Werden die alten Wunden nun verheilen?
SVP-Grossrat Gerhard Fischer steht mit versteinertem Blick im Eingang des «Ratskellers» in der Unteren Berner Altstadt. Das Lokal ist praktisch leer, die Häppchen, die auf den Tischen auf feiernde SVPler warten, dürften ihm im Moment im Hals stecken bleiben. «Natürlich bin ich enttäuscht, dass Beatrice Simon gewählt wurde und nicht Albert Rösti», sagt er. Rösti sei ein Kandidat mit Format. «Wen hätten wir denn bloss aufstellen müssen, um zum Zug zu kommen?» Dass die Häppchen allerdings an diesem Abend gar nicht angerührt werden, glaubt Fischer nicht. «Warten wir auf die Resultate der Grossratswahlen.»
Auch SVP-Präsident Rudolf Joder bleibt dem Restaurant vorerst fern. Nachdem feststeht, dass die BDP mit Simon in den Regierungsrat einziehen, muss er vor den Medien das Bild des Verlierers abschütteln – von der bürgerlichen Wende und dem SVP-Anspruch auf zwei Sitze ist plötzlich keine Rede mehr. «Wir konnten unseren Sitz behalten, das ist ein Erfolg, denn die Justiz-, Gemeinden- und Kirchendirektion von unserem Regierungsrat Christoph Neuhaus ist nicht besonders attraktiv, sie lässt sich schlecht vermarkten», sagt er. Die gemeinsame Kampagne für die bürgerlichen Kandidaten, welche die Wirtschaftsverbände lanciert haben, habe zu einer Zersplitterung des bürgerlichen Lagers geführt. Joder sagt allerdings nicht, dass die Bürgerlichen ohne die Initiative der Wirtschaftsverbände wohl auf keinem einzigen Plakat gemeinsam Wähler angelächelt hätten.
Ein Neuanfang wird möglich
«Hinzu kommt, dass die Leute nicht wählen gingen. Vor allem auf dem Land hatten wir mit einer höheren Mobilisierung gerechnet», sagt Joder. Die bürgerliche Wende könne erst gelingen, wenn der SP-Regierungsrat mit dem garantierten Jura-Sitz, Philippe Perrenoud, zurücktrete.
SVP-Grossrat Hans Rösti steht etwas verloren im Scheinwerferlicht. So richtig freuen mag er sich nicht über seine Wiederwahl. Der Grund dafür ist schnell gefunden: Sein Bruder Albert hat den Einzug in die Regierung verpasst. Hans Rösti tröstet sich mit dem Resultat der Grossratswahlen: «Der Rat ist nun bürgerlicher. Da wird es einfacher, etwas zu erreichen», sagt er. Zudem werde sich nun wohl die Situation zwischen SVP und BDP entspannen. «Im Moment gibt es noch Wunden, die von der Spaltung herrühren.» Durch das gute Wahlergebnis sei die BDP nun aber vom Volk legitimiert worden. «Wir haben nun nicht mehr das Gefühl, sie seien mit unseren Stimmen gewählt worden. Wir können jetzt neu anfangen.»
Am späteren Abend wird dann klar, dass die Regierungsratswahl für die SVP nur ein Wermutstropfen ist angesichts der Grossratswahl. «Wir sind hoch erfreut über diesen Erfolg», sagt Joder. Dank ihren 44 Sitzen könne die SVP nach einer «kurzen Pause» ihre Sitzungen nun wieder im angestammten Sitzunglokal, dem Grossratssaal, abhalten, während die SP in die Staatskanzlei umziehen müssen. Die Häppchen im Ratskeller werden an diesem Abend wohl doch noch aufgegessen. (sn) (Der Bund)
Erstellt: 29.03.2010, 08:44 Uhr
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