Chinesische Insekten bedrohen Berner Edelkastanien

Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 11.04.2012

Die ursprünglich aus China eingeschleppte Edelkastanien-Gallwespe hat den Kanton Bern erreicht. Im Seeland löst der Schädling eine grosse Pflanzenschutzaktion aus.

Im Frühling bilden sich die Gallen - ein klares Zeichen, dass der Baum befallen ist.

Im Frühling bilden sich die Gallen - ein klares Zeichen, dass der Baum befallen ist.
Bild: WSL Birmensdorf

Im Sommer schlüpfen die kleinen Wespen aus Gallen.

Edelkastanien-Gallwespe

Die Edelkastanien-Gallwespe (Dryocosmus kuriphilus) ist ein kleiner Hautflügler, der in ganz Europa auf der Liste der besonders schädlichen Organismen geführt wird. Sie befällt ausschliesslich Edelkastanienbäume und kann deren Wachstum stark hemmen, sowie zu Ertragsausfällen von bis zu 70 Prozent führen. Nach einigen Jahren kann der Baum verkümmern. Die Früchte selber (Marroni) sind nicht betroffen und können problemlos gegessen werden.

Die Gallwespen legen ihre Eier im Spätsommer in Zweig- und Blütenknospen. Nach einem Monat schlüpfen die Larven und überwintern – von aussen unbemerkt – in den Knospen. Erst im Frühling beginnt dann die Entwicklung der Larven und damit der auffälligen Gallen an Trieben, Blättern und Blüten. Die erwachsenen Wespen schlüpfen im Sommer aus den Gallen.

Pflanzenschutzmittel können den Larven nichts anhaben, da sie im Innern der Gallen gut geschützt sind. Die einzige Bekämpfungsart besteht zurzeit darin, befallene Äste vor dem Ausschlüpfen der Wespen zu schneiden und zu verbrennen.

Weitere Informationen

Amt für Landwirtschaft des Kantons Bern, Pflanzenschutz, Telefon 031 910 53 30.

Sie ist nur drei Millimeter gross, kann aber sogar ausgewachsenen Edelkastanienbäumen gefährlich werden. Die Edelkastanien-Gallwespe stammt ursprünglich aus China, hat sich aber seit den Sechzigerjahren auf weitere asiatische Länder, die USA und schliesslich auf Europa ausgebreitet. Im Mai 2009 wurde sie erstmals in der Schweiz entdeckt. Unterdessen ist das ganze Tessin befallen. Aber auch nördlich der Alpen macht sich der laut Pflanzenschutzverordnung besonders gefährliche Schadorganismus zunehmend breit.

Aus den Kantonen Zug und Aargau ist je ein Fall bekannt und auch der Kanton Bern muss sich jetzt mit dem Problem befassen. In einer Baumschule in Lyss wurden letzten Sommer Gallwespen auf importierten Edelkastanienbäumen entdeckt – leider aber erst, nachdem die Wespen bereits geschlüpft und ausgeflogen waren. Bund und Kanton richteten daraufhin 15 Kilometer rund um Lyss eine Sperrzone ein. Betroffen sind 100 Gemeinden und 7 Baumschulen – die Zone reicht bis vor die Tore Berns. Innerhalb dieses Kreises dürfen keine Edelkastanienpflanzen oder Pfropfen verschoben werden. Baumschulen dürfen also zum Beispiel keine Bäume verkaufen. Ausserdem besteht eine allgemeine Meldepflicht. Wer an Edelkastanien Anzeichen der Gallwespe feststellt, muss dies unverzüglich der Pflanzenschutzstelle in Zollikofen melden. Die Quarantäne gilt bis ins Jahr 2014.

Aufruf an die Bevölkerung

Jetzt im Frühling startet die zweite Phase im Abwehrkampf gegen das kleine Insekt. 17 Gemeinden innerhalb der sogenannten Fokuszone fünf Kilometer rund um Lyss müssen die Edelkastanien auf ihrem Gebiet erfassen und dem Kanton melden. Die Bäume im Wald werden direkt von den zuständigen Förstern inventarisiert und kontrolliert, bei den Privatgrundstücken sind die Gemeinden allerdings auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen.

Ein Beispiel: Aarberg, eine Nachbargemeinde von Lyss, hat im Amtsanzeiger einen Aufruf platziert. Laut dem stellvertretenden Bauverwalter Daniel Siegwart haben eine Woche vor Ablauf der Frist bereits drei Privatpersonen eine Edelkastanie in ihrem Garten gemeldet. Einige hätten sie wahrscheinlich als Souvenir aus dem Tessin mitgebracht, vermutet Siegwart. Jeder einzelne Baum wird nun von Fachleuten überprüft. Ein Befall kann erst nach dem Austrieb festgestellt werden. Ein untrügliches Zeichen sind die rundlichen, glattwandigen Auswüchse (Gallen) an Blättern oder Blüten (siehe Bild oben). Befallene Äste werden herausgeschnitten, im schlimmsten Fall muss der ganze Baum gefällt werden. Sollten diesen Frühling in der Fokuszone weitere Gallwespen entdeckt werden, wird die Kontrolle ausgedehnt. Laut Michel Gygax von der kantonalen Pflanzenschutzstelle müssen dann alle Edelkastanien in den 100 Gemeinden 15 Kilometer rund um Lyss einzeln überprüft werden.

Private mit Edelkastanien auf ihrem Grundstück sind verpflichtet, den Fachleuten des Kantons Zugang zu gewähren. Muss ein Baum gefällt werden, dürfen sie laut Gygax keinen Schadenersatz erwarten. Übernommen würden in der Regel lediglich die Rodungskosten. Für Baumschulen seien hingegen Ausgleichszahlungen möglich, sofern sie einen grossen Schaden nachweisen könnten.

Einst zur Schweinemast gepflanzt

Die Edelkastanie ist in unseren Breitengraden eigentlich nicht heimisch. Dennoch gibt es laut Beat Forster von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in den Wäldern diverse kleine Bestände und zahlreiche Einzelbäume. Teilweise stammten diese noch aus der Zeit, als Edelkastanien auch nördlich der Alpen zur Nahrungsmittelproduktion oder Schweinemast angepflanzt wurden. Auch heute noch pflanzten Waldbesitzer und Förster aus Liebhaberei oder zur Vermehrung der Artenvielfalt Edelkastanienbäume.

Noch ist laut den Fachleuten nicht klar, ob sich die Gallwespe bei einer solch geringen Dichte an Edelkastanien überhaupt halten kann. Klar ist für Michel Gygax vom Pflanzenschutz allerdings bereits, dass es nach Lyss zu weiteren Fällen kommen wird: «Im Zeitalter der Globalisierung und des weltweiten Warenaustauschs müssen wir immer damit rechnen.» Und obschon die Edelkastanie für den Kanton Bern keine wirtschaftliche Bedeutung hat, ist er dazu verpflichtet, den grossen Aufwand zu betreiben, um die Ausbreitung der kleinen Gallwespe zu bremsen.

(Der Bund)

Erstellt: 11.04.2012, 15:57 Uhr

0

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.
Noch keine Kommentare

Bern

Populär auf Facebook Privatsphäre

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen

Verzeichnis- & Serviceportal

Marktplatz