten gebunden sind. Im Jahr 2011 holte die SP-Frauenliste als Hauptliste mit 94?689 Stimmen gegenüber 84?370 Stimmen auch mehr Zusatzstimmen als die Männerliste, was aber in diesem Ausmass zu erwarten war, weil die Frauenliste die stärkere der beiden Listen war – siehe oben. Dieser Vergleich der Zusatzstimmen lässt den Schluss zu, dass es keine grosse Rolle spielt, welche von mehreren Listen zur Hauptliste bestimmt wird.
(bur)

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