Der Dreikönigskuchen 
und sein unbekannter Schöpfer

Jung und Alt erfreut sich am Brauch des 6. Januar. Doch nur die wenigsten wissen: Wiederbelebt wurde der zwischenzeitlich vergessene Brauch vom Berner Brotforscher Max Währen.

Dreikönigskuczhen in der Konditorei Reinhard, wo man auch Exemplare mit zwei Königen kaufen kann.

Dreikönigskuczhen in der Konditorei Reinhard, wo man auch Exemplare mit zwei Königen kaufen kann. Bild: Adrian Moser

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Auch dieses Jahr werde man von den Käufern regelrecht überrannt, so Petra Guldimann, Filialleiterin der Bäckerei-Konditorei Reinhard im Bahnhof Bern. Seit vergangenem Samstag bis zum heutigen Dreikönigstag sind die Dreikönigskuchen im Sortiment. In allen Filialen verkauft Reinhard rund 8000 Kuchen, wovon etwa 4800 Stück auf den Standort am Bahnhof entfallen, auch weil die am Nachmittag frisch hergestellten Dreikönigskuchen teilweise um 18.30 Uhr von den Filialen Marktgasse und Spitalgasse in den Bahnhof gebracht werden, wo die Filiale unter der Woche bis um 21 Uhr geöffnet hat.

Um den Ansturm zu bewältigen, betreibt Reinhard am Dreikönigstag nur wenige Schritte von der Filiale entfernt einen zusätzlichen Stand am Treffpunkt im Bahnhof Bern. Produktion und Verkauf richtet man auf die Pendlerzeiten aus. So sind die Stosszeiten morgens von 6.30 Uhr bis 9.15 Uhr und Nachmittags nach 15 Uhr. Zwischendurch gibt es ruhigere Phasen, aber gerade wenn die Züge ankommen, habe man im Verkauf alle Hände voll zu tun, so Filialleiterin Guldimann.

Eine Wiederauferstehung

So sehr es sich beim Dreikönigskuchen um einen Verkaufsschlager und ein breit im Volk verankertes Ritual handelt, das Brauchgebäck mit seinen Ursprüngen im alten Rom fristete in der Schweiz über Jahrhunderte ein Schattendasein. Wiederenteckt und popularisiert wurde der Dreikönigskuchen vom Berner Versicherungsbeamten Max Währen (1919–2008), welcher für die in seiner Freizeit betriebene Forschungen in der Brot- und Gebäckkunde 1979 den Ehrendoktortitel der ETH Zürich erhielt.

Der an den Universitäten Basel und Zürich tätige Brauch- und Ritualforscher Konrad Kuhn schreibt in einem eigens dem Brauchgebäck des 6. Januars gewidmeten wissenschaftlichen Beitrag, dass Währen den Dreikönigskuchen seit früher Jugend vom Bild eines holländischen Malers über dem elterlichen Sofa kennt. Der passionierte Gebäckforscher bedauerte nicht nur die faktische Nichtexistenz des Brauches in der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern setzte sich selbst für die Wiederbelebung des uralten Brauchs ein.

Der verkaufstüchtige Idealist

Wie die Stiftung Brotkultur Schweiz in einer Mitteilung schreibt, liess Währen die Luzerner Bäcker-Fachschule Richemont das bis heute bewährte und beliebte Rezept für einen süssen Kuchen aus Hefeteig kreieren. Versuche, den Kuchen mit einem Artikel in der «Neuen Zürcher Zeitung» zu lancieren, schlugen zunächst fehl, doch als der schweizerische Bäcker-Confiseurmeister-Verband (SBC) auf den Zug aufsprang, konnten die Initianten den «neuen» Dreikönigskuchen 1952 mittels Medienauftritten popularisieren. Schon im ersten Jahr wurden 50'000 Kuchen verkauft, innert weniger Jahre verdoppelte sich diese Zahl, und heute finden um die 1,5 Millionen Kuchen ihre begeisterten Abnehmer.

