Berner Schüler und Schülerinnen trotzen dem «Gefrierschrank» Berner Oberland
Das Berner Oberland meldete Temperaturen bis minus 20 Grad. Eine Tortur für alle Schüler, die freiwillig oder unfreiwillig ins Sportlager gehen? Der «Bund» begleitete 24 Schüler des Schulhauses Spitalacker in die Kälte und fühlte ihren Stimmungspuls.
Bis zu sechs Schichten
Es ist Montagmorgen, 8.29 Uhr. Über zwanzig Kinder, zwischen 10 und 16 Jahre alt, warten auf den Extrazug nach Zweisimmen. Der Zeiger der grossen Uhr rückt auf halb neun, der Zug ist noch nicht in Sicht. «Eigentlich haben wir einfach für 30 Leute reserviert», sagt der Lagerleiter Martin Läderach, «aber weil neben uns noch vier weitere Schulklassen nach Zweisimmen gehen, haben wir einen Extrazug bekommen.» Der Zug kommt an, wir steigen ein. «Nicht einsteigen, das ist nicht der Extrazug», ruft eine Angestellte der BLS. Also wieder aussteigen. Fünf Minuten später hieven wir unser Gepäck doch wieder in den Wagon – er ist es doch, der Sonderzug.
Die Schüler sind ausgelassen. Angst vor der eisigen Kälte, die sie erwartet, ist nicht zu erkennen. «Ich habe heute drei Schichten mehr angezogen», sagt eine 13-Jährige. Das macht dann insgesamt sechs Schichten Kleider. Ihre Freundinnen haben heute ebenfalls mehr angezogen, als sonst beim Skifahren. Auch den älteren Schülern ist die Kälte nicht ganz gleichgültig: «Hauptsache, der Bügellift bleibt nicht stehen, dann wird es erst richtig kalt», sagt die 16-jährige Meret.
«Wir haben wegen der extremen Kälte das Programm umgestellt», sagt Läderach. Eigentlich habe er mit den Kindern am ersten Tag schon auf dem Rinderberg Ski fahren und draussen picknicken wollen. Das Ferienhaus Bubenberg, das der Schule Spitalacker gehört, liegt aber auf der anderen Seite des Tals. Deshalb würden die Schüler am Montag nur auf der Seite Rellerli fahren, damit sie sofort in die Wärme könnten, falls die Kälte unerträglich würde. Seit über dreissig Jahren leitet der Primarlehrer Skilager. So kalt sei es aber noch nie gewesen. Vor einigen Jahren hätten annähernd eisige Grade geherrscht, die Kinder hätten damals aber keine Mühe damit gehabt. Sichergehen will er aber trotzdem: «Wir gehen kein Risiko ein.»
Elefantenputz gegen die Kälte
Schönried, 11 Uhr. Eiskristalle schweben glitzernd in der Luft. Es habe heute kaum Leute, sagt die Dame an der Kasse, es liege wohl an den tiefen Temperaturen. Minus 18 Grad sei am Morgen gemessen worden. In der Gondelbahn hoch zum Rellerli, das auf 1833 Meter Höhe liegt, ist noch Zeit für eine letzte Stärkung. Dann wird eingeturnt oder, wie die Lagerleiter sagen: «der Elefant gewaschen». Die Schüler, die den imaginären Elefanten waschen, sehen mittlerweile mehr aus wie Bankräuber als wie Primarschüler. Nasen, Mund und Backen sind dick in Halstücher gewickelt. Kalt finden sie es aber nicht. Und selbst nach einer Stunde Kurven fahren, hat keiner der Schüler kalt. «Viel schlimmer wäre es, wenn es neblig und eisig wäre», sagt die 14-jährige Daisy. Sie habe sich Skifahren bei über minus zehn Grad viel schlimmer vorgestellt.
Kalt wird es hingegen ziemlich schnell, als der Tellerlift auf halber Strecke drei Minuten lang stehen bleibt. Oben angekommen werden just einzelne Stimmen laut: «Mein linkes Ohr ist eingefroren», sagt einer der vermummten Skifahrer. Ein zweiter bekennt, er spüre seine Zehen nicht mehr. Zu kalt findet es aber keiner der Schüler.
Die Jahrzehnte alte Essensliste
Ferienhütte Bubenberg, 12.30 Uhr: Kaum beim Haus angekommen, sind die Schüler auch schon drinnen verschwunden. Kein Wunder: Der Koch Michel Martin wartet mit warmem Essen auf. Es gibt Pasta.
Die Menge Teigwaren, die er für so viele Schüler braucht, hat er aber nicht selber berechnet. «Es gibt eine Liste, die schon seit Jahrzehnten verwendet wird», sagt er. Bis am Samstag werden die 24 Kinder das Haus bewohnen. Da sie die Kälte schon gestern kaum beeindruckte, werden sie am Samstag wohl als abgehärtete Polarmenschen in die Stadt zurückkehren. (Der Bund)
Erstellt: 08.02.2012, 13:17 Uhr
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