«Auf ‹Berns moderne Zeit› bin ich stolz»
Von Bernhard Ott. Aktualisiert am 13.02.2012
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Erstmals eine Frau als Leiterin
Mit der 40-jährigen Barbara Studer Immenhauser wird erstmals eine Frau Leiterin des Staatsarchivs. Sie hat seit 2005 im Jobsharing als Stellvertreterin Peter Martigs gearbeitet. Studer Immenhauser hat ihr Studium im gleichen Jahr mit einer Dissertation zur bernischen Verwaltung in den Jahren 1250 – 1550 abgeschlossen.
Als Peter Martig seine Stelle im Staatsarchiv antrat, war über Berns moderne Zeit noch wenig bekannt. «Vor dreissig Jahren waren etwa zehn Prozent der Aktenbestände erschlossen», sagt der Staatsarchivar. Die Geschichtsschreibung hatte sich damals vor allem mit dem Ancien Régime beschäftigt – was ihr den Vorwurf eintrug, die Probleme der neuesten Zeit aus nostalgischen Gründen zu ignorieren. Martig kann diese Vorwürfe nicht nachvollziehen. In den 1970er- und 1980er-Jahren habe es noch gar keine Inventare für das 19. und 20. Jahrhundert gegeben. «Man kam nicht an die Quellen heran, weil man gar nicht wusste, welche Quellen es gibt.»
Digitalisierung öffnet Welten
Heute aber entstünden im Staatsarchiv auch Arbeiten über heikle Themen wie das Verdingkinderwesen oder die Schwangerschaftsunterbrechung. «Die Erschliessung der Bestände und die Digitalisierung der Inventare haben neue Möglichkeiten eröffnet.» So könne man mit ein paar Mausklicks Klarheit über die Aktenlage zu einem Thema erlangen, wo man früher Stunden, wenn nicht gar Tage mit der Archivrecherche habe verbringen müssen.
Die digitale Revolution hat aus dem «gelernten» Papierarchivar Martig eine Art Wissenskoordinator gemacht. «Früher wusste der Staatsarchivar alles übers Archiv.» Heute gebe es in jedem Bereich Fachleute, sogenannte Records Manager und Informatiker, die sich mit der digitalen Aktenführung in der Verwaltung und der Langzeitarchivierung elektronischer Daten befassten. Für diese Prozesse würden zurzeit auf Bundesebene Standards definiert, die für alle öffentlichen Körperschaften verbindlich sein sollen. Dies alles mache die Archivtätigkeit sehr viel aufwendiger als früher, sagt Martig. «Man kann die Daten ja nicht mehr ablegen und fertig. Man muss sie bewirtschaften.»
Martig zitiert Experten, welche die Kosten für die digitale Archivierung auf das Zehnfache der Kosten für die Papierarchivierung schätzen. «Schon nur aus diesem Grund wird es auch künftig noch Papierarchive geben.» Die fehlende Erschliessung der Aktenbestände ist aber nicht der einzige Grund für die einstigen «weissen Flecken» in Berns moderner Geschichte.
Der Wegfall der Sperrfristen
Wer heute forscht, kann fast alles einsehen, sofern er datenschützerische Grundsätze berücksichtigt. Dem ist aber erst seit 1993 so, als mit dem Öffentlichkeitsprinzip in der Kantonsverfassung auch die einst rigorosen Sperrfristen von 50 Jahren und mehr weggefallen sind. «Wären diese Sperrfristen noch in Kraft, könnte man erst heute an die Aufarbeitung der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gehen», sagt Martig. Seit dem Inkrafttreten des auf dem Öffentlichkeitsprinzip beruhenden Archivgesetzes im Jahr 2009 habe man «kaum ein halbes Dutzend» Gesuche zur Einsichtnahme in Akten abgelehnt.
Für Martig ist klar, dass erst die digitale Erschliessung der Archive und die neuen gesetzlichen Grundlagen die Erforschung der modernen Berner Geschichte ermöglicht haben. Er selber hat dazu beigetragen, indem er als Hauptherausgeber des letztes Jahr erschienenen Werks «Berns moderne Zeit» fungierte. «Auf diese Arbeit bin ich stolz.» Im Buch, an dem 120 Autorinnen und Autoren beteiligt gewesen seien, habe man «nichts beschönigt», sagt Martig.
Das Ende der Verdrängung
Genau dieser Vorwurf wurde vor drei Jahren laut, als die Historikerin Katrin Rieder enthüllte, dass ein einstiger Burgerratspräsident als Gauleiter der Berner Frontisten geamtet hatte und weitere burgerliche Exponenten in frontistischen Kreisen aktiv waren. Zunftmitglied Martig warf Rieder damals vor, zwar die Vermietung des Lokals der Zunft zu Distelzwang an die Frontisten vermerkt, aber die Kündigung der Miete als Folge von frontistischen Schmierereien verschwiegen zu haben.
Heute blickt Martig mit einer gewissen Distanz darauf zurück. «Vielleicht war ein schmerzhafter Prozess nötig, damit wir heute diese Zeit mit etwas weniger Emotionen anschauen können.» In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg habe es einen «kollektiven Verdrängungsprozess» gegeben. Im Fall der Burgergemeinde würden die Forschungslücken nun aber beseitigt. Hierfür sei wohl auch ein Generationenwechsel erforderlich gewesen. «Das ist ein Mechanismus, den jeder Historiker kennt: Es hat keine Generation das Recht, ihre Geschichte selber zu schreiben», sagt Martig. (Der Bund)
Erstellt: 13.02.2012, 07:49 Uhr
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