Bern
«1. Priorität: Oberland, 2. Priorität: Oberland»
Von Dölf Barben. Aktualisiert am 16.07.2012 22 Kommentare
Glückliche Sommer auf der Alp
Auf ihrer Homepage montiert die SVP-Grossrätin Bilder des Oldenhorns und des Rathauses zusammen. Bethli Küng-Marmet ist Skirennfahrerin und Politikerin.
«Ich verbrachte eine glückliche Jugendzeit, im Winter vor allem auf den Ski und im Sommer mit meiner Familie und allen Rindviechern auf der Alp im Tal der La Manche bei Rougemont»: Dies schreibt Bethli Küng-Marmet, die SVP-Grossrätin aus Saanen, auf ihrer Homepage. Die «Politikerin, Hausfrau, Lehrerin und Skilehrerin» hat ihre Internetseite mit einer Fotomontage geschmückt: Im Hintergrund des Berner Rathauses, in dem sie seit 1998 ein und aus geht, erheben sich die Diablerets-Gipfel mit dem Oldenhorn.
Geht es um den Stadt-Land-Konflikt, fällt einem zuerst Bethli Küng ein. An vorderster Front bekämpfte sie 2004 die erste Vorlage zum Tram Bern-West. Dabei sei es darum gegangen, zu sparen – mit einem Stadt-Land-Graben habe das nichts zu tun gehabt, sagt Küng. Im Resultat jedoch kam der Stadt-Land-Konflikt deutlich zum Ausdruck.
1968 hätte Bethli Marmet, wie sie vor ihrer Heirat hiess, mit der Ski-Nationalmannschaft an die Olympischen Spiele nach Grenoble fahren sollen. Ein paar Monate vorher stürzte die Schweizermeisterin im Slalom und in der Kombination im Training und erlitt einen komplizierten Oberschenkelbruch. Dieser Unfall bedeutete das Ende ihrer Karriere als Skirennfahrerin.
Küng ist seit 2005 verwitwet. Sie lebt in Saanen in einem grossen Chalet, unmittelbar neben ihrem Elternhaus, in dem sie am Neujahrstag 1946 zur Welt kam. Küng ist Mutter dreier erwachsener Kinder und dreifache «aktive Grossmutter», wie sie schreibt.
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Frau Küng, als Kind verbrachten Sie die Sommer auf der Alp, das Seminar besuchten Sie in Bern. Das ist ja fast wie die Geschichte von Heidi.
Bethli Küng-Marmet: Ja, ich kenne beides. Die Sommer auf der Alp sind unvergesslich. Und während der Seminarzeit lernte ich die Stadt Bern kennen.
Warum besuchten Sie nicht das Seminar in Thun?
Meine Eltern kannten ein Ehepaar aus Bern. Es waren Feriengäste. Dort konnte ich in einer Mansarde wohnen.
Vom Heidi-Land Knall auf Fall in die Stadt. Wie haben Sie das überlebt?
Weil ich am Wochenende nach Hause fahren konnte, hatte ich nie Heimweh.
Jedes Wochenende nach Hause?
Manchmal fuhr ich sogar am Mittwochnachmittag heim. Dann hat mich der Vater am nächsten Morgen immer nach Zweisimmen zum Bahnhof gebracht. Sonst hätte es nicht gereicht, rechtzeitig wieder nach Bern zu gelangen.
Die Stadt interessierte Sie also nicht.
Im Gegenteil. Ich habe in dieser Zeit versucht, sie kennen zu lernen. Das Stadttheater und die anderen kulturellen Angebote interessierten mich sehr. Ich hatte das Glück, eine Kollegin zu finden, die mitten in der Stadt wohnte. Sie hat mir viel gezeigt. Schwimmen lernte ich übrigens in der Aare. Kaum beherrschte ich drei, vier Züge, nahmen mich zwei Kolleginnen mit. Sie sagten, sie nähmen mich in die Mitte, das werde schon gehen. So war es, es funktionierte gleich beim ersten Mal. Ich war in Bern zufrieden. Mir gefällt die Stadt noch heute.
