Die «Blache» auf dem Dach des AKW

Viele Sicherheitsprobleme von Mühleberg hat das Ensi erst nach Fukushima ernst genommen. Gemäss den Plänen der BKW soll das AKW bis 2019 laufen, ohne dass diese grundlegend behoben würden.

Die BKW will nichts gegen Sicherheitsprobleme vom AKW Mühleberg unternehmen.

Die BKW will nichts gegen Sicherheitsprobleme vom AKW Mühleberg unternehmen. Bild: Valérie Chételat

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Blumige Umschreibungen, aber wenig Information gab es am Mittwoch vonseiten der BKW zu den geplanten Verbesserungen der Sicherheit von Mühleberg. Warum für einen Betrieb bis 2019 weniger Investitionen in die Sicherheit nötig sind als für eine Laufzeit bis 2027, umschrieb BKW-Präsident Urs Gasche gegenüber Radio SRF so: «Wenn es in einem Haus durchs Dach regnet, das Sie in zwei Jahren abreissen wollen, dann können Sie es mit einer ‹Blache› abdecken und haben Ruhe. Wenn Sie es aber Ihren Kindern vererben wollen, dann brauchen Sie ein neues Ziegeldach.»

Man kann die Sache auch anders sehen: Die BKW will Nachrüstungen nicht vornehmen, welche das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) bis 2017 gefordert hat. Die stattdessen vorgesehenen kleineren Nachrüstungen müssten demnach ausreichend sein, um zwei Extra-Betriebsjahre bis 2019 zu rechtfertigen. Wie sehen die von Gasche als «Blache» umschriebenen Massnahmen aus? Auf Anfrage verriet die BKW gestern ein bisschen mehr, wie sie die vom Ensi geforderten Nachrüstungen durch billigere Lösungen ersetzen will.

Nicht mehr bauen will die BKW die ursprünglich vorgesehene neue Kühlwasserleitung zur Saane, welche die Kühlung von der Aare unabhängig machen soll. Stattdessen, so teilt sie auf Anfrage mit, prüfe sie «verschiedene Lösungsansätze». So einen besseren Anschluss an ein bestehendes Wasser-Hochreservoir. Das Problem: Dieses ist nicht erdbebenfest. Ebenfalls problematisch sind weitere sogenannte Unfallmanagement-Massnahmen. Denn solche erfordern das aktive Eingreifen von Menschen, was diese gefährdet. Bereits jetzt hat die BKW als letzte Massnahme zur Notkühlung vorgesehen, dass Feuerwehrleute Wasser über neu installierte Anschlüsse in den Reaktor pumpen.

Ensi-Philosophie infrage gestellt

Quer zur Sicherheitsdoktrin des Ensi steht die Begründung der BKW für den Verzicht auf eine neue, von der Aare unabhängige Kühlleitung. Der Stresstest der EU zur AKW-Sicherheit habe gezeigt, «dass eine unabhängige Kühlwasserversorgung international als beste Praxis gilt und nicht als zwingend nötig». Nun ist es aber gerade der Stolz der schweizerischen Atomaufsicht, dass sie auch Nachrüstungen zur Verbesserung der Sicherheit über das absolute Minimum hinaus anordnen kann. Da die AKW in der Schweiz relativ alt sind, wird dies immer wichtiger, um die zunehmende Alterung zu kompensieren. Zudem haben alle anderen AKW ausser Mühleberg in der Schweiz eine zweite Kühlwasserquelle.

Kurze Rückblende: AKW-Gegner hatten bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten eine von der Aare unabhängige Kühlung in Mühleberg gefordert. Doch das Ensi verlangte dies erst nach Fukushima. Nach dem Unfall sei «die Sensibilisierung auf mögliche Verstopfungen von Wassereinläufen gewachsen», begründet das Ensi auf Anfrage seine späte Erkenntnis. Die BKW schlug in der Folge immer neue Varianten vor: zuerst einen kleinen Kühlturm, dann eine Palette verschiedener Optionen, schliesslich die Wasserleitung zur Saane – und nun wieder etwas völlig anderes. Nicht nur die immer neuen Varianten der BKW führten zu Verzögerungen. Auch das Ensi selber verschob die Frist von «allerspätestens 2015» auf 2017.

In Fukushima schmolzen gebrauchte Brennstäbe, weil das Wasser in den Lagerbecken verdampfte. Auch für die Lösung dieses Problems sucht die BKW «neue Optionen». Immerhin: «Sicher» sei, schreibt die BKW, «dass die gewählte Lösung erdbebenfest sein wird». Dass auch hier noch diverse Lösungen offen sind, relativiert jedoch das stärkste Argument der BKW für bescheidenere Nachrüstungen: dass sie rasch installiert und funktionstauglich sein sollen.

Bleibt der «Konstruktionsfehler»?

Eine der Auflagen des Ensi sollte korrigieren, was AKW-Gegner schon seit 1991 als «Konstruktionsfehler» des AKW kritisieren: Alle Notkühlpumpen befinden sich unterhalb eines mit Wasser gefüllten riesigen Rings – was die Pumpen bei Lecks überfluten könnte. Zudem fehlen Brandabschnitte.

2011 forderte auch das Ensi Massnahmen. Vorgesehen war ein neues System – das die BKW nun ebenfalls nicht bauen will. An dessen Stelle sollen nicht näher umschriebene «Massnahmen zur Erhöhung des Feuer- und Überflutungsschutzes» treten. Das Ensi betont, dass es von der BKW eine neue Nachrüstplanung für den Betrieb bis 2019 fordert. Die Atomaufsicht will diese prüfen und «zu gegebener Zeit dazu Stellung nehmen». (Der Bund)

(Erstellt: 01.11.2013, 07:13 Uhr)

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