Bern
Als Biobauern in Amerika bekannt
Von Mireille Guggenbühler. Aktualisiert am 25.04.2012
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Fritz Dähler und seine Frau Margrith stehen in der Laube des Hauses, in welchem sie zurzeit wohnen. Von hier aus haben sie einen wunderbaren Blick auf die Alpen. Etwas weiter unten stand ihr Bauernhaus – im vergangenen Jahr brannte es wegen eines technischen Defekts der Leitungen nieder. Nun wird das Haus neu aufgebaut. Ihren Lebensabend möchten Dählers dann wieder in ihrer vertrauten Umgebung auf dem Betrieb verbringen, den sie bis vor fünf Jahren noch geführt haben – im Limpachtäli im Dorf Noflen nahe der Gemeinde Kirchdorf.
Dunkelbraun, ja, fast schwarz ist die Erde hier im kleinen Tal. Während mehr als fünfzig Jahren hat die Familie Dähler den Boden sorgfältig gepflegt – zuerst der Vater, dann Fritz Dähler selber. Sein Land hat Dähler mittlerweile verkauft, weil niemand aus der Familie den Betrieb weiterführen wollte. Auf Dählers einstigem Boden wachsen nun die Obstbäume der Bio-Baumschule Noflen. So kann Dähler sicher sein, dass mit seinem ehemaligen Land weiterhin sorgfältig und ressourcenorientiert umgegangen wird. Mit diesem Boden verbindet Fritz Dähler mehr als nur der Ertrag, den er hier über Jahre ernten konnte. Der Boden war für ihn stets das Fundament seiner Wirtschaftsweise – der biologischen Landwirtschaft. «So gesund wie der Boden ist, so gesund sind die Pflanzen, die Tiere und am Ende auch die Menschen», sagt der 71-Jährige. An diese Maxime hat er sich stets gehalten – wie schon sein Vater.
Revolutionäre Familie
Wenn Dählers Maxime in den Ohren der Konsumenten von Bioprodukten im Jahr 2012 schlüssig klingt, so galt sie in den 1940er-Jahren als revolutionär. Dählers Vater gehörte damals zur Jungbauernbewegung rund um das landwirtschaftliche Zentrum auf dem Möschberg oberhalb von Grosshöchstetten. Dessen Schulleiter, der spätere Nationalrat Hans Müller, war 1935 aus der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei, der Vorläuferin der SVP, ausgeschlossen worden. Denn er hatte, wie zahlreiche ebenfalls ausgeschlossene Jungbauern, eine andere Auffassung davon, wie die damaligen Wirtschaftskrise zu bekämpfen sei.
Müllers Ziel waren selbstbewusste Bauern, die von Betriebsmitteleinkäufen unabhängig sind und die Vermarktung ihrer Erzeugnisse selbst in die Hand nehmen. Seine Frau Maria Müller setzte sich im Schulgarten intensiv mit dem biologischen Landbau auseinander.
Der Arzt, Bakteriologe und Bodenkundler Hans Peter Rusch, der ab 1951 in engem Kontakt mit dem Ehepaar Müller stand, untermauerte mit seinen Forschungen über Bodenfruchtbarkeit und biologische Bodenuntersuchungsverfahren die Arbeiten des Paars. Der Möschberg gilt noch heute als Wiege des biologisch-organischen Landbaus in Europa.
Kein Öko-Fundeamentalist
Fritz Dähler lehnt sich im Stuhl zurück. Er spricht ruhig und überlegt. Ein Öko-Fundamentalist, das ist er nicht. Er hat Fakten und Zahlen und wissenschaftliche Erkenntnisse im Kopf, die er darlegt und die theoretisch bestätigen, was er und früher sein Vater tagtäglich in der Praxis erfahren haben. Fritz Dähler zählt zu den Pionieren der Biobauern. Und zwar, weil er zusammen mit anderen «der Bewegung Inhalte brachte», wie Kathrin Schneider, Präsidentin der Vereinigung Bärner Bio Bure anlässlich des 20-Jahr-Jubiläums festhält. Fritz Dähler machte vor allem die Anbaumethoden für den Biolandbau praxisreif. Die Grundsteine des biologischen Landbaus, wie er heute noch praktiziert wird, wurden in den 1960er-und 1970er-Jahren gelegt. «Was danach folgte, war nur noch Kosmetik», sagt Fritz Dähler. «So wurden etwa wirkungsvollere Hack- und Striegelgeräte für die Unkrautbekämpfung entwickelt.»
