AKW Mühleberg: EU-Experte sieht Sicherheitsmangel

Der ungarische Nuklearprofessor und EU-Experte Attila Aszódi kritisiert das Fehlen einer zweiten Quelle für die Kühlung des Reaktors. Dass notfalls die Feuerwehr einspringen würde, sei keine Alternative zu einer zweiten Kühlquelle.

Sicherheitsmangel: Die Reaktorkühlung von Mühleberg ist allein von der Aare abhängig.

Sicherheitsmangel: Die Reaktorkühlung von Mühleberg ist allein von der Aare abhängig. Bild: Manu Friederich

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Sie waren im EU-Stresstest für AKW-Sicherheit einer der Experten für Probleme, die alle AKW betreffen können. Was hat der Stresstest gebracht?
Ich arbeitete in der Expertengruppe, die sich mit dem Ausfall von Sicherheitsfunktionen befasste. Was passiert, falls die Notkühlung oder die Stromversorgung eines Reaktors zusammenbricht? Interessant und hilfreich ist, dass die Querschnitt-Analyse, die wir in Luxemburg durchführten, die erste Gelegenheit war, bei der alle europäischen Kernkraftwerke verglichen wurden.

Viele Leute in der Schweiz denken, dass die AKW vor allem im Osten Europas unsicher sind. Was meinen Sie als ungarischer Experte?
Es gibt viele unterschiedliche Reaktortypen mit jeweils eigenen Vor- und Nachteilen. Ein Plus von russischen KKW ist, dass ihre Leistungsdichte vergleichsweise niedrig ist. Deshalb hat man im Notfall mehr Zeit, um ein Problem zu lösen. Ein starker Punkt von westlichen Reaktortypen ist dagegen der Sicherheitsbehälter, der mehr Druck aushält.

Die Annahme ist auch, dass die Nuklearaufsicht in Ost- und Mittelosteuropa weniger streng ist.
Die Querschnittsanalyse in Luxemburg hat dies für mich nicht bestätigt. Die Kooperation zwischen Aufsicht und Betreibern ist in vielen dieser Länder oft effektiver. Die Antworten zum Stresstest aus östlichen Ländern waren deshalb oft von viel besserer Qualität als jene aus westlichen Ländern.

Interessant ist: Das EU-Expertenteam befasste sich in Luxemburg mit einem Problem, das im tschechischen AKW Dukovany wie auch in Mühleberg existiert: Es fehlt eine zweite Quelle für die Notkühlung.
Bei beiden fehlt eine Alternative zur sogenannten ultimativen Wärmesenke. Mit dem Abschalten wird die Wärmeproduktion im Reaktor nicht vollständig gestoppt, der nukleare Zerfallsprozess geht weiter. Um die Brennstäbe in einem sicheren Zustand zu halten, muss der Reaktor über längere Zeit gekühlt werden, man muss Wasser ins Werk bringen. Diese ultimative Wärmesenke ist entscheidend. Deshalb müssen alle KKW so ausgelegt sein, dass eine Alternative vorhanden ist, um die Wärme auch in dem sehr unwahrscheinlichen Fall abzuführen, wenn die normale Wärmesenke ausfällt. In den meisten KKW ist – neben der normalen Wasserversorgung aus einem Fluss – ein Grundwasserbrunnen oder ein spezieller Kühlturm die zweite Wärmesenke.

Fehlt die zweite Quelle nur in diesen beiden Werken?
Im Rahmen des Stresstests wurde das Problem bei diesen zwei KKW identifiziert und viele Male intensiv diskutiert.

Die zweite Quelle ist also wichtig. Was empfahl die Expertengruppe?
Sowohl bei Mühleberg wie bei Dukovany hatten die Schweiz und Tschechien in ihren Länderberichten das Fehlen einer zweiten Wärmesenke selbst erwähnt. Dennoch: Wir mussten betonen, dass dieses Problem so rasch wie möglich gelöst werden muss. Denn es ist ein sehr wichtiges und grundlegendes Sicherheitsprinzip für alle Kernkraftwerke.

