Denkmalschutz und innere Verdichtung schliessen sich nicht aus

Der Grosse Rat will den Denkmalschutz lockern, um verdichtetes Bauen zu vereinfachen. 
Gemäss Raumplanungsexperte Urs Heimberg stehen sich Erhalten und Verdichten aber nicht im Weg.

Alte und neue Gebäude im Einklang: Urs Heimberg in der Burgunder-Siedlung in Bümpliz.

Alte und neue Gebäude im Einklang: Urs Heimberg in der Burgunder-Siedlung in Bümpliz. Bild: Adrian Moser

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Wabern, neben der Gurtenbahn-Talstation: Das Areal der ehemaligen Bierbrauerei ist für Urs Heimberg, Fachbereichsleiter Architektur der Berner Fachhochschule, ein besonders gutes Beispiel, wie Denkmalschutz und innere Verdichtung unter einen Hut gebracht werden können. Trotz Umgestaltung des Geländes seien die über Jahrzehnte gewachsenen Strukturen nicht zerstört worden. «Die Atmosphäre ist erhalten geblieben», sagt er.

Und das, obwohl denkmalgeschützte Gebäude abgerissen worden sind. Das alte Schulhaus etwa, das als «erhaltenswert» galt, musste Platz machen für den markanten, langgezogenen Neubau mit dem Namen «Quellfrisch». Darin sind 100 Wohnungen untergebracht, Penthouses im fünften Stock. Die Dichte ist sehr hoch – wie man sie in urbanen Räumen anstrebt.

Andere erhaltenswerte Häuser hingegen stehen immer noch, etwa das sogenannte Sudhaus in der Mitte des Areals. Nach wie vor prangt in grossen Lettern «Gurten Bier» auf der Fassade. Im Inneren hat es nun Büroräumlichkeiten, ein neuer Anbau wurde errichtet. In anderen älteren Gebäuden haben sich Gewerbebetriebe niedergelassen – vom Schreiner bis zum Goldschmied.

Der Denkmalschutz tangiere die innere Verdichtung, hiess es vorletzte Woche im Grossen Rat, als es darum ging, die Zahl schützenswerter und erhaltenswerter Objekte im Bauinventar zu reduzieren (siehe Kasten). Heimberg sagt nun aber: «Ein geschütztes Gebäude verhindert die Verdichtung in der Regel nicht.» Nur in wenigen Fällen gebe es Probleme.

Er glaubt, dass Verdichten zu oft noch mit Klotzen verwechselt wird. Es gehe aber nicht darum, eine maximale Baudichte mit Hochhäusern oder anderen ortsfremden Siedlungen anzustreben. «Vielmehr sollten wir vorhandene Werte miteinbeziehen, diese zu neuem Leben erwecken und in einen ­lebendigen Kontrast mit neuer Bausubstanz setzen.»

Altes Haus muss «atmen» können

Bümpliz, beim Süd-Bahnhof: Die Burgunder-Siedlung wurde schweizweit als erste autofreie Überbauung gefeiert. Vor den Wohnblöcken sind denn auch zig Velos parkiert. Die Dichte ist weniger hoch als in Wabern – etwa so, wie sie in der Agglomeration sein sollte.

Insgesamt wurden drei neu Häuserzeilen erstellt. In der Mitte steht jedoch ein Rieghaus aus dem 19. Jahrhundert. Darin befindet sich eine Kita. Das Haus ist weder als erhaltens- noch als schützenswert eingestuft. Man hätte es ohne Weiteres abreissen können. Dennoch verzichteten die Planer darauf. «Altes wurde bewusst ins Zentrum von Neuem gerückt», sagt Heimberg.

Dadurch entstehe ein Dialog und der Ort erhalte eine Identität mit einer langfristigen Perspektive. Besonders wichtig ist für Heimberg, dass das Rieghaus auch «atmen» kann. Der Abstand zu den Wohnblöcken ist genügend gross. «Wenn das Haus seine ­ursprüngliche Atmosphäre nicht mehr ausstrahlen könnte, hätte man sich überlegen müssen, es abzureissen.»