Wäre es für Sie damals infrage gekommen, unterhalb von Thun eine Stelle als Lehrerin zu suchen?
Als wir ein Formular ausfüllen mussten, wo wir ins Praktikum wollen, gab es zwei Zeilen: 1. Priorität, 2. Priorität. Ich schrieb auf beide Zeilen «Oberland».
Wurde Ihr Doppelwunsch erhört?
Als der Seminardirektor die Plätze verteilte, sagte er: Frau Marmet, Sie liessen uns keine Wahl. Sie müssen jetzt ins Chalberhönital an eine Gesamtschule.
Also ein Ortsteil von Saanen?
Ja. Und dann stand ich auf und sagte: «Herr Direktor, Sie machen mir die grösste Freude.»
Aber warum zog es Sie so sehr zurück, wenn es in der Stadt doch so schön war?
Das hing bestimmt mit meinen Eltern zusammen. Ich habe wirklich eine glückliche Jugend verbracht. Zudem galt meine Leidenschaft dem Skifahren. Ich fühlte mich so wohl im Saanenland, dass es nicht anders sein konnte.
Seit 1998 sind Sie Grossrätin und dadurch immer wieder in Bern. Wie ist Ihre Beziehung zur Stadt heute?
Ich habe zu keiner anderen Stadt in der Schweiz eine solch enge Beziehung, ich könnte schon fast von einer Liebe zu dieser Stadt sprechen. Jeder Bewohner des Kantons gehört ja irgendwie zu dieser Stadt – auch wenn man im hintersten «Chrachen» wohnt.
Aber längst nicht alle Bewohner des Kantons sagen «Bern ist auch meine Stadt». Nach der Annahme der Zweitwohnungsinitiative nimmt man eher wieder feindselige Äusserungen wahr, gerade vom Land her.
Ich glaube, das ist ein falscher Gesichtspunkt. Die Ablehnung ist nicht gegen die Stadt oder die Stadtbevölkerung gerichtet, sondern gegen die Regierung.
Gegen die Stadtregierung?
Es geht um die Kantonsregierung. Diese ist halt in Bern positioniert. Das wird gerne vermischt. Es geht um die Ablehnung des Zentralisierungswahns, der von dieser Regierung entwickelt wird.
Aber warum richtet sich der Unmut nicht gegen den Grossen Rat? Weil er bürgerlich ist? Er verantwortet ja die Entscheide, wie jenen zur Bezirksreform.
Soll ich Ihnen sagen, warum die entscheidende Abstimmung verloren ging?
Wegen Absenzen?
Ja, weil der jetzige BDP-Nationalrat Hans Grunder . . .
. . . der ja auch im Nationalrat oft fehlt, wie jüngst berichtet wurde . . .
. . . ja, weil der eine halbe Stunde zu spät kam. Mit seiner Stimme hätten wir die Reform im Grossen Rat abgeblockt. Ach, wie ich damals wütend geworden bin.
Sie sind ja bekannt dafür, dass Sie wütend werden können. Auch den heutigen SP-Nationalrat Corrado Pardini haben Sie nicht sehr zuvorkommend behandelt. Als es um die Pauschalsteuer für reiche Ausländer ging, bezeichneten Sie die Gewerkschaften als Heuchlervereinigung.
Ja. Gewerkschafter Pardini unterstützt die Initiative «Faire Steuern – Für Familien», und die will die Pauschalsteuer abschaffen. Damit gefährdet er bei uns viele Arbeitsplätze. Es ist jetzt an uns, den Städtern zu zeigen, dass die sogenannt Reichen bei uns gar keine Steuern bezahlen müssten. Wenn wir die Pauschalsteuer abschaffen, können sie ihre Papiere einfach anderswo deponieren.
Aber jetzt sprechen Sie gerade selbst von «den Städtern». Geht es also doch nicht allein um die Regierung?
Bei Abstimmungen fühlt sich die Landbevölkerung tatsächlich manchmal bevormundet. Zuletzt bei der Zweitwohnungsinitiative.
Und dann vertieft sich der Graben?