Sie betonten auch, dass dieses Problem schon in den 70er- oder 80er-Jahren hätte gelöst werden müssen.
Das stimmt: Es war von Beginn weg für Betreiber und Behörden klar, dass dies wichtig ist. Es ist wirklich eine sehr grundlegende Sicherheitsanforderung. Dies wegen des gefährlichen Materials, das in den Werken behandelt wird. Es ist zwar sehr einfach, dieses in sicherem Zustand zu halten, aber dafür braucht man Wasser. Man muss vorbereiten, dass Kühlwasser unter allen Umständen in den Reaktor geführt werden kann. Denn die Sicherheitssysteme müssen gekühlt werden.

In der Schweiz hat die Nuklearaufsicht das Problem nach Fukushima erkannt, sie will Mühleberg nun aber Jahre Zeit geben, um die alternative Wärmesenke zu realisieren.
Im Schweizer Länderbericht las ich, dass im Sommer 2011 gewisse Änderungen in Mühleberg vorgenommen wurden: Man hat mobile Pumpen installiert, um die Kühlung auch im Fall eines Ausfalls der Wasserzufuhr zu garantieren.

Diese mobilen Pumpen müssten Feuerwehrleute im Notfall von Hand bedienen. Ist das akzeptabel?
Auch in anderen KKW in Europa gibt es zusätzliche mobile Einrichtungen, die zum Beispiel von Feuerwehrleuten bedient werden müssten. Diese sind dafür aber speziell ausgebildet und geübt.

In Mühleberg ist dies aber nun für einige Jahre die letzte Alternative zur Wärmesenke. Dies ist im Fall einer Naturkatastrophe schwierig, wie Fukushima gezeigt hat.
Ich kenne den schweizerischen Zeitplan nicht, ich befasste mich zusätzlich zur Querschnittsanalyse mit anderen Ländern: Tschechien, Bulgarien und mit der Ukraine.

Was bedeutet die Empfehlung der Experten denn für Dukovany?
Sie sehen drei bis vier Jahre vor, um eine zweite Wärmesenke zu bauen. Meiner Meinung nach müsste es schneller gehen, aber ich bin nicht der Konstrukteur für solche Lösungen.

Letzten Sommer zeigte eine Studie für Mühleberg, dass die Notkühlung bei einem Hochwasser verstopfen könnte. Entspricht es einem anspruchsvollen Verständnis von Sicherheit, dass dann notfalls Feuerwehrleute eingesetzt würden?
Der Einsatz der Feuerwehr ist eine Zusatzmassnahme für den Fall, dass man alles verloren hat. Für ein KKW braucht man wirklich fest installierte technische Systeme, um die Wärmesenke zu garantieren. Zum Thema Hochwasser ist wichtig: Naturkatastrophen mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:10'000 pro Jahr müssen mit fest installierten System beherrscht werden. Die Frage für Mühleberg ist: Wie wahrscheinlich ist das Ereignis, das die Wasserzufuhr ausser Kraft setzen könnte?

Es war 1:10'000, denn dies war die Vorgabe der Nuklearaufsicht für die nationale Fukushima-Überprüfung.
Ich betone noch einmal und sehr klar: Die internationale Sicherheitsempfehlung besagt, dass alle Ereignisse in der Auslegung des Reaktors berücksichtigt werden müssen, die mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:10'000 eintreten können. Nötig sind fest installierte Sicherheitssysteme, um diese Ereignisse zu beherrschen. Falls im Fall von Mühleberg die Wasserzufuhr bei einem solchen Ereignis ausfallen könnte, muss man eine zusätzliche Quelle für die Wärmesenke installieren. Der Einsatz von mobilen Pumpen und Feuerwehrleuten ist nur für auslegungsüberschreitende Ereignisse akzeptabel. Zum Beispiel bei einem Hochwasser, wie es nur einmal in 100'000 Jahren auftritt.

Dann müsste Mühleberg folglich vom Netz genommen werden, bis eine Alternative zur Notkühlung mit Flusswasser gebaut ist?
Das ist ein Entscheid, den die nationalen Aufsichtsbehörden fällen müssen. Sie können beurteilen, wie gross die Gefahr ist.

