Der Bär «himpet»

Von den vier Beinen des Berner Bärs ist nur noch ein einziges stark: Die Agglomeration Bern blüht. Bern-Land ist derweil am Welken. Kein Wunder, hinkt der Bär.

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«Wie konnte es bloss so weit kommen?», seufzt der Journalist Stefan von Bergen. Vor 220 Jahren war die stolze Republik Bern der mächtigste Teilstaat der Eidgenossenschaft, «heute ist der Kanton Bern deren grösster Patient». Gemeinsam mit Jürg Steiner hat von Bergen den langsamen Abstieg Berns beschrieben, in einem Buch unter dem etwas irreführenden Titel «Wie viel Bern braucht die Schweiz?» Wenig, auf den ersten Blick, eine Schweiz ohne Bern scheint vielen Nichtbernern möglich. Umgekehrt hingegen braucht Bern sehr viel Schweiz: eine Milliarde Franken. So viel kriegt der Kanton jedes Jahr aus dem Finanzausgleich. Bern ist armengenössig.

Ja, wie konnte es so weit kommen? Die beiden Autoren erzählen die Wirtschaftsgeschichte des Kantons, doch muss man zuerst dem Bären ins tapfere Herz blicken, wo man seine gemütliche Gemütskrankheit entdeckt und feststellt: Ja, er leidet, denn er hat die von Tavel’sche Erbkrankheit. Sie hat ihren Namen vom Berndeutschdichter Rudolf von Tavel (1866–1934). Es ist der Zwang zum Rückwärtsblicken, wie er auch im Seufzer «Wie konnte es nur?» enthalten ist.

Vorindustrielle Mentalität

Im 18. Jahrhundert reichte die Republik von Brugg bis Nyon, und gemeinsam mit Zürich hatte man im Zweiten Villmergerkrieg 1712 den katholischen Ständen den Meister gezeigt. Das ist der historische Höhepunkt, der den Massstab setzte, mit dem seither der Kanton gemessen wird. Das Resultat ist ein unaufhaltsamer, beschämender Verlust.

In von Tavels Romanen gibt es Aristokraten, Bauern, Handwerker, Pfarrer, Offiziere in fremden Diensten, Hauspersonal. Zwei Figuren aber fehlen grundsätzlich: der Unternehmer und der Arbeiter. Es herrscht eine vorindustrielle Mentalität, zusammengefasst in der trotzigen Behauptung: Wir sind ein Landkanton.

Der Bär bauert

Hat man die von Tavel’sche Erbkrankheit verinnerlicht, so fällt einem der wirtschaftliche Abstieg nicht schwer. Es ist einfach der Verzicht auf den Aufstieg. 1747 erlässt der Grosse Rat ein Gesetz, das dem Patriziat ausdrücklich die Beteiligung an Industrie und Handel verbietet. Was Folgen hatte: «Im Unterschied zu Zürich, wo die Kaufleute-Unternehmer ihre im protoindustriellen Bereich angehäuften Vermögen früh in politische Macht umsetzten, vermochte sich in Bern ein autochthones städtisches Unternehmertum nicht durchzusetzen», schreibt der Wirtschaftshistoriker Christian Pfister in seiner 1995 erschienenen «Geschichte des Kantons Bern».

Eine Ausnahme gibt es doch: Biel. Dort gab es eine Schicht von Kaufleuten und Unternehmern, Textilindustrielle zuerst, später Uhrenbarone, die in der Lage waren, ihre Produktion dem veränderten wirtschaftlichen Umfeld anzupassen. Bezeichnenderweise sind die Uhrmacher aus dem Kanton Neuenburg importiert worden.

Gewerbefreiheit und Volksrechte

Ein Ereignis der Berner Geschichte wird sträflich unterschätzt: 1831. Das Land erwacht. Die ländliche liberale Oberschicht übernimmt den Staat und drängt das Patriziat in den Schmollwinkel. Die Liberalen und später ihre ungeduldigen Söhne, die Radikalen, sind grundsätzlich gegen die aristokratische Stadt. Beherrschte vorher die Stadt das Land, so ist es seither umgekehrt, aus der Stadtrepublik wurde ein Landkanton. Das hat Folgen bis heute: So futterneidisch sie untereinander streiten, in einem sind sich die Ländler immer einig: gegen die Stadt. Was heute wunderlich scheint: Im 19. Jahrhundert war das Land fortschrittlich, die Stadt hingegen konservativ. Unglaublich, aber wahr: Damals war der Bär revolutionär. Sein neuer Massstab hiess Fortschritt.