Saatgut, Pflanzenanbau, Futtermittel, Tierhaltung und Düngung bilden im Fall der biologischen Landwirtschaft einen in sich geschlossenen Kreislauf. Dies bedeutet, dass durch den Anbau von Futterpflanzen das benötigte Futter betriebsintern erzeugt und nicht wie in der konventionellen Landwirtschaft als Kraftfutter zugekauft wird oder dass betriebseigener Dünger und kein leicht löslicher Kunstdünger verwendet wird. Auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel wird in der biologischen Landwirtschaft verzichtet. Doch: «Auch wenn man heute weiss, wie wichtig ein gesunder Boden für den daraus folgenden Kreislauf ist, berücksichtigt man diese Erkenntnisse noch viel zu wenig.»
Kein Leben aus dem Düngersack
Als Fritz Dähler 1970 die Meisterprüfung als Landwirt machte, war für ihn klar: «Wenn ich etwas mache, dann richtig.» Dähler hat noch eine in sich geschlossene Kreislaufwirtschaft betrieben, doch er weiss von jüngeren Berufskollegen, die hier Kompromisse eingehen müssen, weil sie zum Beispiel selber nicht genügend Futter für ihre Kühe produzieren können. Deshalb wird dieses zugekauft.
Auch dass die Biobauern heute anstelle betriebseigenen Düngers oft organischen Dünger auf dem Markt kaufen, gibt Fritz Dähler manchmal zu denken. «Ist das nun der neue Biolandbau?», fragt er sich oft. Denn für ihn selber ist nach unzähligen Praxisjahrzehnten klar: «Leben, Gesundheit und Fruchtbarkeit kann man nicht in einem Düngersack kaufen.»
Bauern verstanden ihn nicht
Obwohl Fritz Dähler oft das Gefühl hatte, dass ihn die Bauern konventioneller Betriebe nicht verstehen würden, Konflikte habe er deswegen mit diesen nie gehabt, sagt er. «Wahrscheinlich, weil ich in ihren Augen keine echte Konkurrenz war», sagt er und lacht. Vielleicht hielten sich die Bauern aber auch deshalb mit Kritik zurück, weil das Resultat der jahrzehntelangen biologischen Bewirtschaftung handfest war: Die Dähler-Karotten waren wegen ihres unvergleichlichen Geschmacks berühmt bis nach Thun, den Einschnittkabis – eines der Hauptstandbeine des Betriebs – mussten die Dählers, mit einer einzigen Ausnahme im trockenen Jahr 1976, nie gegen Raupen spritzen wie ihre Kollegen. «Gesunde Pflanzen ertragen in der Regel eben auch mehr.»
Fritz Dählers Frau Margrith hingegen hatte sich gerade in den Anfängen ihres Betriebs ab und zu als Aussenseiterin gefühlt. Die ausgebildete Bäuerin zog sich allerdings nicht zurück, sondern ging in die Offensive: Sie bildete über Jahre, wie ihr Mann auch, junge Menschen auf dem Betrieb aus – sie 14 angehende Bäuerinnen, er 44 werdende Bauern. Margrith Dähler wurde zudem trotz ihres Biobäuerinnenstatus Prüfungsexpertin. Daneben zog sie vier Töchter gross. «Heute weiss ich auch nicht mehr, wie ich es eigentlich geschafft habe, all das unter einen Hut zu bringen und mich noch gegen Vorurteile zu wehren», sagt die 72-Jährige, lacht herzhaft und verschwindet wieder in die Küche, um die Geburtstagstorte für eines ihrer Enkelkinder zu verzieren.
Kritik aus Amerika
In dieser Küche stehen auch zwei Müeslipackungen. «Organic Swiss Müsli» steht darauf. Auf der Hinterseite abgebildet sind Fritz und Margrith Dähler in der Tracht, vorgestellt werden sie im Text daneben als Biolandwirtschaftspioniere. Die Dählers haben einst auch das Unternehmen Familia mit Getreide beliefert, das produzierte Müsli wurde und wird – nebst der Schweiz – in Amerika vertrieben.
Doch just von dort kam jüngst heftige Kritik an der biologischen Landwirtschaft: Nina Fedoroff, Präsidentin der Amerikanischen Wissensgesellschaft, liess öffentlich verlauten, Bioprodukte seien nicht besser, ihr Anbau schone die Umwelt nicht, ja könne sogar gefährlich sein. Fritz Dähler nimmt solche Kritik gelassen: «Nicht die Politik wird die Zukunft der biologischen Landwirtschaft bestimmen, sondern die Konsumenten. (Der Bund)
Erstellt: 25.04.2012, 15:08 Uhr
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