Im Schweizer Bericht wurde das Defizit in Mühleberg erwähnt. Dennoch erklärte das EU-Expertenteam, das den Bericht überprüft hatte, der Schutz gegen den Verlust der Wärmesenke sei in der Schweiz «herausragend». Ein Schulterklopfen unter Kollegen?
In den folgenden Sätzen des Expertenberichts wird das Fehlen einer alternativen Wärmesenke in Mühleberg erwähnt. Wenn man alles liest, ist es korrekt.

Die Schweizer Nuklearaufsicht zitierte in ihrer Pressemitteilung aber nur den lobenden Satz.
Um es höflich zu sagen: Das war wohl nicht optimal. Aber ich denke, der Schweizer Länderbericht war korrekt, der Fall Mühleberg wurde erwähnt. (Der Bund)

Erstellt: 22.05.2012, 11:59 Uhr

Professor Attila Aszódi (42) ist Direktor des Instituts für Nukleartechnik in Budapest und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der ungarischen Nuklearaufsicht. Er wirkte im Rahmen des EU-Stresstests für AKW-Sicherheit als Experte mit.

Aszódi ist ein erklärter Befürworter der Atomenergie. «Ohne sie werden wir unsere Energiebedürfnisse kaum in einer klimafreundlichen Weise decken können», sagt er. Zentral sei aber, dass die Werke mit der grösstmöglichen Sicherheit betrieben werden. (Bild: zvg)

Sicherheit in Mühleberg

Als einziges AKW in der Schweiz und eines von wenigen in Europa ist Mühleberg im Katastrophenfall ganz von Flusswasser abhängig, um den Reaktor zu kühlen. Erst nach Fukushima erkannte das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) dies als Sicherheitsmangel – und ordnete die Erschliessung einer alternativen, erdbebensicheren «Wärmesenke» an. AKW-Gegner kritisieren, dass das Ensi der BKW für diese Nachrüstung Jahre Zeit lässt – und in der Zwischenzeit akzeptiert, dass notfalls Feuerwehrleute mit mobilen Pumpen den Reaktor kühlen müssten.

Greenpeace und AKW-Kritiker Markus Kühni wollen mit einem Rechtsverfahren erreichen, dass das Ensi Mühleberg sofort abschaltet und erst wieder ans Netz lässt, wenn es nachgerüstet ist. Je nach Verlauf des Verfahrens könnte Mühleberg also noch vor dem Auslaufen der Betriebsbewilligung im Juni 2013, die das Bundesverwaltungsgericht angeordnet hat, vorläufig vom Netz gehen. Die Aussagen des ungarischen Nuklearprofessors Attila Aszódi sind in diesem Zusammenhang brisant, gerade weil sie von einem erklärten Anhänger der Nuklearenergie stammen.

Fest installierte Systeme nötig

Zwar äussert er sich im «Bund»-Interview nicht zur Frage, ob das Ensi Mühleberg vorläufig abschalten soll. Etliche seiner Aussagen stützen aber die Argumentation von Kühni. So ist Aszódi der Ansicht, dass eine alternative Wärmesenke in dem mit Mühleberg vergleichbaren AKW Dukovany schneller als in drei bis vier Jahren gebaut werden müsse. Die für Greenpeace und Kühni interessanteste Aussage von Aszódi ist: Der Nuklearprofessor bekräftigt ihre Ansicht, dass Ereignisse mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:10 000 pro Jahr mit fest installierten Sicherheitssystemen beherrscht werden müssen – also zum Beispiel mit einer alternativen Wärmesenke.

Ensi: Ausnahmen zulässig

Das Ensi nahm gestern auf Anfrage im Einzelnen keine Stellung zu den Aussagen von Aszódi – sondern verwies auf frühere Statements. In den Antworten auf die Kritik von Kühni hatte es betont, die internationalen Sicherheitsempfehlungen würden unter gewissen Bedingungen Ausnahmen vom erwähnten Grundsatz zulassen. Dies habe kürzlich auch ein Expertenteam der Internationalen Atomenergieagentur bestätigt.

Zudem hat das Ensi mit Stolz auf den Bericht jener EU-Experten verwiesen, die sich speziell mit dem Länderbericht der Schweiz befasst hatten. Dieser habe ein «hohes Sicherheitsniveau der Schweizer Kernkraftwerke bestätigt».

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