Die Liberalen setzten die Gewerbefreiheit durch, die Radikalen die Volksrechte. Sie gewannen den Sonderbundskrieg und schufen den Bundesstaat. Bern wurde 1848 Bundesstadt, Hauptstadt aber wurde Zürich. Denn Zürichs Karriere fuhr mit der Eisenbahn, während der Bär den Zug verpasste. Der Bahnbau löste nur «schwache ökonomische Impulse aus. Die Wachstumsphase von 1850 bis 1880, die bedeutendste im 19. Jahrhundert, ging am Kanton Bern nahezu spurlos vorbei», schreibt Christian Pfister. Während in Zürich und der Ostschweiz der Maschinenbau Fuss fasste und in Basel die chemische Industrie begann, geschah in Bern wenig. «Diese auffallende Innovationsschwäche hat die Wirtschaftsstruktur des Kantons bis heute geprägt.»

Der Bär erwacht

Trotzdem: Der Bär erwachte. In weniger als 30 Jahren holt der Agrarkanton seinen Rückstand auf. Die 1913 eröffnete Lötschbergbahn ist der Schlussstein einer rasanten Entwicklung. Bern setzt auf die damalige Spitzentechnologie, die Elektrotechnik. In Wynau, Hagneck und im Kanderwerk bei Spiez entstehen Flusskraftwerke, die erste elektrische Eisenbahn Europas verkehrt zwischen Thun und Burgdorf , die Perlen der Berner Industrie Hasler (Elektroapparate), Tobler (Toblerone), Wander (Ovomaltine), Winkler-Fallert (Druckmaschinen), Berner Alpenmilchgesellschaft (Milka und Stalden-Creme) wachsen und gedeihen. Der Tourismus schwillt, die Jungfraubahnen setzen den Höhepunkt. Kurz, Bern erlebt seine Belle Epoque.

Die Führung übernimmt das freisinnige Bürgertum, das unterdessen jeder Revolution abgeschworen hat. Es sind die Regionalfürsten, die Bern in die Höhe bringen, wie der Oberländer Arnold Gottlieb Bühler, der die Lötschbergbahn vorantreibt. Die kühnen Projekte sind zwar Privatunternehmen, doch spannen die freisinnigen Politiker gerne den Staat ein, «wenn es an dem im Bernbiet spärlichen Privatkapital mangelt. Den Staat zu melken, geht umso leichter, als dieselben Unternehmer als freisinnige Politiker den Grossen Rat beherrschen. Den Gegensatz zwischen Staat und Kapitalismus sehen sie nicht so eng. Sie dirigieren den Staat wie eine Firma» (von Bergen). Immerhin mit Erfolg: «Der Kanton Bern wird um 1900 praktisch von null auf hundert zu einer modernen Volkswirtschaft» (Pfister).

Der Bär «mingert»

Alles auf guten Wegen? Nicht ganz, denn ein Bauer aus Schüpfen im Seeland bringt den Kanton wieder ins vorindustrielle Geleise. Rudolf Minger (1881–1955) fordert 1917 die Rückkehr zum Agrarkanton. Er greift den Industriefreisinn an und wettert gegen die «zersetzende Überindustrialisierung, die Landflucht und die Versuchung der Grossstadt». Er gründet die Bauern-, Gewerbe und Bürgerpartei (BGB). Seit 1919 ist die BGB im Kanton Bern bis heute ununterbrochen an der Macht. Unterdessen heisst sie SVP. Es ist die Herrschaft der Dorfkönige und Talfürsten, die unterdessen nicht mehr kühne Projekte planen, sondern dafür sorgen, dass es im Kanton Bern keine Kantonalpolitik mehr gibt, nur noch regionale. Ihr neuer Massstab heisst Bestandswahrung. Futterneid ist die Trieb- und Treibkraft ihrer Politik. «Ein dominanter Impulsgeber der Berner Politik ist die Angst vor der Macht des Hinterlands. Schmerzhafte Prioritätensetzungen sind fast unmöglich» (Jürg Steiner). 1831 ist durchgestrichen. Die von Tavel’sche Krankheit wurde zur Kantonalseuche, Verlustangst gilt als bodenständig. Unterdessen sind die Ländler konservativ und die Städter fortschrittlich, die Städte Bern und Biel sogar rot-grün.

