Der neue Mann will auch ein bisschen Papa sein

Nach der Frauenquote wird der Ruf nach einer Teilzeit-Quote für Männer laut. Die Realität zeigt: Teilzeitarbeit verhilft Männern zu Lebensqualität – aber auch zu einem Karriereknick.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn Lotta und Pelle um halb vier von der Schule kommen, wartet zu Hause Marcel Schor auf sie. Auch als August um 11.30 Uhr aus dem Kindergarten kam, war Papa Schor schon bereit. Er führt mit zwei Kollegen ein Kommunikationsbüro in Bern. Dies in einem 60-Prozent-Pensum, das er auf die ganze Woche verteilt. Die restliche Zeit umsorgt er den Nachwuchs und kümmert sich um den Haushalt. Er geht einkaufen, kocht das Mittagessen und verknurrt die Kinder zum Zimmeraufräumen.

Schor ist kein Einzelfall. Ein Mann mit Kinderwagen erntet heute kaum noch erstaunte Blicke. Freitags, so sagt man, sind die Stadtberner Spielplätze gar fest in Männerhand. Und: Es sind nicht nur gut verdienende Kopfarbeiter, welche die aktive Vaterrolle entdeckt haben. Auch Handwerker, Beizer und Verkäufer hegen heute selbst wochentags ihre Kinder.

Das Bundesamt für Statistik (BFS) liefert Zahlen für das Offensichtliche. Der Anteil Teilzeit arbeitender Männer hat sich in den letzten 20 Jahren fast verdoppelt und lag 2013 bei 14 Prozent. Gleichstellungsfachleute möchten diese Entwicklung beschleunigen. Argumentiert wird aus zwei unterschiedlichen Perspektiven. So ist man etwa bei Männer.ch, dem Dachverband der Männer- und Väterorganisationen, überzeugt, dass sich die Lebensqualität von Männern steigert, wenn die Männerrolle mit fürsorglichen Elementen angereichert wird und sich nicht mehr ausschliesslich aus der Arbeit speist.

Eher feministisch orientierte Fachleute betonen einen anderen Aspekt: Wenn mehr Männer Betreuungsaufgaben übernehmen, können Frauen ihre Kenntnisse verstärkt in die Arbeitswelt einbringen.

Eine gewisse Umschichtung der Arbeit zwischen den Geschlechtern ist nicht nur der unheilige Wunsch von Gleichstellungsfachleuten, sondern liegt auch im erklärten Interesse vieler Schweizerinnen und Schweizern. Gemäss dem BFS möchten Frauen mit Betreuungsfunktionen eher das Pensum erhöhen, während Väter tendenziell lieber weniger arbeiten wollen. Eine Studie von Pro Familia kommt gar zum Ergebnis, dass 90 Prozent der Männer ihre ­Arbeitszeit reduzieren möchten und mehrheitlich auch bereit wären, Lohn­einbussen in Kauf zu nehmen.

Teilzeitquote gefordert

«Natürlich ist schnell gesagt, dass man gerne mehr Zeit für die Kindererziehung hätte», sagt die grüne Nationalrätin Aline Trede. Doch dass mehr Männer Teilzeit arbeiten möchten, als es tun, stehe ausser Frage. «Es fehlt aber am ­Angebot von Teilzeitstellen.» Viele Arbeitgeber assoziierten Teilzeitarbeit – gerade bei Männern – nach wie vor mit mangelnder Leistungsbereitschaft. Um zumindest Druck auf den Bund als Arbeitgeber zu machen, hat Trede eine Motion zum Thema eingereicht. Sie fordert darin, dass 20 Prozent der Stellen in der Bundesverwaltung an Teilzeit arbeitende Männer vergeben werden. «Ich könnte mir auch eine Quote für grössere Unternehmen vorstellen», sagt sie. Eine solche hätte aber noch weniger Chancen, angenommen zu werden, als ihre Forderung in aktueller Form.