Ja. Bei Harmos war es auch so. Die ländlichen Bezirke sagten generell Nein, weil niemand einen zweijährigen Kindergarten will. Dann kommt die Stadt – und dann haben wir nichts mehr zu sagen.
Wo überqueren Sie denn diesen Graben, wenn Sie nach Bern fahren?
Ungefähr bei Münsingen.
Dann gehört Thun noch zum Land?
Ja. Wenn man schaut, wie sie abstimmen, ist das eindeutig so. Das sind eben noch Oberländer. Entschuldigung.
Keine Ursache. Aber wo liegt für die ländliche Seite das Hauptproblem?
Mit der Bezirksreform hat man uns das Gericht genommen, das Grundbuchamt – alles wurde abgezogen. Damit ziehen auch Leute weg. Die Schulen in den Seitentälern mussten wir ebenfalls schliessen. Dadurch ist es immer unattraktiver, in den «Chrächen» zu wohnen.
Gibt es da nicht einen Widerspruch? Ihre Partei, die SVP, will immer mehr sparen und Steuern senken. Und dann klagen Sie, dass nicht jede Schule finanziert werden kann.
Es wird ja nicht einmal akzeptiert, wenn eine Gemeinde eine zu kleine Klasse selber finanzieren möchte. Die Schliessungen werden uns befohlen. Wir können ja nicht einmal Eigeninitiative entwickeln und unsere ländlichen Leute unterstützen. Immerhin gehört Saanen im Finanzausgleich zu den grössten Zahlern.
Was müsste denn geschehen, damit der Graben sich verkleinert?
Ich glaube, da hätte man wohl schon die Bezirksreform ablehnen müssen. Da hat die Landbevölkerung viel Autonomie verloren. Vorher brauchten wir nicht um alles zu bitten. Jetzt müssen wir immer fragen, wenn wir etwas wollen. Die verminderte Selbstbestimmung auf dem Land ist der Hauptgrund, weshalb es einen Stadt-Land-Graben gibt.
Aber beim neuen Kinder- und Erwachsenenschutz zum Beispiel gibt es ja eine Aussenstelle in Saanen.
Wissen Sie, wem das Saanenland die zu verdanken hat?
Ihnen?
Was sie sich eigentlich vorstellen, habe ich gefragt. Unsere Leute hätten wegen der kleinsten Anhörung nach Frutigen fahren sollen. Da habe ich doch immerhin etwas zustande gebracht, nicht?
Es gibt ja Leute, die den Kanton Bern in zwei Halbkantone teilen möchten? Ist das eine gute Idee?
Das wäre absolut machbar.
Sicher?
Problemlos.
Mit Ihnen im Regierungsrat?
Nein, nein, da wären Grossmütter nicht mehr gefragt. Im Ernst: Von der Fläche her wäre ein Kanton Oberland immer noch grösser als andere Kantone. Aber vor allem wäre die Gesinnung, die Mentalität überall die gleiche.
Jetzt sagen Sie erneut, dass nicht nur die Regierung das Problem ist, sondern dass es auch um Unterschiede zwischen Land- und Stadtbewohnern geht.
Ich habe das Gefühl, den Leuten in der Stadt und in den Agglomerationen wird alles präsentiert, und sie haben alles in Griffnähe. Die sind sich gar nicht mehr bewusst, wie sehr sie von diesem Kanton überall profitieren. Und wir hier weiter aussen, wir müssen für alles kämpfen, was wir zusätzlich haben möchten. Wir müssen kämpfen, damit wir überhaupt etwas bekommen. (Der Bund)
Erstellt: 16.07.2012, 07:31 Uhr
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22 Kommentare
Frau Küng, haben Sie mal gerechnet, wie viel Ihr schöner Halbkanton vom Stadtkanton dann an Finanzausgleich erhalten würde? Ich sage Ihnen, ohne die Kohle aus dem städtischen Teil und dem Mittelland wären Sie da oben schon längst verhungert. Aber meine Stimme haben Sie, und wenn Sie möchten, bauen wir Ihnen gerne auch noch eine Mauer um ihren schönen Landkanton. Antworten
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