Der Brauch des Dreikönigskuchens geht nach Währens Nachforschungen auf ein römisches Volksfest zu Ehren des Gottes Saturn zurück. Bei diesem Fest durften auch Sklaven für einen Tag König sein, wenn sie die in einem Kuchen versteckte Bohne fanden. Diesen sehr beliebten Brauch hätten die römischen Legionen nach Mitteleuropa und damit auch in die Schweiz gebracht. Allerdings scheint diese Version nicht restlos über alle Zweifel erhaben, so der Kulturhistoriker Kuhn, denn Währen kann bis ins 14. Jahrhundert die rund 1000 Jahre des Fehlens jeglicher Belege für den Dreikönigskuchen-Brauch nicht schlüssig erklären. Zusammen mit Bäckern und Konditoren übertrieb es der bis ins hohe Alter umtriebige Währen, der 1998 die Entdeckung des ältesten Brots der Welt für sich reklamierte, mit der Mythisierung. Der Bezug auf antike und orientalische Traditionen war ab den 1950er-Jahren auch ein verkaufsförderndes Argument der Gegenwart.

Viele Könige, ein Kuchen

Der Berner Filialleiterin Guldimann sagt der Name Max Währen und die Entstehungsgeschichte des Kuchens nur wenig. Doch nicht nur für die Kunden, auch für die Angestellten ist der Verkauf eine grosse Freude, da zum Dreikönigstag beidseitig gute Laune herrscht, so die Filialleiterin am Bahnhof. Pro Kuchen muss nicht zwingend nur eine Figur enthalten sein; allfällige Fehden um die Krone können so entschärft werden.

Die Konditorei Reinhard beugt vor und bäckt auf Bestellung Kuchen mit mehreren Königen. Laut Geschäftsleiter Ale­xander Reinhard gibt es spezielle Bestellungen wie ein Kuchen mit 18 Stücken, und in jedem Stück ist ein König. Um insbesondere die kleinen Gäste glücklich zu machen, hat auch die Reinhard-Filiale am Bahnhof Bern vorsorglich einige Kuchen mit zwei Königen bestellt, die man dem kindlichen Glück zuliebe vor allem Eltern mit zwei oder mehr Kindern anbietet. (Der Bund)

Erstellt: 06.01.2015, 07:34 Uhr

Kinder getrost vertrösten

Nehmen wir eine fünfköpfige Familie, die während 15 Jahren immer am 6. Januar einen Dreikönigskuchen isst. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit für eines der drei Kinder, dass es in diesem Zeitraum nie die Krone bekommt? Eine Antwort auf diese Frage kann dann wichtig sein, wenn die Kleinen auszurasten drohen, weil wieder einmal der Vater auf den König gebissen hat.

Die zugrunde liegende Rechnung ist einfach: Jedes Jahr liegt die Wahrscheinlichkeit für jedes der Familienmitglieder bei 0,2 (oder 20 Prozent), den König zu bekommen. Die Wahrscheinlichkeit, ihn nicht zu bekommen, ist somit 0,8 (oder 80 Prozent). Um auszurechnen, wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, ihn zweimal nacheinander nicht zu erhalten, muss man 0,8 mal 0,8 rechnen (das ist 0,8^2). Für 15 Jahre multipliziert man 0,8 15-mal nacheinander mit sich selber (0,8^15). Das ergibt 0,035, was der Wahrscheinlichkeit entspricht, den König in 15 Jahren nie zu bekommen. Umgekehrt: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,965 (oder 96,5 Prozent) hat man ihn mindestens einmal. Für Kinder, die schon ein bisschen rechnen können, kann das tröstlich sein. Sehr unwahrscheinlich ist es dagegen, den König 15-mal nacheinander zu erhalten (0,2^15). Dieser Fall wäre für fünfköpfige Familien nur bei einer von über 30 Milliarden Personen zu erwarten.

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