Am Anfang standen Wut und eine Frage

Sie kämpfte 30 Jahre für straffreie Abtreibung. Jetzt ist Anne-Marie Rey im Alter von 79 Jahren gestorben.

Die Berner Frauenrechtlerin Anne-Marie Rey ist 78-jährig verstorben. Im Bild Rey bei einem Interview 2007.

Die Berner Frauenrechtlerin Anne-Marie Rey ist 78-jährig verstorben. Im Bild Rey bei einem Interview 2007. Bild: Yoshiko Kusano (Archiv)

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Im vergangenen März hat sie sich nochmals im «Bund» mit einem Leserbrief gemeldet und davor gewarnt, den «SVP-Hardliner» Pierre Alain Schnegg in den Berner Regierungsrat zu wählen: «Das hat uns gerade noch gefehlt, ein evangelikaler Fundamentalist im Regierungsrat.»

Den Zustand der Altersmilde kannte diese zierliche Frau nicht, im Gegenteil. Insbesondere bei christlich-fundamentalistischen Gegnern konnte ihr die Galle hochkommen, wenn diese Abtreibung als Todsünde bezeichneten und für einen «Gebärzwang» eintraten.

Der Kampf für die Legalisierung der Abtreibung war Anne-Marie Reys Lebensthema. Am 2. Juni 2002 war sie nach 30 Jahren am Ziel: Das Volk nahm die Fristenlösung an. 1973 war sie eine der Mitbegründerinnen der Schweizerischen Vereinigung für Straflosigkeit des Schwangerschaftsabbruchs gewesen (SVSS).

1937 in Burgdorf als Tochter eines Frauenarztes geboren, war ihr der Kampf für eine Fristenregelung ein familiäres Erbe. Ihr Vater kannte die Not der Frauen aus der Nähe und führte zahlreiche Schwangerschaftsabbrüche durch. Zweimal wurde er verurteilt wegen «illegaler Abtreibung».

Ursprünglich habe aber ihr eigenes Erleben eines Schwangerschaftsabbruchs zu ihrem Engagement geführt, schrieb Anne-Marie Rey in ihren 2007 erschienenen Memoiren «Die Erzengelmacherin». Am Anfang standen Wut und eine Frage: «Was geht es den Staat an, was in meinem Bauch passiert?»

Der Entscheid für eine Abtreibung ermöglichte der diplomierten Übersetzerin, ihren Traum zu verwirklichen: Von 1962–1965 absolvierte sie die Tanzakademie in Bern. Eine aufbegehrende 68er-Rebellein war sie allerdings nicht. Als ihre drei Kinder geboren waren, sei sie eine «brave Hausfrau» gewesen.

Erst als 1973 der SSV gegründet wurde, kam es zu Kontakten mit Vertreterinnen der Frauenbewegung.

Ihren Entschluss, in die Sozialdemokratische Partei einzutreten, fällte sie auf einer FDP-Veranstaltung. «Das waren Damen», notierte sie in ihren Memoiren, «und ich fühlte mich als Frau». Für die SP sass sie 1980–88 im Grossen Gemeinderat in Zollikofen und von 1988-1995 im Berner Grossen Rat.

Vor zwei Jahren kehrte sie nochmals in die politische Arena zurück. Zuerst verteidigte sie ihr Lebenswerk gegen die Initiative «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache». Bei Frauenfragen, erkannte Rey, könne man nie davon ausgehen, dass einmal errungen Rechte für immer gälten. Die Initiative wurde auch dank ihres Engagements deutlich abgelehnt.

Einige Monate später setzte sie sich an vorderster Front für die umstrittene, an der Urne wuchtig verworfene Ecopop-Initiative ein, die eine grüne Wirtschaftsordnung mit einer Regulierung der Einwanderung verbinden wollte. Rey erhielt Beifall von der falschen Seite und sah sich der Kritik von Genossinnen und Genossen ausgesetzt.

Rey beharrte darauf, dass die Linke das Thema Migration sträflich ausblende. In einem «Bund-Interview» hat sie sich einmal als Existenzialistin bezeichnet. Der Mensch sei in die Welt geworfen und verantwortlich für alle seine Handlungen.

Diese Verantwortung erstreckt sich, das war Reys unerschütterliche Überzeugung, für die Frau auch auf ihre Entscheidung für oder gegen einen Abbruch der Schwangerschaft. Jetzt ist sie im Alter von 79 Jahren gestorben. (Der Bund)

Erstellt: 28.06.2016, 13:04 Uhr

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