Umstritten ist die Frage, inwiefern es überhaupt möglich ist, Teilzeitarbeit auch für Führungskräfte anzubieten. Trede verweist auf mehrere Beispiele und sagt, dass es höchstens am Willen der Unternehmen scheitert. «Wer so etwas behauptet, hat noch nie in einer Führungsposition gearbeitet», entgegnet Adrian Haas, Direktor des Handels- und Industrievereins Bern (HIV). Haas sieht in Sachen Teilzeitarbeit keinen Handlungsbedarf. Die Schweiz stehe im europäischen Vergleich schon gut da, sagt er. «Gegen Quoten wehre ich mich vehement.» Aber auch Appelle zur Teilzeitarbeit seien in Zeiten von Fachkräftemangel problematisch. «Wir sollten nicht die Vollzeit arbeitenden Fachkräfte dazu animieren, nur noch Teilzeit zu arbeiten, weil wir für den Wegfall der Arbeits­kapazität dann keinen Ersatz finden.»

Eine vom Bund finanzierte, schweizweite Kampagne macht zurzeit aber genau das. Sie nennt sich «Teilzeit-Mann» und tingelt von Unternehmen zu Unternehmen, um Arbeitnehmende und Personalverantwortliche von Teilzeitarbeit zu überzeugen. Dabei arbeitet die Kampagne mit sogenannten Vorbild-Männern. Einer dieser Vorbild-Männer ist Jürg Stucki, 58, aus Bern. Nachdem er mit seiner neuen Frau ein weiteres Kind erhalten hatte, beendete er seine Bank-Karriere. «Diesmal wollte ich die Vaterrolle in einer neuen Dimension erleben», sagt er. Jetzt arbeitet er als selbstständiger Finanzexperte, richtet sich «Papa-Tage» ein und verschafft damit seiner Frau Raum für ihre eigenen Aktivitäten. «Seither ist mein Lebensgefühl viel entspannter.»

Waldspaziergänge statt Einkäufe

Frauen kann so eine Rhetorik befremden. Sie arbeiten meistens nicht Teilzeit, weil sie sich ein «entspannteres Lebensgefühl» erhoffen, sondern weil der grösste Teil der Erziehungsarbeit nach wie vor an ihnen haften bleibt. Aus kulturellen Gründen, aber auch, weil es sich meistens um die Frau handelt, wenn nach der Geburt eines Kindes der Elternteil zu Hause bleibt, der weniger verdient. Auch der eingangs erwähnte Marcel Schor muss manchmal schmunzeln, wenn sich gewisse Männer als aktive Väter rühmen. Oftmals beschränkten sich diese nämlich auf einen Papa-Tag pro Woche. «Dann gehen sie am freien Tag mit den Kindern in den Wald Pfeilbogen schnitzen und schwärmen von der tollen Zeit, die sie mit dem Nachwuchs erleben.»

Die alltäglichen Routinearbeiten wie einkaufen, putzen und bei den Hausaufgaben helfen trügen aber relativ wenig zur Selbstentfaltung bei. Die Nähe zur Familie, die sich aber dadurch ergebe, möchte er nicht missen – ebenso wenig wie seine Berufstätigkeit.

Lesen Sie hier, wie fünf Elternpaare ihre Haus- und Erwerbstätigkeit aufgeteilt haben – oder weshalb sie sich dagegen entschieden haben, es zu tun. (Der Bund)

(Erstellt: 29.11.2014, 12:37 Uhr)

Umfrage

Arbeiten Sie teilzeit?

Ja, eine Vollzeitstelle kommt für mich nicht infrage

 
78.6%

Ja, aber ich würde gerne mehr arbeiten

 
7.1%

Nein, in meinem Job ist das nicht denkbar

 
4.8%

Nein, aber ich möchte gerne

 
9.5%

42 Stimmen


Artikel zum Thema

«Jetzt kann ich im Familienalltag zusätzliche Kompetenz beweisen»

Teilzeitarbeit für den Mann: ja oder nein? Fünf Elternpaare erzählen, wie sie die Erwerbs- und Familienarbeit aufteilen – oder was sie daran hindert, es zu tun. Mehr...

Sponsored Content

Erdbebengefahr Schweiz

Hauseigentümer sollten sich besser vor Schäden an Gebäuden absichern.

Kommentare

Werbung

Immobilien

Die Welt in Bildern

Eis und Staub: Der Chasma Boreale Canyon am Mars-Nordpol gräbt sich 1400 Meter tief und 560 Kilometer weit durch Sand und Eis. Das Bild wurde rekonstruiert aus Datensätzen von der NASA-Mars-Mission «Odyssey». (28. Mai 2016)
(Bild: EPA/NASA/JPL/ARIZONA STATE UNIVERSITY/ R. LUK ) Mehr...