Begleiteter Suizid im Altersheim

Aktive Sterbehilfe wird längst nicht in allen Alters- und Pflegeheimen im Kanton Bern erlaubt – obwohl die Bewohner für ihr Zimmer Miete bezahlen und es zur Privatsphäre gehört.

Das Schlafmittel Pentobarbital müssen Sterbewillige selbständig einnehmen.

Das Schlafmittel Pentobarbital müssen Sterbewillige selbständig einnehmen. Bild: Keystone

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Der begleitete Suizid boomt. Die Sterbehilfe-Organisation Exit begleitete letztes Jahr über 300 Menschen in den Tod, 2010 waren es 257. Die Zunahme erklärt Bernhard Sutter, Vizepräsident von Exit, damit, dass die Menschen immer älter werden. So sind auch Alters- und Pflegeheime zunehmend mit dem Thema konfrontiert. Doch längst nicht in allen Heimen ist es erlaubt, dass sich Bewohner mithilfe von Exit oder Dignitas das Leben nehmen können. «Das ist ein Problem, mit dem wir seit längerem konfrontiert sind», sagt Sutter. Dies, obwohl das Zimmer eines Heimbewohners zu dessen Privatsphäre gehört – er bezahlt schliesslich auch Miete dafür. Hier müsste ein Heimbewohner somit frei über die Frage nach einem begleiteten Suizid entscheiden können.

Das Recht, daheim zu sterben

Heimbetreiberin Senevita sieht das anders. «Wir sind ganz klar gegen aktive Sterbehilfe», sagt CEO Werner Müller. Ein Thema sei es schon, und es gebe auch immer wieder Bewohner, die solche Wünsche äusserten. «Doch wir suchen mit ihnen nach lebensbejahenden Lösungen.» Ähnlich tönt es bei Seniocare: «Wir tolerieren keine aktive Sterbehilfe in unseren Häusern», sagt CEO Beat Ammann. Bereits beim Eintritt würde man die Bewohner darüber informieren. Bei Seniocare war man bisher nur mit einem Fall konfrontiert. Zusammen mit dem Bewohner, Angehörigen, Ärzten und dem Heim wurde entscheiden, die Person an einen anderen Ort zu begleiten, um mit Unterstützung von Exit aus dem Leben zu scheiden. «Bislang wurden wir von solchen Fragen sonst eher verschont», sagt Ammann. Allerdings glaubt er, dass Sterbehilfe in den nächsten Jahren zunehmend zum Thema wird.

Im Gegensatz zu Seniocare verbietet Domicil den begleiteten Suizid in seinen Räumlichkeiten nicht. «Wir werden nicht oft mit dem Wunsch konfrontiert», sagt Jürg Blatti, Mitglied der Direktion von Domicil und Leiter des internen Ethikforums. Äussere jemand diesen Wunsch, suche man zusammen mit dem zuständigen Arzt das Gespräch – mit dem Ziel, Handlungsalternativen aufzuzeigen. Gewisse Bedingungen wie etwa Zurechnungsfähigkeit und freier Wille müssten geklärt sein. «Dass wir uns diesem schwierigen Thema stellen, hat etwas mit Wertschätzung zu tun», sagt er. Warum dürfe ein Bewohner nicht daheim in seinen vier Wänden sterben?, fragt er. Daheim sei nun halt für viele alte Menschen die Wohnung im Alterszentrum. Zudem solle ein Mensch selber darüber bestimmen können, wie und wo er sterben möchte, sagt Blatti. «Begleiteter Suizid ist ein Akt der Privatsphäre.» Trotz der offenen Haltung distanziert sich Domicil vom begleiteten Suizid.

Auch in den Mitgliedheimen von Senesuisse, dem Verband wirtschaftlich unabhängiger Alters- und Pflegeeinrichtungen Schweiz, ist es erlaubt, dass Heimbewohner ihrem Leben mit Exit ein Ende setzen, sagt Geschäftsführer Christian Streit. «Als Dienstleister bieten wir Hand für solche Lösungen.» Ein grösseres Problem als bei den Suizidwünschen von Heimbewohnern ortet er beim Sterbetourismus. Häufig kämen Anfragen von Menschen aus dem Ausland, die für eine Nacht einen Heimplatz mieten möchten, um Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. «Praktisch jeder Betrieb ist damit konfrontiert», sagt Streit. Nahezu alle Mitglieder von Senesuisse lehnen solche Anfragen ab.

Exit sieht Handlungsbedarf

Obwohl es zahlreiche Alters- und Pflegeheime gibt, die den begleiteten Suizid zulassen, sieht Bernhard Sutter, Vizepräsident von Exit, in diesem Bereich Handlungsbedarf. Dass es trotz klarer rechtlicher Lage – Bewohner dürfen selbst entscheiden, wen sie im Altersheimzimmer empfangen – noch Heime gibt, die sich dem Thema verschliessen, kann er nicht verstehen. Schliesslich würde man damit das Selbstbestimmungsrecht von älteren Menschen beschneiden. Was sich nämlich nicht verändert habe, sei der menschliche Wunsch, in den eigenen vier Wänden, umgeben von Angehörigen, sanft einzuschlafen, sagt Sutter. Wer also sicher gehen wolle, dass ein Alters- oder Pflegeheim aktive Sterbehilfe zulasse, solle das bereits vor Eintritt ins Heim abklären, empfiehlt er. (Der Bund)

(Erstellt: 22.02.2012, 07:06 Uhr)

Bisher nur ein Fall im Inselspital

Auch Spitäler müssen sich mit der aktiven Sterbehilfe auseinandersetzen, allerdings viel weniger als die Alters- und Pflegeheime. Im Berner Inselspital etwa gab es bisher nur einen Fall von begleitetem Suizid, wie Monika Kugemann, Mediensprecherin beim Berner Inselspital, bestätigt. Dieser ereignete sich vor fünf Jahren, als einem todkranken, nicht transportfähigen Patienten erlaubt wurde, im Krankenhauszimmer eine tödliche Dosis Schlafmittel einzunehmen. Kugemann: «Momentan können wir nicht feststellen, dass es ein zunehmendes Bedürfnis in dieser Richtung gäbe.»

«Die meisten Menschen wollen lieber zu Hause als im Spital sterben», sagt Bernhard Sutter, Vizepräsident von Exit, dazu. Deshalb würden Menschen, die mithilfe von Exit aus dem Leben scheiden wollen, oft nach Hause transportiert. So sind Spitäler meist nur in Ausnahmesituationen – wenn der Patient etwa nicht mehr transportfähig ist – von begleitetem Suizid direkt betroffen. «Aus Respekt gegenüber dem Patientenwohl wird ein solches Ansinnen vonseiten des Berner Inselspitals sehr ernst genommen», wie Kugemann sagt.

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