Es ist nicht nötig, den wirtschaftlichen Krebsgang zu beschreiben. Es genügt, festzustellen, dass 1959, als zum ersten Mal ein nationaler Finanzausgleich eingerichtet wurde, Bern zu den Zahlern gehörte. Heute dagegen bezieht Bern die anstosserregende Milliarde. Strukturschwäche heisst dieser Zustand. Ein etwas näherer Blick aber zeigt: Nicht alle sind schwach. Im Grossraum Bern lebt rund ein Drittel der Kantonsbevölkerung, der aber 55 Prozent des Wohlstands verdient. Bern-Land nennt das die Arroganz der Stadt.

Der Bär «sinnet»

Was kann der Bär tun? Er muss sein Oberstübchen neu vermessen. Mit welchem Massstab? Der neue heisst Zürich, genauer Metropolenregion. Wie beleidigt war doch der Bär, als er die Auszeichnung «Metropole» nicht erhielt! Man musste ihn mit «Hauptstadtregion» besänftigen: Wirtschaftlich bist du zwar zweite Liga, aber du bist erwählt unter den Städten! Der Züri-Massstab misst nicht mehr den Verlust, sondern den Zuwachs. Dass es in der Schweiz allen immer besser geht, ja noch nie so gut gegangen ist, ist selbstverständlich. Das verlangt die Bestandeswahrung. Dass es aber den Zürchern schneller besser geht als den Bernern, das ist eine schreiende Ungerechtigkeit!

Der Bär muss die von Tavel’sche Erbkrankheit aus seinem Herzen reissen und nüchtern feststellen: Wir sind kein Landkanton. Genauer: Wer heute gegen die Stadt ist, ist gegen die Zukunft. Die Hauptstadtregion ist kein Verlust, sie ist ein Versprechen. Das hiesse aber, die Stadt-Land-Blockade zu beenden. Bern braucht mehr Kantonalpolitik und weniger Verteilungskämpfe. Wer sich vor dem Verlieren fürchtet, verliert.

Abstand vom Zürich-Massstab

Doch vielleicht sollte der Bär anstatt, d Zunge duss, Zürich hinterherzurennen, zu sich selber kommen. Der ZüriZug ist schon vor 150 Jahren abgefahren, heute ist Zürich das Anschlussbauwerk an die Globalisierung. In Zürich sind die Berner die armen Verwandten. Man speist sie ab, hasst aber ihr Quengeln. Das in Bern zuzugeben, gehört zum Neuvermessen des Oberstübchens. Darum muss der Bär auch Abstand nehmen vom Züri-Massstab. Den schafft er nicht. Wer den viel gepriesenen Föderalismus ernst nimmt, muss die Unterschiede pflegen und nicht wie Zürich werden wollen. Doch das heisst: den Futterneid bezähmen. Wers gemütlich haben will, kann sein Konsumniveau nicht gleich schnell steigern wie die Metropoliten.

Darum müsste der Bär die Hauptstadtregion als Auftrag, nicht als Trostpreis betrachten. Anstatt, zum Beispiel, in den Chor einzustimmen, der die 35'000 Bundesbeamten als stur und faul besingt, müsste der Bär das für den Kanton ungenutzte Potenzial dieser Leute in Betrieb setzen. Sie wohnen zum grössten Teil in der Hauptstadtregion. Die graue Masse in ihren Köpfen ist ein entscheidender Beitrag zur kritischen, die zur Neuvermessung nötig ist. (Der Bund)

(Erstellt: 30.10.2012, 09:44 Uhr)

Der Autor: Benedikt Loderer, Berner Architekt und Publizist, war Gründer und Chefredaktor der Zeitschrift «Hochparterre». Der heute 67-jährige Loderer lebt in Biel. (Bild: zvg)

Stefan von Bergen/Jürg Steiner, «Wie viel Bern braucht die Schweiz?», Stämpfli-Verlag, Bern, 192 Seiten, 39 Franken.

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