Heimberg will also nicht um jeden Preis an allen denkmalgeschützten Gebäuden festhalten. Dennoch plädiert er für einen sorgfältigen Umgang. Der Kanton Bern habe ein wertvolles und vielfältiges Erbe. «Dieses sollte nicht aufgrund kurzfristiger Überlegungen geschmälert werden.» Und er sieht durchaus Gefahren für die historischen Bausubstanzen – jetzt, wo nach dem grossrätlichen Entscheid bis zu 15'000 denkmalgeschützte Gebäude ihren Status verlieren könnten.

Reihen- statt Einfamilienhäuser

Uettligen, mitten im Dorf: Verdichten kann man auch auf dem Land. Auf dem Schulgarten-Areal ist aber weder ein Hochhaus noch ein markantes Mehrfamilienhaus anzutreffen. Die Dichte ist trotzdem beachtlich, etwa so wie sie in Burgdorf oder Lyss anvisiert werden müsste.

Vorne an der Strasse steht das alte Schulhaus, Kategorie «schützenswert». Dahinter wurde vor über zehn Jahren ein Reihenhaus mit Platz für vier Familien gebaut. «Auf dem Land sind Reihenhäuser nicht selbstverständlich», sagt Heimberg. «Die Leute wohnen lieber im Einfamilienhaus.»

Das alte Schulhaus mit der Riegfassade wird heute ebenfalls als Wohnhaus genutzt. Zudem hat es einen Anbau, der zum nahen Schopf führt. Dort hat ein Künstler sein Atelier eingerichtet. Im Hof stehen denn auch verschiedene Skulp­turen. Heimberg spricht hier von einer modernen Siedlungskonzeption: Alt und neu würden zu einem Ensemble verschmelzen.

Es brauche bei der inneren Verdichtung spezifische Lösungsansätze, die auf den jeweiligen Ort und den Kontext zugeschnitten seien, sagt Heimberg. Von allgemeinen Rezepten hält er nicht viel. Anonyme, beliebig austauschbare Siedlungen, wie man sie vielerorts in der Schweiz vorfinde, seien ihm ein Graus.

Und weil die Anzahl denkmal­geschützter Objekte sinken wird, seien künftig gerade auch die Gemeinden gefordert. Diese müssten sich für eine «sorgfältige Siedlungsentwicklung» einsetzen. In der Pflicht sieht der Professor für Raumplanung im Weiteren die Architekturhochschulen. Die Studierenden müssten noch besser für das Bauen im Bestand ausgebildet werden.

Denn wenn im Kanton Bern künftig mit der gleichen Qualität gebaut werde wie in den erwähnten Siedlungen in Wabern, Bümpliz oder Uettligen, «haben wir kein Problem mit der inneren Verdichtung.»

Der Regierungsrat strebt in den nächsten 25 Jahren ein Bevölkerungswachstum von 10 Prozent an, gleichzeitig sollen die bebauten Flächen nur halb so stark wachsen – um maximal 1400 Hektaren. Gemäss Heimberg ist dieses Ziel «gut realisierbar». Die Herausforderung gelte es auf jeden Fall anzunehmen. Aus diesem Grund habe die Berner Fachhochschule das Thema auch als Forschungsfeld lanciert. (Der Bund)

(Erstellt: 02.02.2015, 07:27 Uhr)

Bauinventar wird überarbeitet

Heute stehen im Kanton Bern rund 36 000 Objekte unter Denkmalschutz. Das sind knapp 10 Prozent aller Gebäude. Sie sind im Bauinventar entweder als «schützenswert» oder als «erhaltenswert» eingestuft.

Der Grosse Rat hat vorletzte Woche entschieden, dass das Inventar in den nächsten fünf Jahren überarbeitet werden muss. Dabei soll der Anteil der denkmalgeschützten Gebäude auf 6 Prozent gesenkt werden. Von den heute unter Schutz stehenden Objekten könnten demnach an die 15 000 ihren Status verlieren.

Es handelt sich hierbei jedoch nicht um eine gesetzlich verbindliche Vorgabe, sondern um eine Richtgrösse. (ad)

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